Frauen pflegen kranke Männer, Männer verlassen kranke Frauen

Riccardo Schmidlin
Riccardo Schmidlin

Zürich,

Frauen werden bei Krankheit häufiger vom Partner verlassen als umgekehrt, zeigen Studien. Das hat mit «tief verwurzelten» Geschlechtererwartungen zu tun.

Pflege
Dass Frauen ihre kranken Männer pflegen, ist kein seltenes Bild. Umgekehrt passiert das viel weniger häufig. - pexels

Das Wichtigste in Kürze

  • Studien zeigen: Frauen pflegen häufiger kranke Partner, Männer trennen sich eher.
  • Fachpersonen bestätigen den Gender Gap bei der Partnerpflege im Alter.
  • Grund: Gesellschaftliche Erwartungen prägen das Pflegeverhalten von Männern und Frauen.

Im Mai 2024 verlor die bekannte Wirtschaftsjournalistin und Fintech-Gründerin Patrizia Laeri ihren Ehemann. Er starb an einem Hirntumor.

Die 48-Jährige unterstützte ihren Partner, den sie vor dessen Tod noch geheiratet hatte, bis zum Schluss.

«Bis ich mit Fentanyl und Spritzen hantierte und er nicht mehr ass. Nicht mehr trank. Und ich Witwe war», beschrieb sie den Schicksalsschlag kürzlich auf Instagram.

Patrizia Laeri: «Hat mich in Grundfesten erschüttert»

«‹In guten wie in schlechten Zeiten› eben. Doch das gilt nicht für alle gleich», wie Laeri nun in einem Kommentar ihrer Plattform «Ellex» aufzeigen will. Während die Frauen ihre kranken Männer bis zum Tod pflegen, könnten die Frauen das Gleiche im Gegenzug nicht erwarten.

«Die Statistik zeigt ein Muster, das mich in den Grundfesten erschüttert hat», schreibt Laeri. «Die meisten Männer verlassen ihre Frauen, wenn diese krank werden.»

Die renommierte Schweizer Entwicklungspsychologin Pasqualina Perrig-Chiello kann den Gender Gap bei der Betreuung kranker Partner bestätigen.

«Es ist eine bekannte und empirisch erwiesene Tatsache, dass das Risiko einer Scheidung für Frauen mit schlechtem Gesundheitszustand erhöht ist. Nicht jedoch für Männer», sagt sie auf Anfrage von Nau.ch.

Hättest du erwartet, dass es bei Krankheiten in der Ehe einen so klaren Geschlechterunterschied gibt?

Was steckt dahinter?

«Die Forschungsresultate widerspiegeln die immer noch herrschende Erwartung und Praxis, dass Frauen für die familiäre Care-Arbeit zuständig und verantwortlich sind. Und dass sie auch aufgrund ihres Geschlechts besser geeignet sind», erklärt Perrig-Chiello.

Scheidungsrisiko steigt, wenn Frau erkrankt

Eine grosse europäische Studie hat das Phänomen genauer untersucht. Die «Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe» begleitete über 18 Jahre hinweg 25'000 Paare in 27 europäischen Ländern. Darunter auch in der Schweiz.

Das Ergebnis: Bei Paaren zwischen 50 und 65 Jahren steigt das Scheidungsrisiko um 60 Prozent, wenn die Frau erkrankt.

Scheidung
Das Risiko für Scheidungen steigt bei älteren Frauen, wenn sie erkranken. - keystone

Im umgekehrten Fall sieht es anders aus: Wird der Mann krank, verändert sich laut den Forschenden «nichts signifikant». Eine Trennung wird also nicht wahrscheinlicher, wenn der Mann pflegebedürftig wird.

Ein weiterer Faktor ist laut Perrig-Chiello ein tief verinnerlichter moralischer Anspruch an sich selbst. Dieser «moralische Imperativ», also das Gefühl, eine moralische Pflicht zu haben, treffe vor allem Frauen.

Frauen können sich Trennung oft nicht leisten

Neben gesellschaftlichen Erwartungen spielt auch das Geld eine Rolle. Viele Frauen können sich eine Trennung schlicht nicht leisten. Das hält sie in Ehen, die sie unter anderen Umständen womöglich verlassen würden.

Was bedeutet das für die Betroffenen?

«Für die verlassenen Frauen bedeutet das eine Kumulation von kritischen Lebensereignissen», erklärt Perrig-Chiello. «Neben ihren körperlichen Leiden kommt der Trennungsschmerz und die herbe Enttäuschung hinzu, vom Partner verlassen worden zu sein.»

Das bedeute aber auch, dass sich die Frauen um alles kümmern müssen: Alltag, Hilfe und die Finanzen. Das erzeuge zusätzlichen Stress.

Musstest du schon einmal deinen kranken Partner pflegen?

Und: «Für die Frauen, die bleiben und ihren Partner pflegen, bedeutet das häufig eine Reduktion des Arbeitspensums.» Das wirke sich für die Betroffenen letztlich finanziell negativ im Alter aus, warnt die Entwicklungspsychologin.

Wie könnte diese Gender-Lücke geschlossen werden?

«Es handelt sich hier um gesellschaftlich tief verwurzelte geschlechtsrollenspezifische Erwartungen», weiss Perrig-Chiello.

Daher bestünde Handlungsbedarf auf gesellschaftlicher Ebene. «Die Schweiz investiert sehr wenig in Familien – Betreuung Angehöriger ist immer noch Privatsache.»

Männern fehlen Pflege-Kenntnisse

Die neue Generation von Frauen könnte aber neue Akzente setzen, sagt sie. «Durch bessere Bildung, vermehrte Berufsorientierung und finanzielle Unabhängigkeit.»

Auch Frank Luck, Professor für Pflegewissenschaft an der Katholischen Hochschule Freiburg (D), bestätigt eine Gender-Lücke in der Angehörigenpflege. Er betont aber, dass eine Differenzierung nötig sei.

Männer
Es gibt wenige Männer in der Pflege. Auch fehlen vielen Männern Care-Kenntnisse. - keystone

Entscheidend sei die Sozialisierung. «Männer assoziieren traditionell Krankheit stärker mit Schwäche. Sie verfügen oft über weniger eingeübte Routinen im Umgang mit Pflege im Beziehungskontext. Das kann sich auch bei der Angehörigenpflege im Alter zeigen.»

Frühe Unterstützungssysteme könnten helfen, Überforderung zu reduzieren. «Männer sollten – genauso wie Frauen – früh mit Care-Arbeit in Berührung kommen und entsprechende Fähigkeiten entwickeln. Lange, bevor sie tatsächlich benötigt werden.»

Forscher fordert mehr Männer in der Pflege

Gesellschaftlich fordert Luck eine Entgeschlechtlichung von Care-Arbeit: «Pflege muss aus der ausschliesslich weiblich konnotierten Zuschreibung herausgelöst werden. Es handelt sich um eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, unabhängig vom Geschlecht.»

Hoffnung mache die gesellschaftliche Entwicklung. «Der Anteil der Männer in der Pflege nimmt zu. Das trägt dazu bei, dass stereotype Vorstellungen von Weiblichkeit im Umgang mit Krankheit und Pflege zunehmend hinterfragt werden.»

In der Schweizer Pflege liegt der Männeranteil aktuell bei rund 15 Prozent.

Kommentare

User #2303 (nicht angemeldet)

Was für eine unfaire und diskriminierende Hetzte. Genau solche Aussagen und der allgemeine männerverachtende Zeitgeist führen dazu, dass sich Männer irgendwann auch nicht mehr solidarisch verhalten.

User #2934 (nicht angemeldet)

Alkoholismus und Drogenabhängigkeit jedwelche Art entspricht genauso einer Krankheit bei welcher der Ehepartner absolut keine Möglichkeit hat helfend einzugreifen.

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