1,5 Meter beim Velo-Überholen? Auch Autofahrende sind dafür
Velofahren soll sicherer werden. Eine neue VCS-Umfrage liegt Nau.ch exklusiv vor: Eine Mehrheit will einen gesetzlichen Mindestabstand.

Das Wichtigste in Kürze
- Eine neue Umfrage zeigt: Eine Mehrheit befürwortet 1,5 Meter Mindestabstand beim Velo-Überholen.
- Selbst unter Autofahrenden spricht sich eine knappe Mehrheit dafür aus.
- Neue Unfallzahlen zeigen zugleich einen deutlichen Anstieg bei Überholunfällen.
- Der VCS erwägt einen neuen politischen Vorstoss.
Mit dem Velo unterwegs zu sein, bedeutet Freiheit. Am schönsten ist es dort, wo kaum Autos unterwegs sind.
Wenn es dann doch einmal auf die Strasse geht, wird es schnell enger. Besonders unangenehm sind Autos, die Velofahrende mit zu wenig Abstand überholen.
Genau hier wünschen sich viele klarere Regeln: Einen gesetzlich festgelegten Mindestabstand.

Das zeigt eine repräsentative Online-Umfrage des Forschungsinstituts DemoSCOPE im Auftrag des Verkehrs Clubs der Schweiz VCS, die Nau.ch exklusiv vorliegt. An der Umfrage nahmen 1009 Personen teil.
57 Prozent der Befragten befürworten einen gesetzlich geregelten Mindestüberholabstand von 1,5 Metern innerorts.
Auch Autofahrende wollen mehr Abstand
Besonders auffällig: Die Zustimmung zur 1,5-Meter-Regel reicht weit über die Velofahrenden hinaus.
«Dass es auch unter Autofahrenden eine Mehrheit für einen gesetzlichen Mindestüberholabstand von 1,5 Metern gibt, hat uns tatsächlich ein wenig überrascht», sagt Edward Weber, Projektleiter Verkehrspolitik beim VCS, zu Nau.ch.
Konkret sprechen sich 51 Prozent der Autofahrenden dafür aus. Unter regelmässig Velofahrenden sind es 72 Prozent.
Die Forderung kommt nicht aus dem Nichts. Zu knappes Überholen kann für Velofahrende gefährlich werden.
Das zeigen auch neue Unfallzahlen. Nach einer Auswertung von Daten des Bundesamts für Statistik wurden 2025 insgesamt 163 Überholunfälle zwischen Autos und Velos oder E-Bikes registriert, bei denen die Person am Steuer des Autos als Hauptverursacher galt.
2016 waren es noch 132 Fälle.
Überholunfälle steigen stärker als Auto-Velo-Unfälle insgesamt
Der Anstieg lässt sich laut Weber nicht einfach mit mehr Veloverkehr erklären.
Denn während die Zahl der Überholunfälle seit 2016 um 23 Prozent zunahm, stiegen die von Autofahrenden verursachten Unfälle mit Velos und E-Bikes insgesamt nur um rund fünf Prozent.
Mehr Veloverkehr könne zwar einen Einfluss haben, sagt Weber. Die deutlich unterschiedliche Entwicklung spreche aber dagegen, dass dies der einzige Grund sei.
Wie viele dieser Unfälle eine 1,5-Meter-Regel verhindert hätte, lässt sich aus den Zahlen nicht ableiten.
Weber wurde selbst touchiert
Die neue Umfrage knüpft an eine bereits im August veröffentlichte Messstudie an. Dabei zeigte sich: Ein grosser Teil der Autos überholte Velos mit weniger als 1,5 Metern Abstand.
Weber war für die Messungen selbst mit dem Velo unterwegs. Einmal wurde es besonders eng. «Das knappste war quasi null Zentimeter. Ein Lieferwagen hat mich touchiert, als ich auf dem Velostreifen unterwegs war.»

Ausgerechnet dieser Vorfall floss nicht in die Messdaten ein. Die Überholmanöver mussten während der Fahrt per Knopfdruck markiert werden. Als ihn der Lieferwagen berührte, hatte Weber dafür keine Gelegenheit.
Für den VCS zeigt das Erlebnis aber auch, wie viel Spielraum die heutige Regelung lässt.
Wenn der Platz nicht reicht, muss das Auto warten
Denn das Gesetz schreibt beim Überholen lediglich einen «ausreichenden Abstand» vor. Wie viel das genau ist, bleibt offen.
Genau das stört Weber. «Heute steht bloss ein ‹ausreichender Abstand› im Gesetz. Dadurch interpretiert das jeder selber. Der Mindestüberholabstand schafft Klarheit für alle und ist auch Autofahrern eine Orientierungshilfe.»

Mit einer 1,5-Meter-Regel wäre die Sache klarer. Auf einer engen Strasse könnte das bedeuten: Warten statt vorbeidrücken. Reicht der Platz nicht aus, müsse das Auto hinter dem Velo bleiben, bis wieder sicher überholt werden könne, sagt Weber.
Nationalrat sagte bereits Nein
Politisch ist die Forderung nicht neu.
Im März 2022 lag im Nationalrat bereits ein Antrag auf dem Tisch, Fahrräder nur noch mit mindestens 1,5 Metern Abstand überholen zu dürfen.
Der Vorschlag scheiterte mit 77 zu 106 Stimmen bei einer Enthaltung. Die Mehrheit der zuständigen Kommission hielt einen festen Abstand von 1,5 Metern für nicht praktikabel.
Der VCS denkt nun über einen neuen politischen Anlauf nach.
Weber sagt: «Dazu laufen derzeit Gespräche. Eine Möglichkeit wäre, den Mindestüberholabstand mittels eines parlamentarischen Vorstosses zu fordern.»
Konkret beschlossen ist ein solcher Vorstoss derzeit noch nicht.











