Stadt Zürich

Mädchenhaus: Platzprobleme und kaum Anschlussangebote!

Ginger Hebel
Ginger Hebel

Zürich,

Viele junge Frauen erleben in Zürich Gewalt und Kontrolle. Das Mädchenhaus bietet Schutz, doch die Plätze sind knapp.

Mädchenhaus
Viele Mädchen und junge Frauen sind von Gewalt betroffen. - Daniela Weber/Christian Egg, workzeitung

Das Mädchen, nennen wir sie Monika, ist 16 Jahre alt. Zu Hause hält sie es nicht mehr aus. Ihr alkoholkranker Vater schlägt und beschimpft sie. Sie hat Angst. Immer. Darum hat sie den Schritt gewagt und ihrem Elternhaus den Rücken gekehrt.

Heute lebt sie anonym im Mädchenhaus in der Stadt Zürich. Es ist das einzige seiner Art in der Schweiz. Eine Schutzunterkunft für Mädchen und junge Frauen zwischen 14 und 20 Jahren, die Gewalt in der Familie erleben.

Die Adresse ist geheim, damit die Sicherheit der Bewohnerinnen gewährleistet bleibt. In der stationären Kriseneinrichtung können Mädchen und junge Frauen maximal drei Monate unterkommen. Die Aufnahme erfolgt unbürokratisch rund um die Uhr.

«Sie kommen zu uns, wenn sie in Not sind, nicht mehr weiterwissen, bedroht, geschlagen, beschimpft, eingesperrt oder anderweitig misshandelt werden», erklärt Geschäftsführerin und Sozialpädagogin Maria Mondaca.

Teddys spenden Trost

Im Mädchenhaus leben sie wie in einer WG, in einem eigenen Zimmer. Küche, Bad, Esszimmer und Wohnzimmer werden gemeinsam genutzt. Am Abend wird zusammen gekocht und gegessen. «Ankommen» bedeutet hier weit mehr als den Einzug in ein neues Zimmer.

Mädchenhaus
«Sie kommen zu uns, wenn sie in Not sind», sagt Maria Mondaca, Geschäftsleiterin Mädchenhaus Zürich. - Daniela Weber/Christian Egg, workzeitung

Es bedeutet, zur Ruhe kommen zu dürfen und ernst genommen zu werden. Neue Bewohnerinnen dürfen ihr Zimmer nach ihren Wünschen gestalten.

Dafür stehen verschiedene Objekte zur Verfügung. Beliebt sind Malblöcke, Lichterketten und grosse Teddybären. Sie spenden Trost, Nähe und Geborgenheit – Dinge, die im bisherigen Leben oft gefehlt haben.

«Im Mädchenhaus Zürich steht der Schutz der Betroffenen an erster Stelle. Vertrauen aufzubauen ist eine der grössten Herausforderungen», sagt Maria Mondaca. Viele Bewohnerinnen hätten erlebt, dass ihnen nicht geglaubt wurde.

Seit Frühjahr 2025 absolviert das Team eine mehrjährige Weiterbildung in Traumapädagogik. Für Mondaca ist dies ein wichtiger Schritt, um junge Menschen mit belastenden Lebenserfahrungen noch besser betreuen zu können.

Neuer Schutzort geplant

Die Erfahrungen im Mädchenhaus zeigen eine Entwicklung, die Fachpersonen zunehmend beschäftigt: Psychische Gewalt nimmt zu. «Immer häufiger erleben junge Frauen, dass über ihr Leben bestimmt wird – darüber, wie sie sich verhalten sollen, welche Freiheiten sie haben dürfen oder welche Rolle sie als Frau einzunehmen haben», beobachtet Maria Mondaca.

Gewalt an Frauen – insbesondere im häuslichen und sexualisierten Kontext – stellt ein gravierendes Problem dar. Die Zürcher Kantonspolizei muss wegen häuslicher Gewalt durchschnittlich 21-mal am Tag ausrücken. Die meisten Bewohnerinnen im Mädchenhaus sind etwa 16 Jahre alt.

Tut die Gesellschaft genug, um junge Frauen vor Gewalt zu schützen?

Einige kehren später in ihr familiäres Umfeld zurück. Andere ziehen in betreute Wohnformen weiter. Zunehmend suchen auch volljährige Frauen Schutz im Mädchenhaus.

«Mit der Volljährigkeit können sie selbst entscheiden, wie sie leben wollen, und Hilfe in Anspruch nehmen, ohne dass die Eltern informiert werden müssen», erklärt Maria Mondaca.

Im vergangenen Jahr fanden 37 Mädchen und junge Frauen Schutz im Mädchenhaus Zürich, das sieben Plätze bietet. Gleichzeitig mussten über 100 Hilfesuchende abgewiesen werden, weil kein Platz verfügbar war. Für Maria Mondaca ist diese Situation schwer auszuhalten.

«Es ist sehr tragisch, denn wer in einer akuten Krise steckt, braucht sofort einen sicheren Ort und Hilfe.» Bis Ende des Jahres soll deshalb ein zweiter anonymer Standort in der Stadt Zürich eröffnet werden.

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Gewalt an Frauen – insbesondere im häuslichen und sexualisierten Kontext – stellt ein gravierendes Problem dar. (Symbolbild) - keystone

Fünf zusätzliche Schutzplätze sollen entstehen. Vergangenen Montag wurde zudem in Biel ein Mädchenhaus als Pilotprojekt eröffnet. Doch damit allein ist das Problem nicht gelöst.

«Es fehlen geeignete Wohnformen und Anschlussangebote für junge Frauen nach ihrem Aufenthalt im Mädchenhaus», sagt Mondaca. Die Nachsorge und Begleitung nach der Krisensituation würden zunehmend zu einer zentralen Aufgabe.

«Gewalt gegen Frauen und Mädchen ist weit verbreitet – sichtbar wird jedoch nur ein kleiner Teil davon.» Für Monika war der Schritt ins Mädchenhaus einer der schwierigsten ihres Lebens. Sich von der eigenen Familie zu lösen, selbst wenn dort Gewalt erlebt wurde, erfordert Mut.

Ob sie eines Tages nach Hause zurückkehrt, steht in den Sternen. Im Moment zählt für die Mädchen und jungen Frauen im Mädchenhaus nur eines: an einem sicheren Ort zu sein, an dem die Angst keinen Platz hat.

Hinweis

Dieser Artikel ist zuerst im «Tagblatt der Stadt Zürich» erschienen.

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