10-Millionen-Initiative: Wer finanziert steigende Sozialausgaben?
Im Juni stimmt die Schweiz über die 10-Millionen-Initiative ab. Bei einer Annahme würden die steigenden Sozialausgaben weiter abgewälzt. Doch wer zahlt am Ende?

Das Wichtigste in Kürze
- Am 14. Juni stimmt die Schweizer Bevölkerung über die 10-Millionen-Initiative ab.
- Schon heute ist klar: Eine Bevölkerungsdeckelung hätte massive Auswirkungen auf die AHV.
- Deren Finanzierung profitiert von jungen Zuwandernden im erwerbstätigen Alter.
Die Schweiz wird älter. Gleichzeitig wächst die Bevölkerung schneller als je zuvor. An diesem Spannungsfeld entzündet sich derzeit die politische Debatte rund um die 10-Millionen-Initiative der SVP.
Denn bei der Abstimmung vom 14. Juni geht es längst nicht mehr nur um das «Ja» oder «Nein» zur Bevölkerungsdeckelung. Vielmehr stellt sich zunehmend die Frage, wer in Zukunft eigentlich noch die Renten bezahlen wird.
Ende 2025 lebten rund 9,1 Millionen Menschen in der Schweiz. Seit Einführung der Personenfreizügigkeit im Jahr 2002 ist die Bevölkerung um rund 1,7 Millionen Personen gewachsen. Ein grosser Teil davon wegen der Zuwanderung.
Genau diese Entwicklung möchte die SVP mit ihrer «Nachhaltigkeitsinitiative» bremsen. Vor 2050 soll die Schweizer Bevölkerung unter 10 Millionen Menschen bleiben.
Doch was bedeutet das eigentlich für die AHV?
Zuwanderung ist ein «Jungbrunnen»
Für den Volkswirtschaftsprofessor Reto Föllmi von der Universität St. Gallen ist die Ausgangslage klar: Kurz- und mittelfristig hilft die Zuwanderung dabei, die AHV zu stabilisieren.
«Die Einschätzung, dass die Zuwanderung für die AHV eine Art ‹Jungbrunnen› ist, stütze ich weiterhin», sagt Föllmi gegenüber Nau.ch. «Die Finanzierung der AHV profitiert von jungen Zuwandernden.»
Viele Zugewanderte seien heute zwischen 20 und 45 Jahren alt. Damit fallen sie in jene Altersgruppe, die aktiv arbeitet und in die AHV einzahlt.
Gerade jetzt kommt dieser Effekt besonders stark zum Tragen. «Die Zuwandernden, die jetzt einzahlen, helfen in einem Zeitraum aus, in dem viele Babyboomer in Rente gehen.»
Zuwandernde zahlen mehr ein, als sie beziehen
Auch der Thinktank Avenir Suisse verweist auf diesen Mechanismus. Zusätzliche Erwerbstätige würden die AHV derzeit «kurz- und mittelfristig entlasten».
Tatsächlich zahlen Zuwandernde aus der EU mehr in die AHV ein, als sie Leistungen beziehen. Eine Studie, die Forscher der Universitäten St. Gallen und Zürich 2023 im Auftrag des Bundesamts für Sozialversicherungen veröffentlichten, bestätigt dies.
Die Ergebnisse konzentrieren sich auf die letzten 20 Jahre. Zugewanderte hätten demnach zu allen Sozialversicherungen der ersten Säule «verhältnismässig mehr beigetragen, als sie an Leistungen erhalten haben».
Das Problem verschiebt sich nach hinten
Ganz so einfach ist die Rechnung allerdings nicht. Denn auch Zugewanderte werden irgendwann pensioniert. Die Finanzierungslücke der AHV verschwindet also nicht einfach, sie wird nur zeitlich verschoben.
Auch Avenir Suisse teilt diese Ansicht: «Man verschiebt das Finanzierungsproblem teilweise in die Zukunft.»
Und auch Föllmi betont: Eine hohe Zuwanderung löse das Problem nicht dauerhaft. Sie verschaffe der Schweiz vor allem Zeit.
Klar sei aber auch: Würde die Zuwanderung deutlich sinken, geriete die AHV schneller unter Druck. Die Einnahmen würden sofort zurückgehen, weil weniger Menschen Lohnbeiträge bezahlen. Gleichzeitig blieben die Rentenausgaben zunächst praktisch unverändert.
Erhöhung des Rentenalters ist ein «realistisches Szenario»
An diesem Punkt setzt auch die politische Debatte der SVP an. SVP-Kantonsrat Domenik Ledergerber sagt gegenüber Nau.ch offen, dass längerfristig auch ein höheres Rentenalter diskutiert werden müsse.
«Wir müssen ehrlich sein: Wenn wir immer älter werden, ist eine moderate Anpassung des Rentenalters oder ein Lebensarbeitszeitmodell ein realistisches Szenario.»
Die Schweiz könne «nicht unbegrenzt wachsen, nur um ein marodes System künstlich zu stabilisieren». Auch Avenir Suisse hält fest, dass Rentenaltererhöhungen politisch realistischer werden könnten, wenn der finanzielle Druck weiter steige.
Der demografische Wandel mache die Entwicklung praktisch unausweichlich. Heute kommen in der Schweiz noch rund drei Personen im Erwerbsalter auf eine pensionierte Person. Im Jahr 2000 waren es noch vier. Langfristig nähere sich das Verhältnis zwei zu eins an, wie das Bundesamt für Statistik (BfS) bestätigt.
Wer bezahlt am Ende die Rechnung?
Wer soll also die Kosten künftig tragen? Für Avenir Suisse gibt es grundsätzlich nur drei Möglichkeiten: «Höhere Einnahmen, tiefere Renten oder ein höheres Rentenalter.»
Doch Rentenkürzungen gelten politisch als kaum durchsetzbar. Die Diskussion dürfte sich deshalb zunehmend um höhere Mehrwertsteuern, höhere Lohnabzüge oder eben ein höheres Rentenalter drehen.
Nimmt die Schweiz die Nachhaltigkeitsinitiative und damit auch eine Bevölkerungsdeckelung an, wären langfristig zusätzliche Finanzierungen nötig.
Föllmi warnt dabei insbesondere vor steigenden Abgaben auf Arbeit. «Wenn man die Lohnbeiträge erhöht, bestraft man eigentlich genau jene, die aktuell ohnehin schon viel arbeiten.»
Differenzierte Zahlen im politischen Schlagabtausch
Besonders umstritten sind derzeit auch die Zahlen zur Zuwanderung und Sozialhilfe.
Ledergerber argumentiert, «nur etwa jeder Dritte Sozialhilfebezüger ist Schweizer». Das Bundesamt für Statistik bestätigt gegenüber Nau.ch: Bezieht man auch den Asyl- und Flüchtlingsbereich mit ein, liegt der Anteil der Schweizer Staatsangehörigen tatsächlich bei rund 31 Prozent.
Beschränkt man sich hingegen auf die klassische wirtschaftliche Sozialhilfe, liegt der Anteil der Schweizerinnen und Schweizer bei rund 47 Prozent.
Auch bei der Erwerbstätigkeit zeigt sich ein differenzierteres Bild, als es im politischen Schlagabtausch oft dargestellt wird.
Ledergerber sagt, «nur rund die Hälfte der Zugewanderten ist überhaupt erwerbstätig».
Tatsächlich erfolgte im Jahr 2025 bei rund 53 Prozent der gesamten Zuwanderung die Einreise direkt wegen einer Erwerbstätigkeit. In dieser Statistik des Staatssekretariats für Migration sind allerdings sämtliche Altersgruppen enthalten, also auch Kinder.
Je nach Herkunft unterscheidet sich das Bild deutlich: Bei Personen aus EU- und EFTA-Staaten lag der Anteil der Erwerbszuwanderung bei rund 70 Prozent.
Eine andere Kennzahl zeigt zudem, wie stark Zugewanderte tatsächlich am Arbeitsmarkt teilnehmen. Laut Bundesamt für Statistik sind EU/EFTA-Staatsangehörige im typischen Erwerbsalter heute sogar etwas häufiger erwerbstätig als Schweizerinnen und Schweizer. Die Erwerbsquote liegt bei 87,3 Prozent.


















