So setzen Neophyten die Artenvielfalt unter Druck
Neophyten, also nicht heimische Pflanzen, werden zum echten Problem. Sie verdrängen Pflanzen, welche überlebenswichtig für Tiere sind.

Invasive Neophyten verändern auch im Thurgau wertvolle Lebensräume. Der Kanton setzt auf frühes Eingreifen, Pro Natura auf die Pflege der Schutzgebiete, die Gartenbaubranche auf Beratung und Alternativen.
Nathalie Messner von der kantonalen Fachstelle Neobiota, Markus Bürgisser von Pro Natura Thurgau und Rolf Schläpfer, Geschäftsführer der Roth Pflanzen AG und Präsident von JardinSuisse Thurgau, erklären, weshalb das Thema weit über einzelne Pflanzen hinausgeht.
Rolf Schläpfer zeigt auf dem Handy ein Bild vom invasiven Einjährigen Berufkraut und hält dieses neben eine Reihe von Karwinskis Feinstrahl Blüten. Zumindest für Laien sehen sich die Blüher zum Verwechseln ähnlich.
Wo das Berufkraut heimische Pflanzen verdrängt, bietet der Feinstrahl wertvollen Nektar für Bienen. Das gleiche Spiel mit dem invasiven Kirschlorbeer und der verträglichen portugiesischen Lorbeerkirsche.
Invasive Neophyten zu erkennen, ist sichtlich eine Herausforderung. Mitunter ein Grund, warum sich invasive Arten meist unerkannt in Gärten ausbreiten.

Kritisch werde es dort, wo sich Arten unkontrolliert ausbreiten, andere verdrängen oder die Gesundheit gefährden, sagt Schläpfer.
Problem entsteht, wenn die Vielfalt fehlt
Wie viel dort auf dem Spiel steht, erlebt Markus Bürgisser in den rund 50 Schutzgebieten von Pro Natura Thurgau. «Fast jedes Schutzgebiet ist eine kleine Arche Noah. Dort überleben Arten, die in der übrigen Landschaft kaum noch Platz finden», sagt der Präsident und Besorgnis schwingt in seiner Stimme mit.
Bis zu 30 Zivildienstleistende helfen jährlich bei der Pflege der sensiblen Gebiete. Häufig beschäftigt die Helfer das Einjährige Berufkraut oder die Kanadische Goldrute. Beide können dichte Bestände bilden. «Man darf sich nicht vorstellen, dass einfach ein paar Pflanzen zwischen den anderen stehen», sagt Bürgisser.
«Es gibt Flächen, auf denen praktisch nichts anderes mehr wächst. Wenn unten die breite Vielfalt fehlt, gibt es weiter oben immer weniger Tierarten», sagt er.
Viele Beziehungen seien sehr spezifisch. Eine andere Blütenpflanze könne eine verschwundene Art deshalb nicht einfach ersetzen. «Pflanzen und Insekten haben sich über lange Zeit gemeinsam entwickelt. Fehlt das eine, fehlt häufig auch dem anderen die Lebensgrundlage.»
Besonders gefährdet sind spezialisierte Arten. Tiere, die viele verschiedene Nahrungsquellen nutzen können, kommen mit Veränderungen oft besser zurecht. Wer jedoch von einer bestimmten Pflanze oder einem bestimmten Lebensraum abhängig ist, gerät rasch unter Druck.
Arten treffen dabei auf Lebensräume, die bereits klein, schlecht vernetzt und durch Klimawandel oder intensive Nutzung belastet sind. «Dann können Neophyten einer seltenen Art am Schluss den Rest geben.»
Alternativen suchen
Viele heute problematische Arten kamen einst als Zierpflanzen in die Schweiz. Samen werden vom Wind oder von Vögeln verbreitet, Wurzelstücke gelangen mit Erde und Gartenabfällen in die Landschaft.
Für Rolf Schläpfer beginnt Verantwortung deshalb bereits beim Verkauf. Er ist der Inhaber der Roth Pflanzen AG und nahm problematische Arten teilweise schon vor einem Verbot aus dem Sortiment.

Die Kundschaft reagiere meist verständnisvoll. Es gebe immer wieder Leute, die nach einem Kirschlorbeer fragen. «Wenn Gärtnereien die Kunden aufklären, wird das sehr gut aufgenommen», weiss er auch aus Berufskreisen.
Entscheidend sei, nicht nur abzuraten, sondern Alternativen zu zeigen. «Unser Job ist es, passende Lösungen zu finden.» Für immergrüne Hecken, Blütensträucher oder Sichtschutz gebe es zahlreiche Möglichkeiten. Heimische Arten wie Liguster, Heckenkirschen, Eiben oder Wildrosen könnten dabei zusätzlich Nahrung und Lebensraum bieten.
Schläpfer relativiert jedoch vor einer zu einfachen Einteilung in gut und schlecht. Ein Garten müsse nicht ausschliesslich aus einheimischen Arten bestehen. «Einheimische und unproblematische Zierpflanzen lassen sich sehr gut kombinieren.»
Wichtig sei, eine Pflanze als Teil des gesamten Standorts zu betrachten: Wie stark breitet sie sich aus? Welchen Nutzen hat sie? Und welche Folgen kann sie ausserhalb des Gartens haben?
Kanton muss Prioritäten setzen
«Die Bekämpfung invasiver Neobiota ist sehr kostenintensiv», sagt Nathalie Messner von der Fachstelle Neobiota. Im Fokus stehen Arten mit hohem Schadpotenzial sowie neue oder noch wenig verbreitete Vorkommen.
«Mit frühem Handeln lassen sich grössere Folgeschäden oft noch verhindern.» Besonders sensibel seien Naturschutzgebiete, Wälder und Uferbereiche.
Damit neue Bestände früh erkannt werden, verfügt jede Thurgauer Gemeinde über eine Neobiota-Ansprechperson. Sie nimmt Meldungen entgegen und koordiniert Massnahmen mit dem Kanton.
«Beim Grundsatz ‹Wehret den Anfängen› ist ein gut funktionierendes Netzwerk entscheidend», sagt Nathalie Messner. Privatpersonen können invasive Arten im Garten entfernen, auf Neupflanzungen verzichten und fortpflanzungsfähiges Material korrekt entsorgen.
Samen, Früchte und Wurzelteile gehören nicht auf den privaten Kompost, weil sie dort keimfähig bleiben können. Für kleinere Mengen steht der kostenlose Neophytensack bereit.
2024 wurden rund 10’000 Säcke nachbestellt, 2025 bereits 13’000. «Der Sack erleichtert die korrekte Entsorgung und senkt die Hemmschwelle für fachgerechte Entsorgung», sagt Messner.
Für grossflächig befallene Wiesen reicht ein Sack nicht. Dort beginnt eine jahrelange, teure Pflege. Deshalb setzen Kanton, Naturschutz und Gartenbau am selben Punkt an: handeln, bevor aus einzelnen Pflanzen geschlossene Bestände werden.
Denn wenn eine Fläche erst überwachsen ist, geht es nicht mehr nur um eine unerwünschte Art, sondern um die Vielfalt eines ganzen Lebensraums.
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst in den «Kreuzlinger Nachrichten» erschienen.








