Nach den schwierigen Corona-Jahren erholt sich die Reisebranche wieder. Ferienbuchungen «schiessen hoch wie der Korken einer Champagnerflasche».
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Menschen wollen nach den Corona-Jahren wieder ans Meer: Das Geschäft der Reisebranche läuft wieder. - Keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • Nach schwierigen Pandemie-Jahren schiessen die Ferienbuchungen wieder hoch.
  • Im Badeferiengeschäft ist das Niveau von 2019 bereits übertroffen.
  • Martin Wittwer, Präsident des Schweizer Reise-Verbands, äussert sich zur Reise-Situation.
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Nach zwei Jahren Durststrecke wegen Corona ist die Reisebranche wieder sehr zuversichtlich: «Die Buchungen schiessen hoch wie der Korken einer Champagnerflasche». So freut sich der Präsident des Schweizer Reise-Verbands, Martin Wittwer, im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AWP.

«Es gibt einen riesigen Nachholbedarf», sagt Wittwer, der im November an die Spitze des Reise-Verbands (SRV) gewählt wurde: «Nach zwei Jahren Pandemie wollen die Leute reisen und lassen sich auch vom Ukraine-Krieg nicht davon abbringen.» Das Geschäft laufe sogar im Vergleich mit dem Vor-Coronajahr 2019 sehr gut.

Das klassische Badeferiengeschäft im Sommer habe das Niveau des Spitzenjahres 2019 sogar schon übertroffen. «Die Menschen wollen wieder ans Mittelmeer, vor allem Familien mit kleinen Kindern», sagt Wittwer. Und das nicht nur im Sommer - schon jetzt seien die Flugzeuge nach Mallorca, Zypern oder in die Türkei voll. «Eine solche Nachfrage hatte die Reisebranche eigentlich gar nicht mehr erwartet.»

Ukraine-Krieg sorgt für freie Betten

Der Krieg in der Ukraine habe keinen direkten Einfluss auf das Reisegeschäft, sagt Wittwer: «Die Leute buchen ihre Ferien trotz der Krise und der tragischen Situation in der Ukraine.» Allerdings treibe der Krieg die Treibstoffpreise hoch, sodass die Flüge teurer würden.

Auf der anderen Seite habe der Krieg Auswirkungen auf jene Länder, die bei russischen Touristen beliebt gewesen seien: In Zypern, der Türkei oder Ägypten gebe es jetzt zusätzliche Bettenkapazitäten. Weil die Gäste aus Russland in den Hotels fehlen würden, gebe deshalb dort noch Platz für die Ferien im Sommer. Davon könnten Schweizer profitieren, so Wittwer.

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In Istanbul werden in diesem Sommer viele Hotelbetten leer bleiben. - Keystone

Anders sieht das laut Wittwer in Destinationen aus, die vor allem von Gästen aus Westeuropa besucht werden, wie beispielsweise Mallorca. Dort werden die Betten knapp. Zudem wird es auch bei Mietwagen oder Campern eng, die Preise schiessen in die Höhe. Denn die Kapazitäten müssten nach dem Coronaloch erst wieder aufgebaut werden, sagt Wittwer.

Preise steigen

«Meine Empfehlung ist: Ich würde jetzt buchen und nicht warten. Die Preise werden sicher nicht günstiger», sagt der SRV-Präsident, der einst Chef von TUI Suisse war. Auch die Verfügbarkeit und die Auswahl nähmen für die Sommerferien ab.

Dass die Preise galoppieren, ist amtlich: Laut dem Bundesamt für Statistik (BFS) sind Pauschalreisen ins Ausland im Mai um 6,8 Prozent teurer geworden als im Vormonat. Und gegenüber dem Mai vor einem Jahr mussten die Ferienbucher sogar 25 Prozent mehr bezahlen.

Auch der öffentliche Verkehr ins Ausland kostet gut 15 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Autofahrer müssen ebenfalls tiefer in die Tasche greifen: an der Zapfsäule hat Benzin um 25 Prozent und Diesel gar um 30 Prozent aufgeschlagen.

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Die Benzinpreise sind gestiegen. - Keystone

Die Inflation schlägt auf die Kaufkraft der Leute durch. Das trifft laut Wittwer aber weniger die wohlhabende Schweiz, sondern eher Länder wie Grossbritannien oder Deutschland. «Der Schweizer will Ferien. Man gönnt sich etwas hochwertigere Ferien und Reisen als 2019.»

Inlandtourismus erwartet ebenfalls gutes Jahr

Aber auch der Inlandtourismus werde ein gutes Jahr haben. «Denn der Schweizer hat in den letzten zwei Jahren die Schweiz kennengerlernt», sagt Wittwer. Zudem kämen wieder mehr ausländische Gäste. Diese würden die Schweizer kompensieren, die nun ans Meer fahren würden.

Bei der Beliebtheit der Destinationen habe sich nichts verschoben. «Die Trends sind die gleichen geblieben.» Allerdings wachse das klassische Badeferiengeschäft am Mittelmeer stärker als das Individualreisegeschäft. Der osteuropäische Tourismus sei aber am Boden.

«Das Unbekannte, Ferne braucht noch etwas Zeit. Auch bei den Kreuzfahrten sehen wir noch nicht wieder das Niveau von 2019. Die Buchungen für Kreuzfahren ziehen wieder an, aber es wird für 2023 oder 2024 gebucht».

Reisebranche muss sich wieder an Normalbetrieb gewöhnen.

Insgesamt dürfte die Schweizer Reisebranche im laufenden Geschäftsjahr im Schnitt ungefähr 90 Prozent des Stands von 2019 erreichen. So schätzt der SRV-Präsident: «Im kommenden Jahr werden wir wohl wieder auf dem Niveau von 2019 sein.» Aber es gebe immer eine Unsicherheit: Der Krieg und Corona seien schwierig einzuschätzen.

Die grösste Herausforderung für die Branche sei, nach den Corona-Jahren wieder genügend Mitarbeiter zu finden, um die Buchungswelle zu bewältigen. Das gelte nicht nur in der Schweiz, sondern auch im Ausland. «Auch die Hotels im Ausland müssen trainierte und motivierte Mitarbeiter bekommen», sagt Wittwer.

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Die Zahl von Logiernächten hat gegenüber dem Vorjahr wieder deutlich zugenommen. - Keystone

Es sei wie im Sport: «Wenn ich zwei Jahre nicht trainiert habe, habe ich ein Problem» so Witter. Es sei wichtig, «mein Unternehmen wieder fit zu machen, jetzt wo das Geschäft wieder kommt.» Die Angestellten in der Reisebranche müssten erfahren sein und sich auskennen.

Staat verhinderte Konkurse

Trotz der Pandemie habe es keine Konkurswelle bei Reisebüros gegeben. Das sei auch der Unterstützung durch den Staat mit Coronakrediten, Härtefallgeldern und Kurzarbeitsentschädigungen zu verdanken.

Es drohe auch keine Konkurswelle, wenn die Corona-Notkredite zurückgezahlt werden müssen, sagt Wittwer. Denn die wenigsten Firmen hätten die Kredite gebraucht. «Diese waren eine Sicherheit für die Unternehmen. Die Kleinunternehmen konnten dank Kurzarbeit und Kostenmassnahmen die Krise überstehen.»

Zudem seien die Rückzahlungsmodalitäten moderat. Die Coronakredite müssen erst nach acht Jahren zurückgezahlt werden.

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