Winterthur

«Bedauern Monokultur»: So kämpft Winterthurer Band

Streamingdienste kontrollieren den Musik-Markt. Eine Winterthurer Band erzählt, welche Schwierigkeiten dies mit sich bringt.

«Siselabonga»
«Siselabonga» mit Fabio Meier und Nongoma Ndlovu. - Thi My Lien Nguyen

Musik zu veröffentlichen, war noch nie so einfach. Als Artist gefunden zu werden, ist hingegen viel schwieriger. Die Winterthurer Band «Siselabonga» erzählt, was dies für sie bedeutet.

«Algorithmen entscheiden, was gehört wird. Streaming-Plattformen sind heute der wichtigste Zugang zu Musik. Welche Songs dort sichtbar sind, hängt stark von algorithmischen Empfehlungen und kuratierten Playlists ab», schreibt der Schweizer Musikrat SMR, der Dachverband der Schweizer Musikorganisationen, in einer Medienmitteilung.

Der Musikrat beruft sich auf eine europäische Studie der EU-Kommission. Die Dynamiken, die auf europäischer Ebene sichtbar werden, betreffen laut Schweizer Musikrat unser Land in besonderer Weise, da der Markt durch mehrere Sprachräume zusätzlich fragmentiert ist.

«Wir bedauern die Monokultur»

Der Musiker Fabio Meier wohnt in Winterthur und ist Perkussionist. Er arbeitet seit 2021 zusammen mit Nongoma Ndlovu (Singer-Songwriter).

Die Band «Siselabonga» probt im Tösstal. Sie deckt mit den Sparten Afro und Soul einen Nischenbereich ab. Der Name ist eine Wortschöpfung aus «si, c‘est bon» und «siyabonga» (Zulu für «danke»).

«Als aufstrebender Act bedauern wir die Monokultur, die durch die Streaming-Plattformen entsteht», sagt Meier beim persönlichen Gespräch. Zuhörerinnen und Zuhörer zu erreichen, erscheine je länger, je schwieriger.

Einkommen hängt von Anzahl Streams ab

Die härteste Währung im Streaminggeschäft ist laut Meier die Anzahl Hörer pro Monat, bei «Siselabonga» sind dies 874 monatliche Hörer auf Spotify. Die Band würde bis nach Tokio und Lagos gehört.

Spotify bezahlt laut Meier grob 0,0018–0,0037 Euro pro Song, der Verdienst hängt dann davon ab, wie gut der Song auf den Streaming-Plattformen performt. Umso wichtiger ist es, dass die Songs gefunden werden.

«Wir spielen viel Live und auch zu guten Konditionen. Wir kämpfen seit Jahren für bessere Gagen und unterwandern bewusst nicht den Markt mit tiefen Konzert-Gagen», sagt Meier.

Hörst du Musik aus den Sparten Afro und Soul?

Die Band sei auf Live-Engagements angewiesen, da sie so Geld verdienen und Platten verkaufen könne. Relevante Bookers bekommen «Siselabonga» von ihrer Booking Agentur «Peppersound» vorgeschlagen.

«Falls der oder die Bookerin ‹Siselabonga› interessant findet, geht die Person womöglich auf den Streaming Plattformen schauen, wie viele monatliche Hörer die Band hat, damit sie sich ein Bild machen kann, ob es sich für sie lohnt, diese ins Programm aufzunehmen», sagt Meier. Allerdings garantiere ein grosser Streaming-Erfolg noch keine erfolgreichen Live-Auftritte.

Vorstoss im Parlament

Im Juni wurde im nationalen Parlament die Motion «Sichtbarkeit des Schweizer Musikschaffens auf digitalen Plattformen sicherstellen» durch die FDP, GLP, die Mitte, Grüne, SP und die SVP eingereicht, welche Schweizer Musikschaffen auf digitalen Plattformen stärken will.

«Dass im Parlament über alle Parteien der Vorstoss zu den Streaming-Diensten eingereicht wurde, ist ein starkes Zeichen für Handlungsbedarf», sagt Thomas Wiederkehr vom Schweizer Musikrat, der beim Gespräch ebenfalls dabei ist. Er bezeichnet sich als Musiklobbyist.

Musikrat
Thomas Wiederkehr, Geschäftsführer Schweizer Musikrat - Winterthurer Zeitung

«Ich mache mich für die lokale Musikszene stark», sagt er. Auf Anfrage zückt er den Lobbyausweis für Bundesbern aus der Tasche. Er habe den Vorstoss entworfen und zusammen mit der Politik entwickelt. Bereits vor drei Jahren habe der Musikrat einen Anlauf gemacht, die Motion Stefan Müller-Altermatt sei aber nicht behandelt worden.

Nun ist die aktuelle Motion in Bearbeitung. «Ziel ist es, mit den Streaminganbietern gemeinsam eine Branchenlösung zu finden», sagt Wiederkehr.

Die Streamingplattformen hätten eine grosse Marktmacht. Dazu komme, dass der Musikmarkt mit KI-Songs geflutet werde. «Wir haben uns daran gewöhnt, dass KI-Musik wie Ketchup klingt: alles tönt gleich», sagt Wiederkehr.

«Wir verlangen zudem, dass die Musiker, deren Songs für KI-Trainings verwendet werden, vergütet werden», sagt er.

Die Kuratoren sitzen in Berlin

Wiederkehr beschreibt die wichtigsten Punkte betreffend die Plattformen: Bei Spotify werden Vorschläge wie zum Beispiel «New Releases», «Volksmusik Switzerland» oder «Mundart Switzerland» gemacht.

«Dies sind zwar kuratierte Playlists, aber die Kuratoren sitzen in Berlin!» Die Kenntnis über den Schweizer Musikmarkt sei schlicht nicht vorhanden. «Dies ist eine unserer Forderungen: Es braucht eine Vertretung für die Schweizer Musik hier vor Ort.»

Im Sprachsilo gefangen

Ein weiteres Problem besteht laut Wiederkehr darin, dass beim Hochladen der Musik von den Musikerinnen und Musikern die Sprache und das Genre eingegeben werden müssen.

Spotify schweigt

Die WIZE hat nachgefragt, was Spotify dazu sagt, dass Schweizer Playlists in Berlin kuratiert werden und warum lokale Artists in der Schweiz so schlecht auffindbar sind. Ebenfalls wurde angefragt, was der Streaming-Anbieter zur Motion 26.3761 «Sichtbarkeit des Schweizer Musikschaffens auf digitalen Plattformen sicherstellen», zu sagen hat, die aktuell im nationalen Parlament bearbeitet wird. Zwei Anfragen über den offiziellen Medien-Link blieben von Spotify unbeantwortet. cnb

«Wir reden von Language-Silos. Der Benchmark wird über alle Titel der gleichen Sprache festgelegt – weltweit.» Eine Band aus Winterthur, die englisch singt, werde gar nicht als lokale Band wahrgenommen, sondern müsse im Wettbewerb gegen alle englischen Songs antreten.

Availability und Discoverability

Zwei wichtige Begriffe der europäischen Studie sind Availability (Verfügbarkeit) und Discoverability (Auffindbarkeit). «Heute ist es nicht das Problem, dass zu wenig Musik verfügbar ist, diese zu finden, hingegen schon», sagt Wiederkehr.

Was mit dem Algorithmus wegfällt, ist das Stöbern. «Die grosse Mehrheit hört nach der Lean-Back Mentalität einfach das, was der Algorithmus vorschlägt.» Es gebe aber Rezepte dagegen, nämlich auf Indie-Playlists auszuweichen oder selbst zu recherchieren, und dem Algorithmus Stücke vorzugeben, um nach ähnlichen Songs zu suchen. «Auch der Algorithmus kann vom Menschen lernen», sagt Wiederkehr.

Hinweis

Dieser Artikel ist zuerst in der «Winterthurer Zeitung» erschienen.

Kommentare

User #1369 (nicht angemeldet)

Wem diese Musik gefällt, wird sie finden. Wem sie nicht gefällt, wird keine klicks generieren. Das ist die freue Marktwirtschaft, wo jeder hören kann was er will!

User #1369 (nicht angemeldet)

Wer eine Nische bedient, weiss das. Soll der Staat uns jetzt zum Hören von "Nischen-Produkten" verpflichten um nicht als diskriminierend da zu stehen?

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