Diese vier Thurgauer wollen in 35 Tagen über den Atlantik rudern

Nico Wrzeszcz
Nico Wrzeszcz

Frauenfeld,

Eine Idee, die vor drei Jahren entstand, wird schon bald ernste Realität. Dann sind die vier Thurgauer Ruderer auf dem Atlantik auf sich allein gestellt.

Marco Kamm, Andreas Nef, William Stampfli und Robin Muntwyler (v.l.) haben lange für ihr Ziel trainiert. Dazu gehörten auch Trainingseinheiten auf dem Meer
Marco Kamm, Andreas Nef, William Stampfli und Robin Muntwyler (v.l.) haben lange für ihr Ziel trainiert. Dazu gehörten auch Trainingseinheiten auf dem Meer - zVg

Für William Stampfli, Marco Kamm (beide aus Weinfelden), Robin Muntwyler (Tägerwilen) und Andreas Nef (Kreuzlingen) beginnt in drei Monaten der grösste Wettkampf ihres Lebens. Am 12. Dezember startet auf La Gomera der «World's Toughest Row», ein Ruderrennen, 4800 Kilometer lang, quer über den Atlantik bis nach Antigua.

Für die vier Ruderer die unter dem Namen «Atlantx» antreten ein ganz besonderer Moment, denn: «Wir hatten zuvor keinerlei Rudererfahrung. Wir waren komplette Quereinsteiger», erzählt William am «Last Port», dem letzten Treffen vor dem Start im Dezember.

«Wenn nicht jetzt, dann nie»

William und Andreas dachten unabhängig voneinander, es wäre cool, einmal an diesem Rennen teilzunehmen. Gemeinsam haben sie die Idee ausgearbeitet. «Für uns war klar, wenn nicht jetzt, dann nie. Wir alle waren damals an einem Punkt im Leben, wo wir uns das vorstellen konnten», sagt Andreas.

Für die Organisation war es besonders wichtig, in jedem Bereich gut aufgestellt zu sein. «Wir haben überall Experten dazugeholt, um uns optimal darauf vorbereiten zu können.»

Ruderboot
Mit diesem Ruderboot, auf dem auch geschlafen wird, nehmen die Thurgauer unter dem Namen «Atlantx» am World's Toughest Row teil. - zVg

Alles startete mit Rudertraining beim Ruderclub Kreuzlingen. «Dort war man bereit, uns zu trainieren unter einer einzigen Bedingung: wir müssten Mitglied beim RC Kreuzlingen werden.» Das liessen sich die Vier nicht zweimal sagen.

«Es begann mit Trockenübungen und um die Technik zu verinnerlichen ging es auch aufs Ruderboot und den See.» Nach Trainings auf dem Bodensee ging es nach und nach auch aufs Meer, etwa nach Spanien, Italien oder Portugal.

«Wir konnten sogar mit Coaches aus England zusammenarbeiten. Sie teilten ihr Wissen über das Hochseerudern, wie man auf dem Boot lebt, sich am besten ernährt. Das hat uns extrem geholfen», verrät Andreas.

Nur Dank Sponsoren finanzierbar

Das Training war das eine, doch es fehlte ein Ruderboot. «Es gibt einen Hersteller, der speziell Boote für das Hochseerudern produziert. Dort haben wir auch unser Boot gekauft.» Doch ohne Sponsoren sei das Projekt gar nicht erst möglich gewesen.

«Wir haben ein Budget von rund 250'000 Franken benötigt. Wir sind äusserst dankbar für unsere zahlreichen Sponsoren und Unterstützer. Es ist einzigartig, dass wir dieses Projekt mit Sponsoren aus der Ostschweiz auf die Beine gestellt bekommen haben», so die vier Athleten.

Fakt ist: die vergangenen drei Jahre waren für alle Vier besonders anstrengend und intensiv. «Für mich war es besonders herausfordernd, das Projekt, die Arbeit und die Familie unter einen Hut zu bringen. Gerade die Familie hat in den letzten Monaten viel zurückstecken müssen», blickt Andreas zurück.

Aus dem Alltag ausbrechen

Auch die nächsten Wochen werden noch sehr intensiv für die Ruderer, ehe das Rennen am 12. Dezember startet und sie dann für 35 bis 40 Tage auf dem Atlantik auf sich gestellt sind. «Diese Zeit wird mental brutal hart», ist sich William sicher.

«Man muss genau wissen, warum man sich das antut, sowohl physisch als auch psychisch.» Es gehe auch darum zu sehen, was der eigene Körper leisten könne. «Es wird vermutlich sehr eintönig, monoton. Es ist aber auch eine Abwechslung im Vergleich zum normalen Alltag.»

Das Boot ist technisch gut ausgestattet. «Wir können jederzeit über Funk oder ein Satellitentelefon kommunizieren, haben über Starlink sogar eine Internetverbindung.» Dennoch sieht der Kreuzlinger Andreas das Rennen als Chance abzuschalten.

Ruder
Ohne Rudererfahrung und ohne passendes Ruderboot haben die vier Thurgauer vor drei Jahren beschlossen, über den Atlantik zu rudern. Nach drei Jahren Training sind William Stampfli, Robin Muntwyler, Marco Kamm und Andreas Nef (v.l.) bereit. - zVg

«In der heutigen Zeit wird man jeden Tag mit Infos zugeschüttet, auch mit vielen Unnötigen. Während der Zeit auf dem Atlantik ist man mit sich selbst, mit seinen Gedanken bei sich. Es ist quasi eine Art social detox.»

Neben der Satellitentechnik ist das Boot auch mit einer Solaranlage sowie einer Entsalzungsanlage ausgestattet. «Wir produzieren also unseren eigenen Strom, um die Entsalzungsanlage zu bedienen. Damit leben wir voll autark», sagt Andreas. Versorgt sind die Athleten für 54 Tage.

«Für eine so lange Zeit haben wir Verpflegung an Bord. Der Veranstalter gibt aber auch grob vor, wie viele Reserven eingeplant sein sollten», so William. Da der Platz auf dem Boot beschränkt ist, besteht die Verpflegung zum grossen Teil gefriergetrockneter Nahrung, die man mit heissem Wasser aufgiessen muss.

Auch Shakes und Snacks gehören zum Proviant. «Am Start werden wir auch noch frisches Obst mit an Bord nehmen. Das wird sicher für die ersten drei Tage halten.» Pro Tag werden die Ruderer zwischen 6000 und 8000 Kalorien zu sich nehmen müssen.

Rudern rund um die Uhr

«Wir haben uns zwei verschiedene Setups antrainiert. Beim ersten Setup sind Zwei von uns am Rudern, die anderen Beiden ruhen sich aus oder schlafen. Nach zwei Stunden wird gewechselt. Beim zweiten Setup rudern Drei, der andere ruht 90 Minuten und wechselt danach einen ab», erklärt William die Taktik.

Das heisst auch, dass es in der Nacht keine Pause gibt. Es wird gerudert, rund um die Uhr, für 35 bis 40 Tage. «Für die Dunkelheit haben wir Stirnlampen, zudem scheint auch der Mond. Wenn es wirklich richtig dunkel ist, merkt man, dass der Mond heller leuchtet, als man so denkt», sagt der Tägerwiler Robin Muntwyler.

Den Sternenhimmel zu beobachten werde sicher spektakulär. «Wenn es zu dunkel oder die Sicht schlecht ist, verschwimmt der Horizont und man wird schnell seekrank.» Während der langen Vorbereitungszeit habe man die Routine optimiert.

Würdest du 4800 Kilometer über den Atlantik rudern?

Dazu gehört auch das tägliche Geschäft. «Wir haben einen WC-Kübel an Bord, dieser wird dann einfach ins Meer geleert. Duschen liegt natürlich nicht drin, wir werden uns mit der Katzenwäsche begnügen müssen», betont William Stampfli. Eine frische Dusche ist auch das, worauf sie sich alle vier am Ziel freuen.

«Das, natürlich kühle Getränke sowie ein richtiges Bett», sind sich die Ruderer einig. Das Rennen und die Fortschritte der Atlantx-Crew können auf ihrer Instagram-Seite atlantx_2026 verfolgt werden. «Wir laden hier regelmässig Videos während unseres Rennens hoch. Über den Veranstalter kann man das Rennen zudem tracken», so Robin.

Die Teilnahme am Rennen dient aber auch einem guten Zweck. «Wir überqueren aus eigener Kraft den Atlantik und haben uns diese grosse Herausforderung freiwillig ausgesucht. Doch es gibt viele, die ihre Kämpfe nicht selbst wählen können – wie etwa Menschen, die plötzlich von Krebs betroffen sind», sagen die vier Thurgauer.

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Am 12. Dezember startet auf La Gomera der «World's Toughest Row», ein Ruderrennen, 4800 Kilometer lang, quer über den Atlantik. (Symbolbild) - keystone

«Indem wir den Atlantik im Ruderboot überqueren, wollen wir aufzeigen, dass Grenzen überwunden werden können, und bauen Brücken zu all jenen, die unfreiwillig ihre eigenen Herausforderungen meistern müssen.»

Rund 25 bis 30 Prozent des Gesamtbudgets werden sie am Ende ihres Projekts an die Krebsliga spenden. Dieser Überschuss werde durch den Verkauf des Ruderbootes und einer allfälligen kleineren Reserve gesichert.

Hinweis

Dieser Artikel ist zuerst in den «Frauenfelder Nachrichten» erschienen.

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