In Zürich lernen Kinder mit Kleidung zu schwimmen
Stadtzürcher Schulkinder lernen im Schwimmunterricht, wie sie sich in der Not mit nasser Kleidung sicher über Wasser halten.

«Wer denkt, man ertrinkt mit den Kleidern im Wasser?» Wenn Schwimmlehrer Flavio Seeberger diese Frage stellt, strecken die meisten Kinder auf. Doch der Sprung ins Wasser belehrt sie eines Besseren.
«Die Kleider saugen sich mit Wasser voll, man ist stark verlangsamt, aber es ist immer noch möglich, zu schwimmen», sagt Seeberger, der auch Co-Bereichsleiter Schwimmsport bei der Stadt Zürich ist.
Stadtzürcher Kinder müssen in der Schule nämlich für drei Lektionen mit langen Hosen und langarmigem Oberteil ins Becken. Diese wenig bekannte Praxis gibt es aber tatsächlich schon seit 2008 und wird in der 3. Klasse geübt.
Sie ist Teil der Sicherheitskompetenzen, die die Schüler zur Prävention von Unfällen im Unterricht erlernen.
Ertrinken ist in der Schweiz immer noch die zweithäufigste natürliche Todesursache bei Kindern. Doch auch alle anderen Altersgruppen können bei einem Fehltritt voll bekleidet im Wasser landen.
Im Ernstfall rät Seeberger, nicht zu versuchen, die Kleider im Wasser auszuziehen, Ruhe zu bewahren und sofort an Land zu schwimmen. «Ist man müde, kann man sich auf dem Rücken im Wasser schwebend erholen.»

Das Training in Kleidern wird in den normalen Unterricht integriert. So üben die Kinder die drei Hauptstile Kraul, Rückenkraul und Brustschwimmen angezogen. «Der einfachste Stil ist Brust, weil die nassen Kleider die Armzüge über Wasser beim Kraulen erschweren», sagt Seeberger.
Für die Kinder sei es ein Riesenspass, angefangen damit, dass sie angezogen duschen müssten. Es gebe einige wenige, die im tiefen Wasser noch nicht so gut schwimmen könnten, die Angst hätten, doch die Mehrheit fände es lässig.
Das Training ist aber nicht nur lustig: Am Ende müssen die Kinder bei einer Prüfung mindestens 25 Meter ohne Halt in Kleidern zurücklegen können.
In der Bäderstadt Zürich hat der Schwimmunterricht einen hohen Stellenwert. Die Stadtzürcher Kinder besuchen von der 1. bis 4. Klasse wöchentlich eine Schwimmstunde. Kann der Unterricht immer stattfinden, heisst das, dass die Kinder 156 Schwimmstunden absolvieren.
Das ist mehr als doppelt so viel, wie im kantonalen Lehrplan vorgegeben ist (76 Lektionen bis zur Sekundarstufe). Die Durchführung des Schwimmunterrichts wird im Rahmen der örtlichen Möglichkeiten von den einzelnen Gemeinden geregelt.
Zürich als Leuchtturm
Mit 18 Schulschwimmanlagen und sechs Hallenbädern ist Zürich dabei, der Leuchtturm des Kantons. Andere Gemeinden haben nicht so viele Ressourcen für den Schwimmsport.
So besitzt Winterthur lediglich drei Bäder für den Unterricht. Wegen der knappen Kapazitäten kann hier nur die Hälfte der im Lehrplan empfohlenen Lektionen durchgeführt werden.
Deshalb kann jedes fünfte Kind in Winterthur nicht gut schwimmen. 21 Prozent bestehen den Wasser-Sicherheits-Check (WSC) nicht. Noch schwieriger ist die Lage im benachbarten Illnau-Effretikon.
Dort erhalten die Kinder nur ein Fünftel der empfohlenen Lektionen, jedes dritte Kind fällt dort durch den WSC.
Den Stadt-Land-Graben, weil auf dem Land die Infrastrukturen rarer sind, bestätigt auch die Schweizerische Lebensrettungs-Gesellschaft (SLRG). Laut einer Studie von 2024 hatten 13 Prozent der 13- bis 15-Jährigen in der Schweiz noch nie Schwimmunterricht in der Schule gehabt.
«Mit 37 zu Schwimminstruktorinnen und Schwimminstruktoren ausgebildeten Fachlehrpersonen sind wir in der Stadt im Vergleich professionell sehr gut aufgestellt», sagt Seeberger. Er bestätigt, dass die Stadt Zürich beim Schwimmen ein Vorbild ist.
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst im «Tagblatt der Stadt Zürich» erschienen.








