Auf Social Media wird Schwäche zum Trend – «macht angreifbar»
«Ich schäme mich nicht zu sagen, dass...»: Influencer geben sich so authentisch wie nie und stellen ihre Imperfektionen offen zur Schau – die Follower lieben's!

Das Wichtigste in Kürze
- Auf Social Media gestehen Influencer neuerdings schamlos ihre Makel.
- Bei den Followern kommt das super an – die Influencer erhalten viel Zuspruch dafür.
- Auch Experten finden mehr Authentizität auf Social Media positiv – wenn sie echt ist.
Social Media ist plötzlich ganz schamlos!
Perfekte Körper, makellose Gesichter, scheinbar sorgenfreie Leben: Das war lange das Erfolgsrezept auf Social Media. Doch plötzlich kippt der Trend: Wer heute Aufmerksamkeit will, zeigt seine Schwächen.
Unter viralen Formaten wie «Ich schäme mich nicht zu sagen, dass…» legen Influencer plötzlich schonungslos offen, was früher tabu war. Und zwar alles.
Fitness-Influencer, die mitten in der Halbmarathon-Vorbereitung zugeben, dass sie über ihre Laufgeschwindigkeit gefrustet sind. Beauty-Creatorinnen, die offen sagen, dass sie ihre Beine nicht rasieren. Lifestyle-Stars, die stolz ihre Schweissflecken präsentieren – völlig egal, was andere denken.
Doch damit nicht genug: Auch die kleinen, oft versteckten Alltagsmomente werden plötzlich öffentlich gemacht. Traurig sein, wenn man abends allein nach Hause kommt. Das Bett tagelang nicht machen. Ohne Hintergrundgeräusche nicht einschlafen können.
Was früher peinlich oder unangenehm war, wird heute gefeiert.
Und das Publikum? Ist begeistert. Ehrlichkeit schlägt Perfektion – und bringt Klicks wie nie zuvor.
In den Kommentaren häuft sich der Zuspruch: Die Follower fühlen sich verstanden. Unter den Beiträgen finden sich Aussagen wie: «Fühle jeden einzelnen Punkt so sehr», «Toller Post» oder auch «Schön zu wissen, dass man nicht die Einzige ist».
«Nachhaltige Entwicklung zu mehr Authentizität»
Luca Obrist ist Marketing-Chef von «Kingfluencers». Das Unternehmen ist die führende Schweizer Influencer-Marketing-Agentur.
Und Obrist kann gegenüber Nau.ch definitiv bestätigen, dass sich auf Social Media etwas verändert: «Der Trend ist Teil einer nachhaltigen Entwicklung hin zu mehr Authentizität, auch wenn konkrete Formate wie dieses eher kurzfristig sind. Insgesamt sehen wir klar eine Bewegung weg von Perfektion hin zu mehr Nahbarkeit», erklärt der Experte.
Warum das so gut funktioniert? Laut Obrist ist Verletzlichkeit ein Schlüssel zum Erfolg: «Wer persönliche Seiten zeigt, baut stärkere Beziehungen zur Community auf, und genau das ist heute entscheidend.»
Und lässt die Follower-Zahlen in die Höhe schiessen: «Solche Inhalte performen oft überdurchschnittlich gut. Sie lösen Emotionen aus, regen zum Mitdiskutieren an und geben der Community das Gefühl, verstanden zu werden.»
Doch nicht jeder «ehrliche Moment» ist wirklich echt. Obrist: «Authentisch ist es dann, wenn es zur Person passt und konsistent gelebt wird. Sobald Verletzlichkeit nur als Trend oder Strategie eingesetzt wird, wirkt sie schnell inszeniert – und das merkt die Community.»

Bei Kingfluencer werden den 3800 Influencern, die das Unternehmen berät, nicht pauschal empfohlen, auf den Trend aufzuspringen: «Wir empfehlen solche Inhalte nur, wenn sie glaubwürdig zur Persönlichkeit und bisherigen Kommunikation passen. Authentizität lässt sich nicht erzwingen.»
Der Preis der Offenheit
Der neue Trend hat auch Schattenseiten, so Obrist: «Wer sehr intime Themen teilt, macht sich angreifbar und gibt ein Stück Kontrolle ab.» Deshalb sei es wichtig, klare persönliche Grenzen zu definieren und bewusst zu entscheiden, was man öffentlich mache.
Auch die Fachorganisation für psychische Gesundheit, Pro Mente Sana, sieht Chancen im Trend – aber nicht nur positive Seiten. «Offene und verletzliche Inhalte wirken wie ein Gegenpol zu den vielen perfekt inszenierten Bildern auf Social Media.» Das erklärt Nadia Pernollet, Fachverantwortliche Beratung und Psychosoziales der Fachorganisation, gegenüber Nau.ch.

Viele Menschen erlebten den Trend als entlastend: «Viele Menschen spüren den Druck, mitzuhalten und erleben es als wohltuend, wenn jemand zeigt, dass auch Unsicherheiten, Fehler und schwierige Gefühle zum Leben gehören.» Das schaffe Nähe und das Gefühl, mit den eigenen Schwächen nicht allein zu sein.
Auch aus psychologischer Sicht könne der Effekt positiv sein, so Pernollet: «Einerseits kann der Druck, ständig perfekt sein zu müssen, reduziert werden. Und andererseits kann es zur Entstigmatisierung beitragen, wenn bekannte Personen offen über Fehler, Unsicherheiten oder belastende Gefühle sprechen.»
«Macht angreifbar»
Doch der Trend birgt laut der Expertin auch Risiken: «Das Teilen von sehr persönlichen Inhalten macht Menschen angreifbar. Ausserdem kann ein Druck entstehen, immer noch mehr und noch intimere Einblicke zu posten.»
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Und auch die Community sei Risiken ausgesetzt: «Für die Community besteht die Gefahr, dass komplexe Themen rund um die psychische Gesundheit vereinfacht dargestellt werden, emotional überfordern und eigene Belastungen sogar verstärken.»
Zudem bleibe ein wichtiger Punkt oft ausgeblendet: «Social Media bleibt ein Raum, in dem vieles bewusst ausgewählt und inszeniert wird. Auch Verletzlichkeit kann zu einer Art Performance werden.»
«Vergleichen und minderwertig fühlen»
Das könne weitreichende Folgen haben: «Das kann dazu führen, dass sich Menschen vergleichen und sich minderwertig fühlen, wenn sie das Gefühl haben, mit ihren eigenen Problemen weniger souverän umzugehen als andere.»
Trotz aller Kritik sieht Pernollet auch eine klare Entwicklung: «Viele Menschen sprechen heute offener über Themen, die früher tabuisiert waren und das kann zur Entstigmatisierung beitragen.»
Doch entscheidend bleibe der Umgang damit: «Entscheidend ist ein bewusster und verantwortungsvoller Umgang, sowohl bei denjenigen, die Inhalte produzieren, als auch bei denen, die sie konsumieren.»














