Geburt: Zürcher Politik fordert mehr Transparenz & Selbstbestimmung
Mehr als jede vierte Gebärende erlebt während der Geburt ungenügende Information oder mangelnde Mitsprache. Nun wird mehr Transparenz gefordert.

Eine Geburt gehört für viele Frauen zu den prägendsten Momenten ihres Lebens. Doch nicht jede blickt positiv darauf zurück. Eine schweizweite Studie der Berner Fachhochschule mit mehr als 6000 Frauen zeigt, dass jede vierte Gebärende während der Geburt informellen Zwang erlebt hat.
Betroffene fühlten sich unter Druck gesetzt, ungenügend informiert oder in medizinische Entscheidungen nicht ausreichend involviert. Es beginne oft in scheinbar kleinen Situationen – etwa wenn Untersuchungen, Medikamente oder Eingriffe ohne ausreichende Erklärung durchgeführt würden. Dies könne von der künstlichen Eröffnung der Fruchtblase über wehenfördernde Medikamente bis hin zu ungeplanten Kaiserschnitten oder Dammschnitten reichen.
«Schon ein einziger Fall von informellem Zwang wäre einer zu viel. Dass mehr als jede vierte gebärende Frau das erlebt, zeigt aber, dass es sich nicht um bedauerliche Ausnahmen handelt, sondern um ein strukturelles Problem», ist die Zürcher Grüne-Gemeinderätin Janina Flückiger überzeugt. Zehn Prozent der Betroffenen berichten zudem von abwertenden Bemerkungen durch Fachpersonen. «Die Zahlen sind schockierend», sagt die Zürcher SP-Gemeinderätin Vera Çelik.
«Die Selbstbestimmung und Würde von Gebärenden dürfen keine Glückssache sein.» Die Politikerinnen fordern mehr Transparenz über die Situation in den Geburtskliniken und eine Geburtshilfe, in der medizinische Qualität und Selbstbestimmung kein Widerspruch sind – mit verständlicher Aufklärung, Nachgesprächen und niederschwelligen Beschwerdemöglichkeiten.
Stadtspital mit Novum
Als Betreiberin einer der grössten Geburtskliniken der Schweiz könne die Stadt Zürich mit dem Stadtspital Triemli eine wichtige Signalwirkung entfalten. Jedes dritte Kind in der Stadt Zürich wird im Stadtspital geboren. Im Schnitt kommen hier täglich drei bis zwölf Babys zur Welt.
«Wir erachten es als sehr wichtig, dass gemeinsam mit der Gebärenden und deren Bezugsperson Wünsche, Möglichkeiten und Massnahmen erhoben und besprochen werden», betont Gabriella Stocker, Chefärztin Geburtshilfe. Noch dieses Jahr führt das Stadtspital das Konzept TeamBirth ein – als erstes Spital in Mitteleuropa nach Schweden. Es soll durch strukturierte Kommunikation und gemeinsame Entscheidungsfindung von Gebärenden, Bezugsperson, Ärztinnen und Ärzten sowie Hebammen Transparenz und Sicherheit schaffen.
Das Stadtspital bietet allen Frauen in der aktiven Geburtsphase eine 1:1-Hebammenbetreuung an. Die Hebammen arbeiten im Drei-Schicht-System. Während einer Schicht hat eine Frau in der aktiven Geburtsphase die Kontinuität durch eine für sie zuständige Hebamme.
Nach neun Stunden wechseln sich die Hebammen ab. «Eine gebärende Frau, deren Geburt länger dauert, hat dank dem Schichtwechsel immer eine ausgeruhte Hebamme an ihrer Seite», erklärt Stocker. Sie betont: «In seltenen Fällen entsteht eine sich rasch entwickelnde Gefahr für Mutter und Kind, die ein schnelles Handeln erfordern, dies wird oft als traumatisch erlebt.»
Die Gründe für ein rasches Handeln lägen meist in einer kindlichen Gefährdung mit Herzton-Abfall. «Auch in einer Notfallsituation besteht grundsätzlich Zeit für eine kurze Erläuterung der Gründe für eine notwendige Intervention sowie zum Einholen des Einverständnisses der Frau», so Stocker. Auch Nachbesprechungen seien zentral.
«Die Aufarbeitung solcher Erlebnisse sind wichtig, damit die Mutter- Kind-Bindung gut gelingen kann, oder dann, wenn eine Frau vielleicht noch weitere Kinder möchte.»
Einfühlsame Aufklärung
Besonders Frauen nach einem ungeplanten oder notfallmässigen Kaiserschnitt oder einer instrumen- tellen vaginalen Geburt bewerten das Geburtserlebnis häufig negativ. «Das Gefühl, im intimsten Moment des Lebens die Selbstbestimmung zu verlieren, kann gravierende psychische Folgen haben und unter anderem postpartale Depressionen oder Belastungsstörungen begünstigen», so Çelik. Es sei häufig nicht der medizinische Eingriff selbst, der traumatisiere, sondern das Gefühl, übergangen worden zu sein.
Ihre Einschätzung stützt sie auf Gespräche mit Betroffenen und Erfahrungen im Vorpraktikum für das Hebammenstudium. «Ich stehe im Austausch mit Frauen aus unterschiedlichen Spitälern und erlebe immer wieder dieselben Muster. Viele berichten, dass sie sich nicht gehört oder herabgewürdigt fühlten.» Auch Janina Flückiger sieht Handlungsbedarf.
«Frauen müssen auch während der Geburt als Menschen mit eigenem Willen und eigener Stimme wahrgenommen werden», sagt sie. «Dieser intime Moment darf nicht von Zeitdruck geprägt sein. Eine Frau, die während der Geburt mitentscheiden konnte, verarbeitet auch einen schwierigen Geburtsverlauf anders als eine Frau, die kaum oder gar nicht in die Entscheidungsfindung einbezogen wurde.» Anke Bünnig, Hebamme und Leiterin Gebärsaal/Geburtshilfe an der Klinik Hirslanden in Zürich, betont die Bedeutung einer individuellen und selbstbestimmten Begleitung.
«Unser Ziel ist es, jeder Frau die Geburt zu ermöglichen, die sie sich wünscht.» Schwangere würden ermutigt, ihre Wünsche zu äussern und etwa in einem Geburtsplan festzuhalten. Über mögliche Schmerztherapien werden sie bereits während der Schwangerschaft und in Vorbereitungskursen informiert.
Doch manchmal verläuft eine Geburt anders als erhofft. «In solchen Fällen ist eine einfühlsame Aufklärung wichtig. Ein Paar muss nachvollziehen können, warum bestimmte Massnahmen notwendig sind oder waren, damit Unvorhergesehenes verarbeitet werden kann», betont Anke Bünnig. Eine 1:1-Betreuung durch eine Hebamme sei aufgrund unplanbarer Geburtsverläufe und personeller Ressourcen kaum möglich.
«Geburtshilfe ist nicht planbar». Entscheidend sei vielmehr, dass die Hebamme erkenne, wann eine Frau Unterstützung brauche. Auch Partner sowie Doulas würden einbezogen.
In der Klinik Hirslanden liegt der Anteil ungeplanter Kaiserschnitte bei rund 20 bis 25 Prozent. Zangengeburten werden nicht durchgeführt. Auch im Zürcher Kantonsrat ist das Thema politisch angekommen.
Vorstösse verlangen eine bessere Vorbereitung auf mögliche Entscheidungen sowie mehr Mitsprache für Gebärende.
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Dieser Artikel ist zuerst im «Tagblatt Zürich» erschienen.








