Späte Ehrung für Mummenschanz in St. Gallen

Nach 50 Jahren kommen die Ehrungen: 2023 fand zum Start der Jubiläumstour eine Retrospektive über die Theatergruppe Mummenschanz im St. Galler Kulturmuseum statt. Nun gibt es den nur alle vier Jahre verliehenen Grossen Kulturpreis der St. Gallischen Kulturstiftung.

Mummenschanz wird mit dem Grossen Kulturpreis der St. Gallischen Kulturstiftung ausgezeichnet. (Archivbild)
Mummenschanz wird mit dem Grossen Kulturpreis der St. Gallischen Kulturstiftung ausgezeichnet. (Archivbild) - KEYSTONE/MICHAEL BUHOLZER

Roman Signer, Pipilotti Rist, der Theatermacher Milo Rau, Gardi Hutter – wie Mummenschanz mit einer Beziehung zu Altstätten – oder die Familien Knie. Das sind einige der Künstlerinnen und Künstler, die bereits den Grossen Kulturpreis der St. Gallischen Kulturstiftung erhalten haben.

Es hätte in der langen Karriere von Mummenschanz wahrscheinlich mehrmals einen guten Zeitpunkt für die Auszeichnung gegeben. Nun kam die Ankündigung am letzten Montag.

Mummenschanz habe Theatergeschichte geschrieben, teilte die St. Gallische Kulturstiftung mit. Seit 54 Jahren begeistere das Maskentheater auf internationalen Bühnen mit poetischen Geschichten und einer Bewegungssprache, die über die klassische Pantomime hinausgehe.

Ein Markenzeichen seien Masken aus Lehm, die von den Künstlerinnen und Künstlern zum Leben erweckt würden. Die Company spiele mit Alltagsgegenständen wie WC-Papier, Röhren, Klötzen – «und immer wortlos».

Gegründet wurde Mummenschanz 1972 von Andres Bossard, Bernie Schürch und Floriana Frassetto. Sie hatten sich an der Bewegungs- und Maskentheaterschule Jacques Lecoq in Paris kennengelernt. Schon bald folgten Einladungen an renommierte Theaterfestivals.

Aus einer Einladung in die USA wurden insgesamt drei Jahre. Für viele Jahre seien die Aufführungen von Mummenschanz «The longest running Show» am Broadway gewesen.

1992 starb Andres Bossard, 2012 trat Bernie Schürch von der Bühne ab. Floriana Frassetto blieb und hat immer noch die künstlerische Leitung inne. Kontinuierlich wurden junge Schauspielerinnen und Schauspieler in die Produktion eingeführt.

Mummenschanz ist auch weiterhin auf Tournee. Auf der Homepage findet sich ein Tourplan mit mehreren Auftritten im Teatro Menotti in Mailand im Februar. Es folgen Engagements in Siegen, Duisburg oder am 21. März im Kleist Forum in Frankfurt an der Oder.

Gezeigt werden im Jubiläumsprogramm «50 Years» die beliebtesten und erfolgreichsten Nummern mit Charakteren wie den Lehmmasken oder den Klopapier-Gesichtern, wie es in der Beschreibung heisst. Zu sehen sind etwa auch der «Röhrenmann» sowie die fragilen, luftgefüllten «Giants».

Der Grosse Kulturpreis ist nicht die einzige Ehrung für Mummenschanz in St. Gallen in den letzten Jahren. 2023 widmete das Kulturmuseum (früher: Historisches und Völkerkundemuseum) den «Virtuosen der Stille» eine grosse Retrospektive.

Die Ausstellung begann mit dem Strassenlärm und den bunten Leuchtreklamen in New York, wo die drei Gründer Bossard, Schürch und Frassetto von 1977 bis 1980 spielten. In einem «Theaterfoyer» erinnerten Plakate an die Auftritte der Truppe von Buenos Aires bis Bogota, von Yokohama bis Rapperswil.

Unterstützung gab es für Mummenschanz auch immer wieder aus dem St. Galler Lotteriefonds. 2011 war es mit 250'000 Franken ein vergleichsweise grosser Betrag, gedacht für eine Neupositionierung der Theatergruppe. Ein Streichungsantrag aus den Reihen der SVP blieb damals chancenlos.

Noch weiter zurück verhinderte vor 24 Jahren eine Abstimmung, dass sich Mummenschanz dauerhaft in der Stadt St. Gallen niederliess. Es ging um die Frage, ob ein Theaterprovisorium mit 485 Plätzen, das während der Expo.02 auf der Arteplage in Biel stand, in St. Gallen als Mummenschanz-Theater wieder aufgebaut werden soll. Mummenschanz wollte den Bau der Stadt für zehn Jahre zur Verfügung stellen.

Für die Theatergruppe unerwartet lehnten aber die St. Galler Stimmberechtigten das Projekt, das die Stadt knapp eine Million Franken gekostet hätte, mit 11'137 gegen 9609 Stimmen ab. Mummenschanz hatten zuvor ihren Sitz vom Tessin nach St. Gallen verlegt. Das Theater wurde schliesslich in Villars-sur-Glâne im Kanton Freiburg wieder aufgebaut.

Das ist alles lange her. Nun folgt die Ehrung mit dem Grossen Kulturpreis, der im Kanton St. Gallen nur alle vier Jahre und bisher erst elfmal verliehen wurde. Die Auszeichnung gebe es für die «global umspannende Tätigkeit und den lang anhaltenden Erfolg», hiess es in der Mitteilung. Geehrt würden Persönlichkeiten oder Kollektive, deren Schaffen über längere Zeit gereift sei und ein national und international anerkanntes Niveau erreicht habe.

Die offizielle Übergabe des Preises findet am 3. April 2027 im Rahmen einer Matinée im Theater in St. Gallen statt.

Kommentare

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Die aktuelle Ehrung und Preisvergabe wird von allen Parteien, auch der SVP mitgetragen. 1994 lehnte die kantonale SVP im Grossen Rat des Kantons St. Gallen einen Geldbeitrag an die Maskentheatergruppe Mummenschanz aus finanzpolitischen Grundsätzen ab. Die Ablehnung begründete sich damals auf folgenden Punkten: Skeptische Haltung gegenüber Kultursubventionen: Die SVP vertrat die Position, dass der Staat bei der Kulturförderung zurückhaltend sein sollte. In einer Zeit angespannter öffentlicher Finanzen priorisierte die Partei Einsparungen gegenüber Ausgaben für kulturelle Projekte. Da Mummenschanz bereits damals eine international sehr erfolgreiche und bekannte Gruppe war, argumentierten Kritiker aus dem bürgerlichen Lager oft, dass solche Formationen sich durch Ticketverkäufe und privates Sponsoring selbst tragen müssten, statt auf staatliche Unterstützung angewiesen zu sein. Die Partei forderte häufig, Steuergelder eher für Schweizer Infrastruktur wie Schulen, Strassen, Spitäler usw. oder für Sicherheit einzusetzen, statt für Kunstformen, die sie als weniger essenziell für die Grundversorgung betrachtete.

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