So erlebte Wiler Wasserversorger die Hitzewelle!
Rekordverbrauch, Nachtschichten und Pumpen am Anschlag: Ein Besuch im Kontrollraum der TBW.

Die Wasserversorgung in Wil funktioniert weiterhin zuverlässig. Doch hinter den Kulissen läuft die Infrastruktur am Anschlag. Die Verantwortlichen der TBW erklären, weshalb sie früh Alarm geschlagen haben – und warum jetzt jeder Liter zählt.
«Wir waren nie in einer Mangellage», stellt Manuel Engler gleich zu Beginn klar. «Wasser ist vorhanden.» Der Satz ist ihm wichtig. Denn die Warnung der Technischen Betriebe Wil soll keine Panik auslösen, sondern zum Nachdenken anregen.
Das eigentliche Problem liegt nicht beim Grundwasser, sondern beim Tempo, mit dem es in diesen Hitzetagen gefördert und verteilt werden muss. Im Kontrollraum verfolgt Engler die Entwicklung auf mehreren Bildschirmen.
Grafiken zeigen den Wasserverbrauch der vergangenen Tage – und sie erzählen eine eindrückliche Geschichte. Vor rund zwölf Tagen begann der Verbrauch markant anzusteigen.
Von rund 5,2 Millionen Litern pro Tag kletterte er zunächst auf 7,2 Millionen, wenig später auf 7,8 Millionen Liter. Nach dem Wochenende schoss der Wert weiter nach oben: 8,6 Millionen Liter am Montag, am Freitag schliesslich fast 8,9 Millionen Liter Wasser innerhalb von 24 Stunden.

«Da scheppern die Pumpen richtig», sagt Engler und zeigt auf die Kurven. «Nicht, weil etwas kaputt ist. Sondern weil unsere Anlagen praktisch ohne Unterbruch auf Höchstleistung laufen.»
Jede Stunde zählt
Die Wasserversorgung gleicht derzeit einem fein abgestimmten Uhrwerk. Die Brunnenmeister wechseln sich im Dreierteam ab, der Kontrollraum ist während der Hitzewelle rund um die Uhr besetzt. Auch nachts.
«Wir wollen nicht überrascht werden», erklärt Engler. «Wenn in dieser Situation zusätzlich eine Störung auftritt, müssen wir innert kürzester Zeit reagieren. Dann heisst es sofort: Attacke.»
Gemeinsam mit Brunnenmeister Christoph Fäh und Florian Schär überwacht er Reservoirs, Förderanlagen und Leitungen. Immer wieder muss entschieden werden, welches Reservoir zusätzlich versorgt wird und wohin Wasser umgeleitet werden soll.
Die Versorgung der Stadt Wil, von Wilen, Rickenbach sowie der Partnergemeinden der Regionalwasserversorgung Mittelthurgau-Süd verlangt derzeit höchste Aufmerksamkeit.
«Das System funktioniert», betont Engler. «Aber wir wollen gar nicht erst in eine Situation geraten, in der wir an die absolute Grenze kommen.»
Sichtbares Zeichen
Aus diesem Grund verschickten die TBW zunächst einen Sparaufruf an die Bevölkerung. Erst als klar wurde, dass der Verbrauch weiter anstieg, folgte die nächste Massnahme: Die öffentlichen Brunnen wurden ausser Betrieb genommen.
«Diese Entscheidung haben wir intern intensiv diskutiert», erzählt Engler. «Uns ist bewusst, dass die Brunnen zum Stadtbild gehören und vielen Menschen wichtig sind. Aber wir wollten ein sichtbares Zeichen setzen.»
Die eingesparte Wassermenge allein löse das Problem zwar nicht. Entscheidend sei vielmehr die Signalwirkung.
«Wir möchten die Menschen dazu bringen, sich zu überlegen: Muss ich den Rasen heute wirklich sprengen? Muss das Auto jetzt gewaschen werden? Kann ich mit Wasser sorgfältiger umgehen?»
Ein Verbot sei derzeit ausdrücklich nicht das Ziel. «Wir möchten sensibilisieren, bevor wir Einschränkungen verfügen müssen.»
Rasensprenger als Wasserfresser
Wie gross der Einfluss einzelner Gewohnheiten sein kann, zeigt Brunnenmeister Christoph Fäh anhand eines einfachen Beispiels. «Der durchschnittliche Wasserverbrauch pro Person liegt bei etwa 140 bis 160 Litern am Tag», erklärt er.

«Eine vierköpfige Familie benötigt also ungefähr 600 Liter.» Ganz anders sieht es bei der Gartenbewässerung aus. «Ein Rasensprenger verbraucht in einer Stunde zwischen 800 und 1000 Liter Wasser. Wer ihn zwei Stunden laufen lässt, braucht so viel Wasser wie eine Familie während mehrerer Tage.»
Viele Menschen seien sich dieser Grössenordnung schlicht nicht bewusst. Dabei summieren sich genau solche Spitzenverbräuche. Während tagsüber zusätzlich getrunken, geduscht oder Pools nachgefüllt werden, laufen am Abend in vielen Quartieren gleichzeitig die Gartenbewässerungen.
«Planen nicht nur bis morgen»
Die Verantwortlichen denken deshalb längst über die nächsten Tage hinaus. Eigentlich sogar über die nächsten Monate. «Wir planen nicht nur bis morgen», sagt Engler.

«Wir überlegen heute schon, was passiert, wenn der August genauso trocken wird.» Denn selbst wenn es in den kommenden Tagen regnen sollte, würde sich die Lage nur langsam entspannen.
«Es braucht über längere Zeit regelmässigen Niederschlag, bis sich die Grundwasserstände wieder nachhaltig erholen.» Sollte der Verbrauch auf diesem Niveau bleiben oder weiter steigen, könnten zusätzliche Massnahmen notwendig werden.
Denkbar wären Einschränkungen bei der Bewässerung. Konkrete Entscheide seien jedoch noch keine gefallen. «Wir möchten diesen Schritt möglichst vermeiden.»
Die Lehren aus 2003
Immer wieder fällt im Gespräch ein Jahr: 2003. Damals erlebte die Schweiz einen Jahrhundertsommer. Schon in diesem Jahr stand die Wasserversorgung unter Druck.
«2003 waren wir ebenfalls nahe daran, die Brunnen abzustellen», erinnert sich Engler. Heute sei die Herausforderung allerdings grösser. «Allein in Wil leben inzwischen rund 8000 Menschen mehr als damals. Der Bedarf ist entsprechend gestiegen.»
Gleichzeitig würden Hitzewellen häufiger und länger dauern. «Der Klimawandel ist Realität», sagt Manuel Engler. «Das kann heute niemand mehr wegdiskutieren.» Gerade deshalb sei frühzeitiges Handeln entscheidend.
Nicht erst reagieren, wenn das System bereits an seine Grenzen gestossen ist. Zum Schluss richtet der Brunnenmeister noch einmal einen Appell an die Bevölkerung.
«Wir wollen keine Verbote aussprechen. Aber wir brauchen die Unterstützung aller. Jeder Liter Wasser, der heute nicht unnötig verbraucht wird, hilft mit, dass wir die Versorgung auch in den kommenden Wochen sicherstellen können.»
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst in den «Wiler Nachrichten» erschienen.








