Nächster grosser Schock könnte «digitales 9/11» sein
Cyberangriff statt Terroranschlag: Ein digitaler Super-GAU könnte die Wirtschaft weltweit ins Chaos stürzen – und die Schweiz besonders hart treffen.

Das Wichtigste in Kürze
- Cyberangriffe könnten ähnlich grosse Schäden wie 9/11 verursachen.
- Die Schweiz wäre wegen ihrer starken Vernetzung besonders gefährdet.
- Die Schweiz hat finanzielle Reserven, wäre aber trotzdem stark betroffen.
Ein grosser Cyberangriff könnte nach Einschätzung eines Experten heute ähnliche wirtschaftliche Verwerfungen auslösen wie die Terroranschläge vom 11. September 2001.
Statt eines Angriffs auf Gebäude wäre demnach die moderne Entsprechung möglicherweise eine koordinierte Attacke auf Banken, Zahlungsverkehr, Energieversorgung oder Telekommunikation.
Die Folgen könnten besonders schnell auf die Wirtschaft übergreifen. Das schreibt Migros-Bank-Ökonom Santosh Brivio am Freitag in einem Beitrag anlässlich des 25. Jahrestags der Anschläge in New York.

Finanzmärkte seien heute eng vernetzt und Zahlungssysteme sowie Lieferketten stark von digitalen Infrastrukturen abhängig.
Würde etwa das Vertrauen in eine Bank durch einen Cyberangriff erschüttert, könnten Kunden ihre Gelder innerhalb kürzester Zeit digital abziehen. Brivio spricht von einem möglichen «Cyber Run» anstelle der früheren Schlange vor dem Bankschalter.
Ein Ausfall wichtiger Zahlungssysteme könnte zudem Banken, Lohnzahlungen, Lieferanten, den Detailhandel und den Aussenhandel gleichzeitig treffen.
Für Schweiz besonders heikel
Für die Schweiz wäre ein solcher Schock besonders heikel. Zürich und Genf sind wichtige Finanz- und Handelsplätze, während Versicherer und Rückversicherer weltweit Risiken tragen. Und die Exportwirtschaft auf funktionierende internationale Lieferketten angewiesen ist.
Ein grosser «digitaler» Schock könnte deshalb gleichzeitig die Finanzstabilität, den Franken, die Versicherungsbranche und die Auslandsnachfrage treffen.

Brivio zieht dabei Parallelen zu den langfristigen Folgen des 11. Septembers 2001.
Die Anschläge verursachten damals nicht nur enorme direkte Schäden. Sicherheitsmassnahmen, zusätzliche staatliche Institutionen sowie die Kriege in Afghanistan und Irak führten zu Kosten, die teilweise bis heute nachwirken.
95 Milliarden Dollar
Allein für New York wird der damalige wirtschaftliche Schaden auf 83 bis 95 Milliarden Dollar geschätzt. Einschliesslich langfristiger Veteranenleistungen und Finanzierungskosten werden die Kosten der Kriege nach 9/11 auf mehr als 8 Billionen Dollar veranschlagt.
Gleichzeitig stieg die US-Staatsverschuldung von 53,3 Prozent der Wirtschaftsleistung im Jahr 2001 auf heute rund 101 Prozent. Allerdings sei dieser Anstieg keineswegs allein auf die Anschläge zurückzuführen.
«Reserve wird kleiner»
Damit sei der finanzielle Spielraum für einen neuen grossen Schock heute geringer. Das strukturelle US-Budgetdefizit dürfte 2026 laut Brivio rund 6,3 Prozent erreichen. «Nicht jede Krise wird grösser. Aber die Reserve, mit der man ihr begegnet, wird kleiner.»
Die Schweiz steht nach Einschätzung des Ökonomen besser da. Mit einer Staatsverschuldung von 37 Prozent der Wirtschaftsleistung und in der Regel ausgeglichenen Budgets habe sie ein ein finanzielles Polster.
Vor den wirtschaftlichen Folgen eines globalen Cyber-Schocks würde sie dies allerdings nicht schützen.











