Senioren am Steuer: Gravierende Mängel bei Fahrtests
Eine neue Studie zeigt grosse Lücken bei Senioren-Fahrtests in der Schweiz. Fachleute fordern nun klare, landesweit einheitliche Regeln.

Das Wichtigste in Kürze
- Die Fahrtests für Senioren seien in der Schweiz unzureichend und variieren je nach Kanton.
- Kognitive Tests allein zeigen die Fahrfähigkeit nur begrenzt zuverlässig.
- Fachleute fordern nationale Regeln und bessere Fahrprüfungen.
Die Prüfung der Fahreignung von Schweizer Senioren weist laut einem neuen Bericht erhebliche Mängel auf. Die Autorinnen und Autoren fordern klare, landesweit einheitliche Regeln.
Die Abklärung der Fahreignung bei über 75-jährigen Menschen oder Personen mit kognitiven Störungen sei uneinheitlich. Das heisst es im Bericht, der im Auftrag des Bundesamtes für Strassen (Astra) erstellt wurde.
«Angesichts der alternden Schweizer Bevölkerung ist es entscheidend, sichere, faire und evidenzbasierte Entscheidungen zur Fahreignung zu treffen. Um sowohl die Verkehrssicherheit als auch die persönliche Autonomie zu erhalten», heisst es im Bericht.

Die Forschungsarbeit wurde von der Hochschule für Sozialarbeit und Gesundheit Lausanne und der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) geleitet.
Kantonaler Flickenteppich
Die heutige Praxis ist dem Bericht zufolge zersplittert und variiert je nach Kanton, Sprachregion und involvierter Berufsgruppe. Es fehlt an einer Standardisierung bei den verwendeten Testverfahren und den Abläufen.
Ausserdem seien Rollen der beteiligten Fachleute oft unklar definiert. Insbesondere für die Mediziner entstehe eine Doppelbelastung, da sie gleichzeitig Betreuer und Gutachter seien.
Zudem werden dem Bericht zufolge im Vergleich zum Ausland wichtige Berufsgruppen nicht in die Beurteilungen einbezogen. Dazu zählen zum Beispiel Neuropsychologinnen, Fahrlehrer oder Ergotherapeutinnen.

Derzeit sehen die gesetzlichen Grundlagen Abklärungen hauptsächlich durch Ärztinnen und Verkehrspsychologen vor.
Testmethoden fragwürdig
Die Autorinnen und Autoren des Berichts bemängeln auch die Aussagekraft der aktuellen Testmethoden. Autofahren sei eine anspruchsvolle Tätigkeit, die Aufmerksamkeit, Verarbeitungsgeschwindigkeit, exekutive Funktionen und visuo-motorische Koordination voraussetze.
Kognitive Tests könnten Hinweise auf Einschränkungen geben. Allein würden sie jedoch keine verlässliche Aussage darüber liefern, wie sicher jemand im realen Strassenverkehr fährt.
Als zuverlässigste Methode gelten standardisierte Fahrabklärungen im realen Verkehr. Solche sogenannten Kompetenzfahrten sind laut Bericht besonders wichtig, wenn kognitive Beeinträchtigungen vermutet oder bereits bestätigt sind. Allerdings fehlen derzeit schweizweit genügend ausgebildete Fachpersonen und ein verbindlich geregeltes Verfahren.
Standardisierte Tests und klare Regeln
Um die Situation zu verbessern, schlagen die Fachleute mehrere Massnahmen vor. Dazu gehört ein standardisierter und fachlich begleiteter Test. Weiter empfehlen sie ein vierstufiges Bewertungssystem. Dieses soll von einem sofortigen Entzug des Fahrausweises bis zur Bestätigung der uneingeschränkten Fahrkompetenz reichen.

Eine weitere Empfehlung ist eine obligatorische Ausbildung für Ärztinnen und Ärzte, die Fahreignungsprüfungen bei Personen über 75 Jahren durchführen. Diese Ausbildung solle auch weiteren Fachpersonen offenstehen.
Nationale Strategie gefordert
Die Forschenden regen an, die Vorschläge in eine nationale Strategie zu überführen. Ziel sei es, den Prozess schweizweit zu vereinheitlichen, die beteiligten Fachkräfte zu unterstützen und die Öffentlichkeit besser zu informieren. Ergänzend solle man die Unterstützungsangebote für jene Personen ausbauen, die ihren Fahrausweis abgeben mussten.
«Die Herausforderung bei der Beurteilung der Fahreignung besteht darin, die Sicherheit zu gewährleisten. Und gleichzeitig die gesellschaftliche Teilhabe und Mobilität aller zu unterstützen.» So wird die Studienleiterin Isabel Margot-Cattin in einer Mitteilung zur Studie der ZHAW zitiert.
An der Studie waren neben den federführenden Hochschulen auch weitere Institutionen beteiligt: Das Universitätsspital Waadt, die Berner Fachhochschule (BFH) sowie der Westschweizer Fahrlehrerverband.








