Junge Schweizerinnen holen beim Einkommen besonders schnell auf
In kaum einem Vergleichsland ist die Einkommenslücke unter jungen Erwachsenen so stark geschrumpft wie in der Schweiz. Der grosse Rückstand bleibt bei Eltern.

Das Wichtigste in Kürze
- Junge Schweizerinnen holen beim Erwerbseinkommen im internationalen Vergleich rasant auf.
- Gründe sind mehr Arbeitsstunden, höhere Bildung und bessere Stundenlöhne.
- Mit Kindern öffnet sich die Einkommensschere aber weiterhin stark.
Wenn es in der Schweiz um die Löhne von Frauen und Männern geht, dominieren meist die schlechten Nachrichten. So lag der durchschnittliche Gender-Pay-Gap 2024 noch immer bei 15,7 Prozent, wie das Bundesamt für Statistik (BFS) Ende August mitteilte. So viel weniger verdienen Frauen im Mittel also noch immer als Männer.
Eine neue Studie zeigt nun aber eine erfreulichere Entwicklung: Zwischen jungen Schweizerinnen und Schweizern schliesst sich die Einkommenslücke im internationalen Vergleich besonders schnell.
Junge Frauen holen beim Einkommen auf
Bei den 1965 Geborenen lagen Frauen zwischen 25 und 34 Jahren beim gesamten Erwerbseinkommen noch 55 Prozent hinter gleichaltrigen Männern. Beim Jahrgang 1995 beträgt der Rückstand nur noch 14 Prozent.
Die verbleibende Lücke ist beim 95er-Jahrgang damit geringer als in Frankreich (16%), Schweden (18%), den USA (21%) und Grossbritannien (23%).
Beim Jahrgang 1965 wies die Schweiz noch eine der grössten geschlechtsspezifischen Einkommensdifferenzen auf. Bei den 1995 Geborenen ist diese unter den fünf Ländern am kleinsten.
Die heutigen Unterschiede zwischen den Ländern sollte man laut Studienautor Daniel Oesch von der Universität Lausanne allerdings nicht überbewerten. Sie lägen inzwischen relativ nahe beieinander, erklärt er gegenüber Nau.ch.
Noch entscheidender sei: «Die Schweiz hat vor allem deshalb so stark aufgeholt, weil sie mit mehr Ungleichheit gestartet ist.»
Oesch verweist unter anderem darauf, dass Frauen im Bildungssystem später zu den Männern aufschlossen als in anderen Ländern.
Auch wichtige gesellschaftliche und politische Gleichstellungsschritte kamen vergleichsweise spät – etwa das Frauenstimmrecht oder die Mutterschaftsversicherung.
Studie misst das gesamte Erwerbseinkommen
Für ihre Untersuchung werteten Oesch und Oliver Lipps vom sozialwissenschaftlichen Kompetenzzentrum FORS sämtliche Schweizerischen Arbeitskräfteerhebungen von 1991 bis 2024 aus.
Untersucht wurden knapp 219'000 Frauen und Männer zwischen 25 und 34 Jahren, die zwischen 1960 und 1998 geboren wurden.

Dabei betrachteten die Forscher nicht nur den Stunden- oder Monatslohn von Erwerbstätigen – sondern das gesamte Erwerbseinkommen. Darin enthalten sind auch Einkommen aus Teilzeitstellen sowie ein Wert von null für Personen, die gar nicht erwerbstätig sind.
So zeigt die Zahl nicht nur Lohnunterschiede, sondern auch, wie häufig und wie viel Frauen und Männer arbeiten.
Frauen arbeiten deutlich mehr Stunden
Ein wesentlicher Grund für die Annäherung liegt dabei auf der Hand: Junge Frauen arbeiten heute deutlich mehr in Jobs als frühere Generationen.
Beim Jahrgang 1965 kamen Frauen im Durchschnitt auf rund 23 Arbeitsstunden pro Woche, Männer auf etwa 40 Stunden. Beim Jahrgang 1995 sind es rund 31 Stunden gegenüber 35 Stunden.
Der Abstand schrumpfte damit von 17 auf rund vier Wochenstunden. Dazu beigetragen haben eine höhere Erwerbsbeteiligung, grössere Teilzeitpensen und mehr Vollzeitarbeit.
Auch beim Stundenlohn schrumpft die Lücke
Doch der Aufholprozess lässt sich nicht allein mit höheren Arbeitspensen erklären.
Auch wenn nur die tatsächlich Erwerbstätigen betrachtet und die Einkommen auf eine Arbeitsstunde umgerechnet werden, wird der Abstand kleiner. Beim Stundenlohn sank der Unterschied zwischen den Jahrgängen 1965 und 1995 von knapp 20 auf unter fünf Prozent.
Warum genau, lässt sich mit der Studie nicht beweisen. Oesch hält aber zwei Entwicklungen für besonders wichtig. «Die Bildungsexpansion bei den Frauen hat wahrscheinlich eine entscheidende Rolle gespielt. Hinzu kommen veränderte Geschlechternormen», sagt er.
Inzwischen verfügt ein höherer Anteil junger Frauen als junger Männer über einen Abschluss auf Tertiärstufe. Dazu zählen Abschlüsse an Universitäten, Fachhochschulen und in der höheren Berufsbildung. 2025 waren es 54 Prozent gegenüber 48 Prozent.
Auch bei der Berufswahl haben junge Schweizerinnen aufgeholt: Sie arbeiten heute häufiger in im Schnitt besser bezahlten Berufen als frühere Frauengenerationen.
Kinder öffnen die Einkommensschere
Doch die positive Entwicklung hat einen grossen Haken: Kinder.
Bei Frauen und Männern ohne Kinder ist die Einkommenslücke inzwischen fast verschwunden. Beim Jahrgang 1995 beträgt sie noch sieben Prozent.
Bei Eltern hingegen zeigt sich ein ganz anderes Bild: Junge Mütter haben im Schnitt 51 Prozent weniger Erwerbseinkommen als gleichaltrige Väter. Beim Jahrgang 1965 waren es sogar 78 Prozent.

«Bei den Vätern ändert sich wenig, bei den Müttern viel», sagt Oesch. Letztere reduzieren ihre Arbeitszeit nach wie vor deutlich stärker.
Dieser grosse Unterschied bei den Eltern sei allerdings mit Vorsicht zu interpretieren, betont Oesch. Denn unter den 25- bis 34-Jährigen des jüngeren Jahrgangs hat erst rund ein Viertel Kinder. Damit bilden die Eltern eine vergleichsweise kleine und selektive Gruppe.
Öffnet sich die Schere später wieder?
Bei den allerjüngsten untersuchten Jahrgängen gleichen sich die Erwerbseinkommen von Frauen und Männern noch weiter an.
Für eine Aussage, dass die Lücke ganz verschwunden sei, seien die Daten allerdings noch zu dünn, mahnt Oesch. Denn die 1997 und 1998 Geborenen konnten bislang nur im Alter von 25 bis 27 Jahren beobachtet werden.
Hinzu kommt: Viele von ihnen stehen erst noch vor der Familiengründung. Gerade dann könnte sich die Einkommensschere laut den Studienautoren wieder stärker öffnen.




















