Regula Grauwiller: die Zeremonien-Meisterin

Daniel Aenishänslin
Daniel Aenishänslin

Liestal,

Man kennt sie aus Film und Fernsehen. Nun verabschiedet die Liestalerin Regula Grauwiller auch Menschen, die von uns gehen.

Regula Grauwiller
«Ich brauchte einen Ausgleich zum manchmal oberflächlichen Schauspielberuf», Regula Grauwiller. - Mirjam Knickriem

Die Stimme klingt ruhig, irgendwie würdevoll. In der Friedhofskapelle lauschen die Hinterbliebenen den Worten.

Die Stimme zitiert aus einem Gedicht von Mascha Kaléko: «Bedenkt, den eigenen Tod, den stirbt man nur, doch mit dem Tod der anderen muss man leben.» Sie gehört Regula Grauwiller.

Die 55-jährige Liestalerin hat neben dem Beruf der Schauspielerin eine zweite Berufung gefunden. Seit August 2023 ist sie nicht nur in «Tatort», «Traumschiff» und «Bergdoktor» zu sehen, sondern auch auf Abschiedsfeiern als freie Trauerrednerin. Sie sagt: «Es geht an einer Abschiedsfeier mehr um das Leben als um den Tod

Diese Wahl hat sie nicht aus einer Laune heraus getroffen. Grauwiller sitzt in einem Liestaler Café vor einem Ingwer-Tee. Sie erzählt, wo ihr Weg zur Trauerrednerin seinen Anfang nahm.

Ein Besuch bei der sterbenden Grossmutter bewirkte etwas in ihr. Auch wenn das inzwischen 16 Jahre her ist, scheint ein Schauer durch sie hindurchzugehen, wenn sie daran zurückdenkt. Mit guten Gefühlen daran zurückdenkt.

Mit ihrer Mutter und ihrer Grosstante sass Regula Grauwiller an Grossmutters Bett. Die drei Frauen begannen für die Sterbende zu singen. Nicht ohne eine Erwiderung. Diese alte, demente Frau, die kaum noch etwas wahrnahm, bewegte die Lippen, als sänge sie mit.

«Wir sangen eine ganze Stunde, und der ganze Raum war voller Liebe.» Grauwiller legt ihre Hand aufs Herz: «Das berührt mich bis heute.»

Wenn die Stimme versagt

Vieles in diesem Gespräch dreht sich um den Tod. Natürlich. Er dürfe kein Tabu sein, sagt Grauwiller bestimmt. Sie empfiehlt das Buch «Ein Stein, der mir Flügel macht» von Regula Meier.

Sie hat es für die «Schweizerische Bibliothek für blinde, seh- und lesebehinderte Menschen» eingelesen. «Ich musste immer wieder eine Pause einlegen, weil mir die Stimme versagte.»

Die Autorin beschreibt, wie sie ihre fünfjährige, an Krebs erkrankte Tochter in den Tod begleitet. Meier bot den Kleinen aus der Kindergartenklasse ihrer Tochter an, den Sarg ihrer Tochter zu bemalen.

Die Botschaft dahinter: Der Tod ist in unserer Gesellschaft ein Tabu, der Tod eines Kindes ein noch grösseres. «Seither will auch ich etwas gegen dieses Tabu tun.»

Den letzten Schritt zur Trauerrednerin machte Regula Grauwiller in einer Sinnkrise. Sie drehte einen Fernsehfilm. Der Regisseur vermittelte ihr das Gefühl, dass ihm die Qualität der einzelnen Szenen gleichgültig sei.

«Ich merkte, ich brauche einen Ausgleich zum manchmal oberflächlichen Schauspielberuf. Etwas, das für mich Sinn macht.» Das war zuerst die Ausbildung zur Sterbebegleiterin des Schweizerischen Roten Kreuzes, später eine weitere an der Zeremonienakademie zur Trauerrednerin.

Die weissen Turnschuhe

Auf einer Abschiedsfeier trägt Grauwiller meistens Schwarz. Da es sich aber um eine freie Trauerfeier handelt, ist alles möglich. Farbenfrohe Kleidung wurde schon explizit gewünscht. Ein anderer Wunsch war, dass möglichst viele in weissen Turnschuhen zur Beerdigung erscheinen, weil der Verstorbene immer solche getragen hatte.

«Abschiedsfeiern sollten nie unpersönlich sein», sagt Grauwiller. Wohl deshalb spricht sie nicht nur in Friedhofskapellen zu den Hinterbliebenen. Das kann auch im Rheintaxi, im Restaurant oder im Wald sein.

Wenn sie vor die Hinterbliebenen tritt, verwendet Regula Grauwiller gerne Zitate. «Ich greife zurück auf Worte von Dichtern, die etwas Schönes ausdrücken.» Im Bücherregal zu Hause nehmen die Werke dieser Dichter einiges an Platz ein.

regula grauwiller
Regula Grauwiller im Jahr 2009. - keystone

4000 Wörter oder 30 Minuten dauern ihre Trauerreden für gewöhnlich. «Indem wir uns erinnern, wird der Verstorbene noch einmal lebendig.» Eines der schönsten Komplimente sei, wenn jemand nach der Feier sagt: «Sie haben ihn aber gut gekannt.»

Grauwiller pflegt nicht nur die Sprache, sie pflegt ebenso die Erinnerungskultur. Kürzlich verteilte sie auf der Abschiedsfeier eines leidenschaftlichen Fasnächtlers Pins in Form von Räppli.

Für jede und jeden einen. Grauwillers Idee dahinter: Man kann sich den Pin anstecken und mit dem Verstorbenen nochmals an die Fasnacht gehen.

Ihr grösster Anspruch an sich selbst sei, authentisch zu bleiben. Heucheleien und falsche Darstellungen der Verstorbenen kämen für sie nicht infrage. Regula Grauwiller erzählt, wie sie Klippen umschifft: «Man kann Dinge nur antönen oder so formulieren, dass nur die, die davon wissen, es auch verstehen.»

«Sehr befriedigend»: So bewertet Grauwiller die Arbeit einer Trauerrednerin. Vor Gefühlen fürchtet sie sich nicht.

Trauer und Tränen sollen nicht unterdrückt werden, sagt sie. «Weil ich das gut aushalten kann, schaffe ich einen Raum für die Trauernden.»

Einen Raum für die Tränen, aber auch einen für das Lachen. Für sie steht ausser Frage, dass man tieftraurig über eine Anekdote schmunzeln kann. Der Mensch ist zu unterschiedlichsten Gefühlen in ein und demselben Moment fähig. «Ich kann wütend darüber sein, dass dieser Mensch sterben musste, und gleichzeitig Liebe spüren.»

Vom Bestatter empfohlen

Regula Grauwiller eilt von Abschiedsfeier zu Abschiedsfeier. Vergangenes Jahr waren es 31. In diesem Jahr liegt der Durchschnitt bei mehr als einer pro Woche. Oft wird sie von Bestattern empfohlen.

Noch während des Gesprächs im Café am Wasserturmplatz gehen zwei Anfragen ein. Eine Klientin verschiebt sogar die Beisetzung um eine Woche, damit die Feier in Grauwillers Terminkalender passt.

Sie nimmt sich Zeit für die Vorgespräche mit den Hinterbliebenen. Deshalb leitet sie nicht mehr als zwei Abschiedsfeiern pro Woche. Einen Luxus, den sie als Pfarrerin nicht hätte. Damit im Vorgespräch niemand auf die Uhr schauen muss, vereinbart Grauwiller Pauschalpreise für ihre Dienste.

Sollte das Thema Tod in der Gesellschaft weniger tabuisiert werden?

Ihre Schauspielausbildung hilft ihr, sich in die Persönlichkeit eines Verstorbenen hineinzudenken. Sie entwickelt ein Verständnis und Gefühl für die Person, deren Abschiedsfeier sie leitet.

So, wie sie das tun würde, wenn sie in die Rolle einer Mörderin oder Königin schlüpft. Dass sie das Vertrauen erhält, in viele Leben hineinzublicken, nennt sie «ein grosses Geschenk».

Im direkten Kontakt mit den Hinterbliebenen fällt oberflächliches Gerede weg. Alles dreht sich um die Essenz. «Mehr tiefergehende Gespräche statt Small Talk würde uns allen guttun.»

Gelegentlich führt Regula Grauwiller mit Menschen, die den Zeitpunkt ihres Todes selbst bestimmen, ein «sehr bereicherndes» Gespräch. Einige wollen nicht, dass Grauwiller auf der Abschiedsfeier davon erzählt, andere wünschen es ausdrücklich. «Wunderbar, wenn ich es erzählen darf.»

Der göttliche Wink

Und manchmal gibt es diese magischen Momente. Als würde eine übernatürliche Kraft die Fäden ziehen. Regula Grauwiller sprach an einer Abschiedsfeier im Friedwald in Ziefen.

Zu Grabe getragen wurde eine Frau, deren liebste Blume das Schlüsselblümchen war. Gleich vor dem Baum, bei dem sie bestattet wurde, blühte ein Meer davon.

Genau zum richtigen Zeitpunkt. Für Grauwiller ein Glück, wenn Zufälle etwas zu einem kompletten Ganzen machen. «Ich bin sicher», sprach sie zur Trauergemeinde, «in Zukunft werde nicht nur ich an sie denken, wenn ich ein Schlüsselblümchen sehe.» Alle nickten.

Regula Grauwiller bezeichnet sich selbst nicht als religiös. Mit 21 Jahren trat sie aus der Kirche aus. Spirituell hingegen sei sie.

Damit meine sie nichts Esoterisches. «Es gibt viel mehr, als wir wissen und sehen.» Sie glaubt nicht, dass es da gar nichts mehr gibt, wenn man stirbt.

***

Hinweis: Dieser Artikel wurde zuerst im Basler Newsportal «OnlineReports» publiziert.

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