Rettungsschwimmer: «Die eigenen Kinder immer überwachen!»
Ein 3-jähriges Mädchen überlebte im Schwimmbad Hörnli dank einer Reanimation. Der Vorfall zeigt, dass mangelnde Eigenverantwortung zum Problem werden kann.

Und plötzlich ist es ruhig in der Badi Hörnli in Kreuzlingen. Viel zu ruhig für einen sonnigen Sonntagvormittag. Kinder laufen zurück zu ihren Eltern. Einige weinen und lassen sich von ihnen umarmen.
Ich war mit meiner Familie zu dem Zeitpunkt in der Badi und noch jetzt habe ich ein flaues Gefühl im Bauch, wenn ich an den Blick eines kleinen Jungen zurückdenke der sagte: «Das Mädchen hat die Augen geschlossen und die Männer drücken ihr immer wieder auf den Bauch.»
Es war eine Szene der Hilflosigkeit für Hunderte von Badegästen. Das Krankenauto trifft ein, dann der Notarzt und ein weiterer Rettungsdienst.
Sechs Polizistinnen und Polizisten sind vor Ort, befragen Bademeister, Gäste, untersuchen die eine Stelle im Wasser, an der das dreijährige Mädchen mit dem Bauch nach unten trieb.

Eine der Polizistinnen untersucht die kleine farbige Schwimmweste. Ein trügerisches Hilfsmittel.
Prinzip der Selbstverantwortung
Dann hören wir die schweren, lauten Rotorblätter des Rega-Helis. Viele halten sich die Ohren zu. Die Mutter des Kleinkindes sei beim Anblick ihrer Tochter zusammengebrochen und werde selbst versorgt.
Mein Mann kommt unwissend dazu und wird beim Eingang von zwei älteren Personen fast umgestossen. «Unsere Enkeltochter ist ertrunken!», ruft sie hemmungslos und drängt sich durch die Besucherschar am Eingang.
Die Verkäuferin korrigiert, das Kind lebe noch. Ruedi Wolfender, Leiter Sportanlagen und Betriebe, stösst dazu, koordiniert, spricht mit Badepersonal, Polizisten.
Eine medizinische Fachperson und ein Bademeister hätten mit der Reanimation begonnen, und dem Mädchen so das Leben gerettet. Die stillen Helden des Tages.
Eine Frage bleibt offen: Wo war die Begleitperson des kleinen Kindes? Wohl weder im Wasser noch am Beckenrand.
Nicolas Lüscher, technischer Leiter der Schweizerischen Lebensrettungs-Gesellschaft in Kreuzlingen und Rettungsschwimmer, bekam den Vorfall am Rande mit, da er per Zufall am Hörnli vorbeigefahren ist. «Es ist immer tragisch, wenn es zu einem Ertrinkungsunfall mit einem Kind kommt», sagt er ergriffen.
«Meine erste Frage in einem solchen Fall ist: Wo waren die Eltern in dem Moment? Meine persönliche Meinung ist, dass immer noch das Prinzip der Selbstverantwortung gilt.»

In diesem Zusammenhang muss auch die erste von den sechs Baderegeln beachtet werden: Kinder nie unbegleitet ans Wasser lassen, Kleinkinder sind immer in Griffnähe.
«In diesem Sinn kann meines Erachtens den Badewachen und Bademeister nicht zwingend ein Vorwurf gemacht werden, insbesondere auch, da die Verantwortung nicht an sie delegiert werden kann», so Lüscher.
Sie versuchen zwar neben den weiteren Aufgaben, die sie haben, die Wasserflächen zu überwachen. «Doch gerade im Hörnli, wo die Rutschen neben dem Nichtschwimmerbecken sind, sind diese der Hotspot und der Fokus liegt auf diesen.»
Aufpassen bei Schwimmhilfen
Das Kinderbädli sei gänzlich unbewacht, da eben dort die Eltern in der Verantwortung sind. «Meine Empfehlung ist klar und einfach, die eigenen Kinder immer zu überwachen, sobald sie am oder im Wasser sind. Die Aufmerksamkeit ist auf diese zu richten und beispielsweise nicht auf das Handy.»
Schwimmwesten oder Schwimmflügel seien Hilfsmittel, befreien aber nicht von der Überwachung. «Vor allem gehören sie auch nicht ins tiefe Wasser. Unabhängig davon sind sie besser wie keine Auftriebshilfen. Ich persönlich würde eher auf eine Kinderschwimmweste mit einer Sicherung setzen, damit das Kind unten nicht rausrutschen kann.»
Flügeli seien okay, können jedoch bei einem Sprung ins Wasser von den Armen rutschen.
Gefährliche Aktion im Hafen
Doch nicht nur in den Badis kommt es immer wieder zu Vorfällen ausgelöst durch Unachtsamkeit. Vor drei Wochen beobachtete ich, wie am Bottighofer Hafen zwei Jungs auf den etwa 10 Meter hohen Tackelmast kletterten und ins Hafenbecken sprangen.
Darunter liegt parallel ein Steg, an diesem in dem Moment des Sprungs ein Motorboot anlegte. Ich rief den Hafenmeister an, der nicht vor Ort war.
Ich solle zu den Jungs laufen und ihnen mitteilen, dass dies höchst gefährlich und verboten sei. Einer fuhr mit seinem E-Roller gleich weg, als er mich sah, der andere zeigte sich sehr verständlich und überrascht über die Gefahren ihres Handelns.
Eine halbe Stunde später aber sprangen sie wieder ins Wasser. Ein etwas deutlicheres Gespräch hielt sie dann ab, erneut ihr Leben zu riskieren.
Bottighofen ist dafür bekannt, dass viele von der Mole aus über die Steine ins Wasser gehen – direkt in der Hafeneinfahrt. Weder Tafeln noch eine direkte Ansprache helfen laut Hafenmeister. Und auch andere Häfen kennen das Problem.
«Vielen ist nicht bewusst, dass Boote nicht einfach bremsen können», sagt Mariano Grosso, Hafenmeister des Yachthafens in Kreuzlingen. Zu 80 Prozent seien sie verständnisvoll, wenn er sie darauf hinweist. Auch sei Angeln im Hafenbecken immer wieder ein Thema.
Haken sind bereits mehrfach an den Motorschrauben hängengeblieben. «Wir mussten die Schiffe aus dem Wasser heben und den Haken mühsam entfernen.» Dazu können beim Auswerfen der Angel Plachen beschädigt werden.
«Wir haben eine grosse Tafel sogar mit einem Symbol drauf, das wirklich unmissverständlich ist.» Manchmal sei diese Aufklärungsarbeit wirklich zermürbend. «Eigentlich müsste man solche Arbeiten ins Pflichtenheft eines Hafenmeisters aufnehmen.»
Hafenmeister als Polizisten Marvin Flückiger, Stadtschreiber Ermatingen, appelliert an die Eigenverantwortung der Bevölkerung. André Gisler, Hafenmeister in Steckborn, kennt die Situationen nur zu gut. Auch bei ihnen gelten die üblichen Regeln im Hafenbecken.
Doch: «Als Hafenmeister ist man auch gleichzeitig Polizist», sagt er. 50 Menschen verlieren durchschnittlich pro Jahr ihr Leben bei Badeumfällen. Die meisten davon hätte man mit Eigenverantwortung vermeiden können.
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst in den «Kreuzlinger Nachrichten» erschienen.







