Schicksalsschläge: So kämpften sich zwei Frauen zurück ins Leben
Colette Basler und Delia Guggenheim haben sich nach schweren Schicksalsschlägen zurück ins Leben gekämpft. Im Aarauer «Rampe-Talk» erzählen sie von ihrem Weg.

Vor ihren jeweiligen Schicksalsschlägen dürften die beiden Frauen auf dem Podium nicht allzu viel gemeinsam gehabt haben. Politik sei zwar wichtig, meint die ehemalige Marathon- und Ultraläuferin Delia Guggenheim, aber «ihr Ding» sei es nie gewesen.
Und obschon Colette Basler ihren eigenen Bauernhof im Fricktal führt, war Sport zwecks körperlicher Ertüchtigung allein nie ihre Passion. Doch wo Gegensätze herrschen, sind Parallelen oft nicht weit: Beide blicken auf ein Aktivitätsniveau, das seinesgleichen sucht.
Colette Basler politisiert für die SP im Grossen Rat, engagiert sich als Präsidentin von Bildung Aargau und als Vizepräsidentin des Bauernverbands Aargau in unzähligen Sitzungen und bewirtschaftet nebenbei ihren Hof in Zeihen.
Delia Guggenheim zieht es indes trotz ihres aufwendigen Studiums der Psychologie in ferne Gefilde: zum «Marathon des Sables» etwa, einem 253 Kilometer langen Etappenrennen quer durch die marokkanische Wüste. Oder an die SwimRun-WM in Schweden, wo sie mit ihrem Mitstreiter den 4. Rang belegte. Oder zu den Ironman-Triathlons.

Doch dann einte sie das Schicksal: Beide erlitten einen folgenschweren Unfall, der ihre Leben in den Grundfesten erschütterte. Beide fanden zurück ins Leben – wenn auch auf unterschiedliche Weise.
«Was gmäihet isch, isch hinger»
Colette Basler ist in ihrem Leben wohl schon Hunderte, wenn nicht Tausende Male auf den Heuboden ihres Hofes aufgestiegen. So auch im Frühjahr 2025, als sie ihre Kühe füttern wollte. Aus ungeklärten Gründen stürzte sie an jenem verhängnisvollen Tag jedoch zu Boden und zog sich neben schweren Verletzungen an den Rückenwirbeln einen Schädelbruch zu.
«Wie geht es Ihnen?», fragt Moderator Fabian Hägler. «Mir geht es den Umständen entsprechend sehr gut», versichert die SP-Grossrätin, die unlängst wieder im Parlament aktiv ist. Trotz des äusseren Anscheins sei der Sturz aber nicht spurlos an der 52-Jährigen vorbeigegangen.
Viele Informationen, Lärm, Menschenmengen: All das mache ihr immer wieder Mühe. Doch es sei nichts, das sich nicht mit ein wenig frischer Luft beheben lasse: Regelmässig spaziere sie während der Sitzungen des Kantonsparlamentes durch den Garten des Grossratsgebäudes und verfolge die Debatte im Livestream, bevor sie zu den Abstimmungen am Platz sitze.

An ihren Sturz könne sie sich nicht erinnern. Das sei auch nicht nötig, sie habe den Unfall gut verarbeitet. Er liege hinter ihr und sei abgeschlossen. Als Vizepräsidentin des Bauernverbands Aargau hält sie es mit einem Sprichwort der Berner Berufskollegen: «Was gmäihet isch, isch hinger.»
Vom Rennrad in den Rollstuhl
Abertausende Kilometer legte Delia Guggenheim bei ihren Ultraläufen zurück, über Stock und Stein, auf endlosen Strassen und durch die Wüste Marokkos. Dass ihr ausgerechnet die letzten Kilometer einer sonnigen Rennvelo-Ausfahrt, nur fünf Minuten von ihrem Zuhause in Zumikon entfernt, am 30. März 2025 zum Verhängnis wurden, verschuldete eine 40-jährige Autolenkerin.
Unter dem Einfluss von THC und MDMA sowie abgelenkt vom Mobiltelefon kam diese auf gerader Strecke auf den Velostreifen ab und erfasste Guggenheim mit 80 Stundenkilometern. Die heute 23-Jährige erinnert sich noch lebhaft an den Unfallort.
Als sie beim Eintreffen der Rettungskräfte am Boden lag, habe sie eine überwältigende Müdigkeit verspürt. «Ich wusste: Wenn ich jetzt nachgebe, sterbe ich.» Ihrer herbeigeeilten Mutter versicherte sie noch: «Ich gehe auch an die Paralympics, aber ich will einfach leben.»

Während sie im Spital künstlich beatmet werden musste, sprachen die Bilder des CT-Scans eine klare Sprache: Eine verschobene Wirbelsäule und vier gebrochene Wirbel bedeuteten, dass sie für den Rest des Lebens auf den Rollstuhl angewiesen sein werde.
Wut hilft nicht weiter
In der Gerichtsverhandlung sei sie durchaus «hässig» gewesen, gibt Guggenheim zu. Wut und Hass seien aber selten Emotionen, die einen im Leben weiterbringen. Und bei allen Emotionen der Welt könne ihr die inzwischen Verurteilte nie zurückgeben, was sie eigentlich will: die Fähigkeit, wieder zu laufen.
Das Leben im Rollstuhl stellt sie vor Herausforderungen, die vorher kein Thema gewesen wären. Besonders die Abhängigkeit von ihren Mitmenschen setzte Guggenheim zu. «Ich bin ziemlich stur und nicht die Beste darin, Hilfe anzunehmen», schmunzelt sie.
Aber sie habe erkannt, dass Hilfe anzunehmen keine Schwäche sei, sondern ein Zeichen der Stärke. Inzwischen wohnt die Rollstuhlathletin in einer besonderen Wohngemeinschaft in Tiefenbrunnen.
Sie teilt sich diese mit anderen Menschen im Rollstuhl und mit Studierenden der ETH, die nicht auf einen Rollstuhl angewiesen sind. Das gemeinsame Projekt des Paraplegiker-Zentrums Nottwil, der ETH und der Klinik Balgrist soll Impulse für künftige Forschungsprojekte liefern.
Glück im Unglück
Colette Basler hatte derweil Glück im Unglück. Sie trug, gemessen am Ausmass der Verletzungen, keine schweren, bleibenden Schäden davon. Zu Beginn ihrer Rehabilitation hatte sie diese Gewissheit aber noch nicht.
«Ich konnte kurz nach dem Unfall lediglich ein Wort im Haupttitel der ‹ AZ › lesen», berichtet sie. Danach sei nichts mehr gegangen. Doch die SP-Grossrätin machte schnelle Fortschritte, denn ihr Pflichtbewusstsein hätte nichts anderes zugelassen.
«Keine Zeit» hätte sie für eine lange Reha gehabt. Und natürlich verfolgte sie schon in der Klinik stets den Livestream des Grossen Rates. Ihr Umfeld zeigte sich früh, was ihre Genesung betraf, deutlich zuversichtlicher.
Spätestens als ihre Schwester, die Kabarettistin Patti Basler, sah, wie Colette aus dem Spitalbett erste Befehle erteilte, wusste Patti Basler, dass am Ende alles gut kommen würde.
Ziele in der Sahara und dem Nationalrat
Delia Guggenheim macht derweil genau dort weiter, wo sie unterbrochen wurde. Bereits in einer Woche ist sie wieder beim «Marathon des Sables» in der Sahara Marokkos dabei, den sie schon 2024 zu Fuss bezwang.
Dieses Mal startet sie in der Handicap-Ausgabe: Ein dreiköpfiges Team begleitet sie und stösst und schiebt sie durch den Sand, wobei sie selbst tatkräftig mitanpackt. So soll sie nach 70 Kilometern erneut einen Triumph feiern.
Und: Sie will, wie noch ihrem Mami an der Unfallstelle versprochen, an die Paralympics 2028 in Los Angeles. Auch Colette Basler will hoch hinaus: 2027 will sie für den Nationalrat kandidieren. Und auch sie mache jetzt übrigens ganz viel Sport, merkte sie in humorvollem Ton an.
Eben: Colette und Delia haben doch mehr gemeinsam, als man dachte.
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst in den «Aarauer Nachrichten» erschienen.








