Bringen Deradikalisierungs-Programme überhaupt etwas?
Der CSD-Täter von Berlin war im Deradikalisierungs-Programm. Nach der Tat stellt sich die Frage: Bringt das überhaupt etwas?

Das Wichtigste in Kürze
- Der Attentäter von Berlin nahm an einem Deradikalisierungs-Programm teil.
- In der Schweiz gibt es auch solche Programme, die extremistische Gewalttaten verhindern sollen.
- Ob die Programme wirklich etwas nützen, ist schwer messbar.
Vor rund zwei Wochen raste am Rande des LGBT-Anlasses Berliner Christopher Street Day CSD ein Fahrzeug in eine Menschenmenge.
Abdul B.* hatte am 25. Juli mit einem Transporter im Tiergarten gezielt Teilnehmer des CSD überfahren. Nachdem sein Fahrzeug gegen einen Baum geprallt war, stach er wahllos mit einer Machete auf Menschen ein.
Eine Frau starb, 31 Menschen wurden verletzt, darunter sieben schwer. Den Anschlag beging er im Namen der Terrormiliz IS.
Was nach der Tragödie bleibt: Fassungslosigkeit und viele Fragezeichen.
Denn: Erst im Mai war Abdul B. wegen Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Straftat zu einem Jahr und zehn Monaten Haft auf Bewährung verurteilt worden. Zu den Auflagen gehörten ein Bewährungshelfer und die Teilnahme an einem Deradikalisierungs-Programm.
Doch genau dieses Programm wirft nun neue Fragen auf. Lediglich an zwei Gesprächen soll der mutmassliche Attentäter teilgenommen haben.
Auffällig sei er dabei nicht gewesen. Man habe ihn vielmehr als «nicht fassbar und undurchschaubar» wahrgenommen. Das sagte Diplom-Pädagoge Thomas Mücke, der die Gespräche mit dem 21-Jährigen führte, gegenüber der «Bild»-Zeitung.
Rapid soll Radikalisierungsprozesse stoppen
Auch in der Schweiz gibt es solche Programme gegen Radikalisierung. Eines davon ist das Radikalisierungs-Interventionsprogramm Rapid an der Universitätsklinik Zürich.
Ziel des Programms ist es, Radikalisierungsprozesse bei Jugendlichen möglichst früh zu stoppen und das Risiko extremistischer Gewalttaten zu senken.

Leonardo Vertone, Chefpsychologe an der Universitätsklinik Zürich, erklärt gegenüber Nau.ch, dass die Sitzungen bewusst nicht in Gruppen stattfinden, sondern einzeln. «Zuerst geht es darum, zu verstehen, wie die Radikalisierung bei dieser Person aussieht.»
Gruppengespräche könnten daher sogar kontraproduktiv sein und die Radikalisierung in gegenseitiger Anstachelung noch verstärken.
Auch Frauen im Programm
«Die meisten Teilnehmenden sind zwischen 13 und 25 Jahre alt.» Teilweise seien sie auch älter. Frauen nähmen ebenfalls teil, allerdings deutlich seltener.
Die Programme werden im Auftrag der Jugendanwaltschaft oder der KESB durchgeführt. «Die potenziellen Teilnehmenden haben bereits eine Straftat begangen oder es läuft ein Strafverfahren gegen sie.» Dabei müsse es sich nicht zwingend um schwere Delikte handeln.
Darunter: «Etwa das Weiterleiten oder Veröffentlichen radikaler Inhalte», so Vertone.
Voraussetzung sei, dass die Strafverfolgungsbehörden einen radikalen Hintergrund erkennen.

Weniger als zehn Personen nehmen jährlich teil. Wissenschaftliche Erfolgsdaten fehlen wegen der kleinen Fallzahlen.
Aber: «Wir haben den Eindruck, dass es nützt», sagt Vertone.
Das Programm würde in der Regel sechs bis neun Monate dauern. Liege zusätzlich eine psychische Erkrankung vor, könne sich die Dauer verlängern. «Voraussetzung ist, dass die Klientinnen und Klienten regelmässig teilnehmen und aktiv mitarbeiten.»
Am Ende erhalten die Behörden einen Abschlussbericht mit einer Empfehlung. «Die Behörde entscheidet letztlich, wie es weitergeht.»
Bern setzt auf Mentoring
Ein weiteres solches Programm gibt es in Bern.
Dort arbeiten die Fachstelle Radikalisierung und Gewaltprävention und die Fachstelle Gewalt Bern seit 2019 im Rahmen eines Mentoring-Angebots zusammen.
Im Mittelpunkt stehen regelmässige Gespräche mit meist jungen Menschen, die aufgrund ihrer Lebenssituation als besonders anfällig für Radikalisierung gelten.

Roland Knöri, Leiter der Fachstelle Radikalisierung und Gewaltprävention erklärt auf Anfrage von Nau.ch: «Allenfalls haben die Betroffenen Ausgrenzung, Diskriminierung erfahren oder ein kritisches Lebensereignis erlebt und sind auf der Suche nach Halt.»
Das Ziel: Eine (Re-)Integration in die Gesellschaft.
Verletzliche Junge suchen in Ideologien Halt
Der Fokus des Programms habe sich jedoch verändert. Zwischen 2019 und 2023 richtete sich das Mentoring vor allem an bereits stark radikalisierte Personen. «Zuweisungen kamen damals vorwiegend vom Bedrohungsmanagement der Polizei oder der Staatsanwaltschaft», so Knöri.
Seit 2024 liegt der Schwerpunkt auf Jugendlichen und jungen Erwachsenen, um möglichst früh anzusetzen. «Es ist bei fast allen so, dass sie vulnerabel im Leben stehen und dann in den Ideologien Halt suchen.»
Die Ursachen dafür seien vielfältig: «Erschwerte Entwicklungsbedingungen, Lebensumstände, Diskriminierungserfahrungen, Perspektivenlosigkeit, soziale Isolation oder aktuelle Krisen.» Häufig kämen mehrere Faktoren zusammen.
Wird das Mentoring angeordnet, erfolgt dies «in der Regel als Ersatzmassnahme in einem Strafverfahren».
Angebot boomt – das muss aber nicht mehr Radikalisierung bedeuten
Auch für das Berner Mentoring gibt es bislang keine belastbaren Erfolgszahlen. «Das Mentoring der Stadt Bern wurde bisher nicht durch eine externe Stelle evaluiert», sagt Knöri.
«Bis jetzt ist uns kein Fall bekannt, indem sich eine Person nach Abschluss des Mentorings weiter radikalisiert hat.» Eine Garantie gebe es jedoch nicht.
Ein Radikalisierungsprozess sei zu komplex und von zu vielen Faktoren abhängig, um verlässliche Prognosen zu treffen.

Trotzdem ist das Programm heute stärker gefragt denn je: 2026 begleitet die Fachstelle mit 17 Personen so viele wie noch nie seit dem Start des Mentorings. Hinzu kommen 40 Beratungsanfragen.
Der Anstieg ist laut Knöri jedoch nicht zwingend ein Zeichen für mehr Radikalisierung: «Er erklärt sich auch durch die grössere Bekanntheit unserer Stelle, der guten Vernetzung mit anderen Behörden sowie der medialen Präsenz von Extremismusfällen.»
Der CSD-Attentäter Abdul B. wurde letzte Woche unter Polizeischutz in Berlin beerdigt.
*Name der Redaktion bekannt












