Bodensee: Boote werden mit Joystick gesteuert
Der Verein Sailability feierte sein 20-jähriges Bestehen mit einem speziellen Event, bei dem Boote unter anderem etwas Buntes aus dem Bodensee fischen mussten.

Das Wichtigste in Kürze
- Der Verein Sailability feierte kürzlich sein 20-jähriges Bestehen.
- Dabei standen Menschen mit besonderen Bedürfnissen im Zentrum.
«Sailability ist ein Verein, der sich zum Ziel gesetzt hat, das Leben von Menschen mit besonderen Bedürfnissen durch das Segeln zu bereichern», heisst es auf der Webseite des Vereins.
Dass genau dies den Organisatoren kürzlich mehrfach gelungen ist, davon zeugten viele strahlende Gesichter. Doch die Willi-Lutz-Gedenkregatta war garantiert auch für die geladenen Beifahrer ein bereicherndes Erlebnis.
Denn bei wunderschönem Wetter, starkem Wind und in fröhlicher Gesellschaft mit flottem Tempo über den Bodensee zu segeln, ist ein Freiheitsgefühl sondergleichen.
Seit 20 Jahren gibt es den von Willi Lutz gegründeten Verein Sailability. Auch zweieinhalb Jahre nach dem Tod des Gründervaters sorgt ein engagiertes Team mit viel Herzblut dafür, dass Menschen mit Beeinträchtigung weiterhin das einmalige Freiheitsgefühl erleben können, das Segeln auf dem offenen Wasser mit sich bringt.

Was vor 20 Jahren klein in Arbon angefangen hat, ist in der Zwischenzeit zu einem nationalen Verein herangewachsen, der nicht nur am Bodensee Segelkurse für Menschen mit einer Beeinträchtigung anbietet, sondern auch in Neuenburg und Luzern.
«Wir haben mittlerweile 25 Jollen – jeweils vier in Neuenburg und Luzern und den Rest hier in Arbon», erklärt Vereinspräsident Ivo Gonzenbach am Jubiläumsanlass im Clubhaus des Yacht Clubs Arbon.
«Kentern fast nicht möglich»
Die meisten der Segelschiffe seien «Hansa 303», die vom Australier Chris Mitchell entworfenen wurden, um Menschen mit einer Beeinträchtigung das Segeln zu erleichtern: «Eine oder zwei Personen sitzen in Fahrtrichtung Boot und müssen auch bei Kursänderungen keinen Positionswechsel vornehmen. Gesteuert wird das Boot mit einem Joystick.»
Auch die Bedienung von Vor- und Hauptsegel sei dank eines Rollreff-Systems einfach und ein grosses, mit Blei gefülltes Schwert mache die Jollen, die ohne Prüfung gefahren werden können, auch unsinkbar, so Ivo Gonzenbach: «Die Hansa 303 sind so stabil und sicher, dass Kentern fast nicht möglich ist.»

Obwohl die Hansa 303 normalerweise an einer Regatta ihre bunten Segel aufziehen, waren am Samstag bei den elf teilnehmenden Booten weisse Segel montiert, um die Sponsoren der Bootspartnerschaften zu zeigen.
«Will man ein Boot von uns sponsoren, dann zahlt man nicht nur für die Anschaffung, sondern auch fünf Jahre für den Betrieb. Für diese rund 19'000 Franken gibt es dann dafür auch Werbung auf dem Wasser», sagt der Vereinspräsident.
Keine normale Regatta
Dass die Willi-Lutz-Gedenkregatta jedoch nicht nur wegen ihrer Segel etwas Spezielles ist, sondern auch wegen der gesteckten Ziele, erfährt man während des Briefings vor dem Container von Sailability am Hafen.
Während Ivo Gonzenbach etwas über Tennisbälle erzählt, schaut Christian Hiller in die Runde und checkt jeden einzelnen Teilnehmer: «Bei uns trägt jede und jeder eine Schwimmweste – und dies auch auf den Begleitbooten.»

Der passionierte Segler ist von Anfang an bei Sailability dabei und heute zuständig für die Sicherheit aller Teilnehmer. Und obwohl er sichtlich Freude an seiner Arbeit hat und er anschliessend auch das Begleitboot professionell steuert, ist doch auch etwas Wehmut beim Anblick der elf Segelboote festzustellen.
«Leider bin ich immer häufiger mit dem Motorboot unterwegs», meint der Segelinstruktor nur dazu.
Kran hilft beim Einsteigen
Doch bevor die elf Segelboote in See stechen können, sind sie noch zu besetzen. Hierfür wird jeweils an der Anlegestelle ein Kran montiert, mit dessen Hilfe auch Rollstuhlfahrer mit Leichtigkeit in die Jollen gehievt werden können. Kaum sind alle elf Boote besetzt, geht es auch schon los.
Doch am heutigen Tag muss die Freiheit des offenen Sees erst einmal verdient werden. Denn die Hafenpassage wirkt doch ziemlich lang, wenn der Wind stark und dazu noch «auflandig» bläst.
«Doch eigentlich benennen wir Segler den Wind nach der Richtung, aus der er kommt. Heute haben wir darum Ostwind», sagt Ivo Gonzenbach, der mit dem Begleitboot auf den offenen See fährt und dann dort kurzerhand auf das Aussichtsboot mit den geladenen Gästen hüpft.

Als die Boote die offene See erreichen, wird schnell klar, dass mit den speziellen «Hansa 303» und ihren «nur» fünfeinhalb Quadratmeter grossen Segeln richtig Tempo gemacht werden kann.
Als dann die Tennisbälle ins Spiel kommen, die von den Seglern aufgelesen werden sollen, zeigt sich dann auch, wie stabil die Jollen sind.
Denn trotz des mehrmaligen Aufrufs der Instruktoren, Berührungen zu vermeiden, kommt es doch zu gelegentlichen Kollisionen, die jedoch nie Angst, sondern immer Freude aufkommen lassen.
Und selbst der Segler, der mit seinem Funkgerät beschäftigt ist, lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. «Das ist ein Radio! Er hört immer und überall Schlager und ‹Hudigäggeler›», informiert Christian Hiller.
Ein Gefühl von Freiheit
Die Stimmung auf dem leicht welligen See ist schnell noch viel ausgelassener als sie es ohnehin an Land schon war. Es wird geredet und geschrien, je nachdem wie weit die Ansprechperson entfernt ist. Und es wird gescherzt und gelacht.
Während der rund zwei Stunden auf dem Wasser hat auch «Zivi» Tobias auf dem Schlauchboot jede Menge zu tun. Er hilft, wo er kann und fährt mit Gästen auf den See hinaus, für die kein Platz mehr auf den Segelschiffen war.

«Es ist schon cool, wenn man im Zivildienst die Bootsprüfung machen und Teil eines solchen Vereins sein kann», sagt er und fährt mit korrekten 5 km/h in den Hafen ein.
Dank wunderbarem Wetter, einer spannenden Willi-Lutz-Gedenkregatta und dem Einsatz von vielen mit Herzblut engagierten Menschen, war die Jubiläumsfeier zum 20-jährigen Bestehen ein Rundumerfolg.
Und wiederum konnte der Verein Sailability sein Ziel erreichen: Dass die Leben von Menschen mit besonderen Bedürfnissen durch das Segeln bereichert werden.
«Wasser ist barrierefrei»
So ist es für viele Kinder mit einer Beeinträchtigung zum Beispiel nicht möglich, Velo zu fahren. Doch nach einem Segelkurs mit Sailability könne dann auch ein zehnjähriges Kind, seinen eigenen Kurs setzen und eigenständig fahren, sagt Ivo Gonzenbach: «Und man sieht den Menschen in den Booten ihre Beeinträchtigung nicht einmal an. Denn für Rollstühle hat es keinen Platz.»
Die Möglichkeit, Menschen mit einer Beeinträchtigung dieses Gefühl von uneingeschränkter mobiler Freiheit zu schenken, sei genau das, was den Verein Sailability so speziell mache, meint der Vereinspräsident: «Wasser ist barrierefrei: Alle haben die gleichen Wellen.»
Dieser Artikel ist zuerst in den «Oberthurgauer Nachrichten» erschienen.












