Das Aushalten von Ungleichgewicht im Roman «Unwucht»

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Bern,

Sarah Elena Müller rückt in «Unwucht» eine dysfunktionale Liebesbeziehung in den Fokus. In ihrem zweiten Roman lässt die Berner Autorin zudem viele Fragen zu unserer individualisierten Gesellschaft anklingen.

Sarah Elena Müller
Die Schweizer Autorin und Musikerin Sarah Elena Müller. - keystone

Alice und Rio waren eine Paar. 2017 ist diese Beziehung in die Brüche gegangen. 2024/25 versucht die Ich-Erzählerin Alice gemeinsam mit Rio die sieben Jahre, die sie zusammen waren, zu erinnern und nachzuerzählen. Die Autorin Sarah Elena Müller leuchtet also die Beziehung zu zwei Zeitpunkten aus.

Kennengelernt haben sich die beiden während des Kunststudiums. Doch die Kunst wollte beide «nur so halb». Alice kellnert, Rio dealt – und konsumiert. Rio liebt die Droge, Alice liebt Rio. In den sieben Jahren Beziehung verschwindet und entzieht er sich immer wieder, landet im Gefängnis, sie wartet, hofft und vereinsamt dabei. Eine Arbeitskollegin wird im Lauf der Geschichte zu Alice sagen: «Ich kenne das, du liebst jemanden, der etwas anderes mehr liebt als dich. Das bindet stärker als jedes erwiderte Gefühl.»

Im Erzählstrang 2024/25 sind Alice und Rio seit sieben Jahren getrennt, und sie versucht nun die gemeinsame Geschichte aufzuarbeiten und aufzuschreiben. Rio ist unwohl bei Alice’ Vorhaben: «Ich hoffe, es wirft mich nicht aus der Bahn. Das, was du schreibst», meint er, als sie ihm von der Idee erzählt.

Je weiter man liest, desto mehr wird aus der Bahn geworfen: Die Erzählung hat Unwucht genauso wie die Beziehung oder der Fiat, der quasi Teil der Beziehung ist. Unwucht heisst beim Fiat, dass sich sein Gewicht nicht gleichmässig auf die Reifen verteilt. Auf allen Erzählebenen geht es um Gleichgewicht oder eben darum, Ungleichgewicht auszuhalten.

«Du wirst Jahre brauchen, um das Chaos mit Rio wieder auszubalancieren!», sagt eine Bekannte zu Alice. Um dieses ausbalancieren geht es. Und inwiefern die Literatur, die Kunst dabei helfen kann.

Müller schildert diese Beziehung und Trennung von Rio und Alice in der Ich-Perspektive, in Momentaufnahmen und ohne zu psychologisieren. Sie weiss mit all dem Ungleichgewicht umzugehen, sowie Sprache und erzählerische Mittel zu nutzen, um ihre Figuren und die Erzählung immer wieder aufzufangen und auszutarieren. Mit Fabulierlust und Humor.

Wie in ihrem ersten Roman «Bild ohne Mädchen» (2023) der Missbrauch aus Kinderperspektive erzählt und nicht erklärt wurde, wird nun auch die Unwucht über Wahrnehmungen, Körperlichkeit und Sprache erfahrbar gemacht. Über Rio sagt Alice beispielsweise an einer Stelle: «Er ist immun gegen Beleidigungen, zerschlagene Sachen sind ihm einerlei, und besonders empfindsames Zuhören und Mitfühlen macht ihn misstrauisch. Jede Träne, die er nicht weint, muss ich für uns weinen.»

Ihrer Erzählerin gibt Müller alle Freiheiten: Auf der Ebene der von Rio abhängigen Autofiktion lässt sie Alice verdichten und verbiegen. Gleichzeitig markiert sie immer wieder die Macht ihrer Erzählerin, wenn Rio fragt, ob ihr klar sei, dass sie ihn komplett in der Hand habe. «Du schreibst mir das auf den Leib, und ich muss dann damit herumlaufen.» Alice rechtfertigt sich damit, dass die Schwierigkeiten, die ihm ihr Text bereiten wird, in keinem Verhältnis stünden zu dem Schaden, den diese Zeit angerichtet habe.

In der Retrospektive sind gewisse Situationen kompliziert für Rio und Alice. Es geht um Grenzüberschreitungen, Sucht und Gewalt. Was Rio und Alice von Anfang bis über das Ende hinweg verbindet, ist das Fabulieren. Eine Freundin bemerkt im Laufe des Romans: «Ich fand das ja immer recht trippy bei euch, wenn alles kreuz und quer miteinander verwoben wurde. Man wusste nie, wo man gerade ist, in der Realität.»

Wenn Alice Rio Textstellen zum Lesen gibt und sie die Erinnerungen abgleichen, sind beide immer wieder überfordert und machen doch weiter. Immer wieder wird neu verhandelt, Alice spricht von einem «Handel mit Fiktion und Wirklichkeit».

Vielleicht ist das auch gar nicht wichtig, denn Müllers Interesse gilt den Perspektiven und Strukturen: Gleich zu Beginn schreibt sie ihrer Erzählerin Alice einen «Röntgenblick» zu, welcher sich in diese von Rios Sucht geprägten Beziehung einschleicht. Aber genau deswegen durchleuchtet dieser Roman diverse Milieus und erzählt auch sehr viel über Vereinsamung unserer individualisierten Gesellschaft.

Die Autorin Sarah Elena Müller selber stellt sich dem entgegen: Sie arbeitet auch kollaborativ und spartenübergreifend zwischen Literatur, Musik, Hörspiel, Performance und Virtual Reality. Sie war Mitbegründerin des feministischen Autorinnenkollektivs RAUF, und sie forscht aktuell gemeinsam mit dem Professor und Literaturwissenschaftler Thomas Strässle sowie ihrem Kollegen Heinz Helle und ihrer Kollegin Ariane Koch zum Thema Autofiktion und Bewusstsein.

Genauso wie bei Alice geht es um Selbsterzählungen zwischen Erfahrung und Erfindung. Umso interessanter ist es, ihrer Erzählerin Alice zu folgen, kreuz und quer durch das Dickicht von Abhängigkeit, Deutungshoheit, Geschlecht, Macht und Ohnmacht.*

* Dieser Text von Philine Erni, Keystone-SDA, wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt-Stiftung realisiert.

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