Stadt Bern

    Rose Marie Denise Doblies: Meine Bühne sind die Berner Gassen

    Raphael Hadorn
    Raphael Hadorn

    Bern,

    Rund einmal pro Woche singt Rose Marie Denise Doblies Opernarien in Berns Altstadt. Zwischen Passanten sorgt sie mit ihrer Stimme für einen besonderen Moment.

    Rose Marie Denise Doblies singt in Berns Gassen Opernarien.
    Rose Marie Denise Doblies singt in Berns Gassen Opernarien. - Daniel Zaugg

    Ein Mittwochnachmittag im September. Es ist hochsommerlich warm. Auf dem Münsterplatz ist es ruhig. Noch. Einige wenige Touristen posieren für Fotos vor der höchsten Kirche der Schweiz. Plötzlich durchbricht eine engelsartige Stimme die Stille.

    Verdi, Puccini – und das weltberühmte «Ave Maria» von Franz Schubert. Die Kameras schwenken vom Münster zur Sängerin: Rose Marie Denise Doblies.

    Opernbühne statt Spitalbett

    Sängerin, Gesangspädagogin, Chordirigentin, Poetin, Menschenrechtsaktivistin: Wer ihre Website besucht, erfährt schnell, dass Rose Marie Denise Doblies eine Frau mit vielen Facetten ist. Und die Liste liesse sich noch beliebig erweitern, etwa mit Komponistin oder Malerin.

    Doch der Reihe nach.

    Aufgewachsen ist die Künstlerin auf einem Bauernhof im Jura, in einem freikirchlich geprägten Umfeld. Die Erfahrungen dort haben sie geprägt – und ihr Verhältnis zur Religion verändert. Heute bezeichnet sich Doblies als Atheistin.

    Rose Marie Denise Doblies.
    Rose Marie Denise Doblies. - Daniel Zaugg

    Früh findet sie zur Musik: Edith Piafs «La vie en rose» begleitet sie schon in jungen Jahren. Ihre erste CD enthält Werke von Mozart. Nach der obligatorischen Schulzeit absolviert sie eine Ausbildung zur Krankenschwester am Lindenhof in Bern.

    «Als sehr sensible Person war die Arbeit für mich jedoch belastend», erzählt sie. Und so geht Doblies neue Wege.

    1985 erwirbt sie am Konservatorium Bern für Musik und Theater das Lehrdiplom für Gesang. Es folgen Jahre der Weiterbildung, unter anderem beim, in der Szene hoch angesehenen Maestro Dennis Hall, der sie in die italienische Belcanto-Technik einführt. Bis zu seinem Tod 2002 ist sie professionell eng mit ihm verbunden.

    Die Not wird zur Tugend

    Hunderte Konzerte zieren ihr Palmares, in der Arena von Nîmes hatte sie einmal einen Auftritt vor 15‘000 Zuschauerinnen und Zuschauern.

    Doch am liebsten singt Doblies auf der Strasse. «Hier fühle ich mich vogelfrei, einfach ein unglaublich gutes Gefühl. Die Begegnungen mit unterschiedlichsten Menschen jeglichen Alters sind unbezahlbar.»

    An ihren ersten Auftritt als Strassenkünstlerin erinnert sie sich noch gut. «Er entstand aus finanzieller Not heraus. Am 17. Juli 1999 in Avignon», sagt sie, ohne gross nachzudenken. Der Zufall will es, dass an diesem Tag ein Journalist auf ihre Stimme aufmerksam wird und einen Artikel über sie in «La Provence» verfasst.

    Avignon, Nîmes, Arles oder Saintes-Maries-de-la-Mer – Frankreich wird in der Folge zu einem besonderen Ort für Doblies: Die Wärme des Südens, die Offenheit der Menschen und das pulsierende Leben auf den Strassen ziehen sie an. Und nicht zuletzt tut die feuchte Meeresluft ihrer Stimme gut.

    Die Menschen berühren

    20 bis 30 grosse Arien singt Doblies zwischen 2000 und 2010 pro Tag. Heute braucht ihre Stimme mehr Ruhepausen. Viel Wasser trinken ist wichtig, Durchzug und Klimaanlagen sind Gift.

    Das Alter verlangt seinen Tribut. Angesprochen auf dieses weicht sie aus. «Schreiben Sie, ich bin frisch pensioniert.»

    Seit rund 20 Jahren hallen die Arien von Doblies auch durch Berns Gassen. Im Sommer und im Winter. Anzutreffen ist sie meistens auf dem Münsterplatz oder in der Rathausgasse, ab und zu – und nach Rücksprache mit den Verantwortlichen – auch im Innern des Münsters.

    Die Künstlerin ist dankbar um ihre AHV und die Ergänzungsleistungen, aber noch auf zusätzliches Einkommen angewiesen. Und so freut sie sich denn auch, wenn nach ihren Auftritten etwas Geld in der Kollektenbüchse liegt.

    20 bis 30 grosse Arien singt Doblies zwischen 2000 und 2010 pro Tag.
    20 bis 30 grosse Arien singt Doblies zwischen 2000 und 2010 pro Tag. Heute braucht ihre Stimme mehr Ruhepausen. - Daniel Zaugg

    «Manchmal bleibt diese auch leer», sagt sie, und weiter: «In der Schweiz haben es professionelle Strassenkünstlerinnen und -künstler nicht leicht.» Heute ist ein guter Tag. Es sind mehrheitlich Touristen, welche einige Franken, Euros oder Dollar spenden.

    Was bei ihrem Auftritt auf dem Münsterplatz auffällt: Doblies singt nicht nur, sie performt. Entsprechend ist ihr auch das Outfit wichtig. Das rote Kleid, die farblich passenden Schuhe dazu, ein stylisches Tuch. Und vor dem Auftritt spritzt sie sich noch ein bisschen Wasser ins Haar. Sie will Emotionen wecken, die Menschen mit ihrer Stimme tief berühren und umarmen.

    «Die Schweizerinnen und Schweizer tun sich oft schwer damit, Gefühle zuzulassen.» Doblies singt deshalb besonders gerne auf Hochzeiten und Beerdigungen. Nicht nur weil diese finanziell lukrativ sind, sondern, weil hier den Gefühlen oft freien Lauf gelassen wird. «Wenn ich Menschen berühre, dann verändere ich vielleicht die Welt ein ganz kleines bisschen zum Guten.»

    Besonders nahe gehen ihr weinende Männer. Sie erinnert sich an eine Begegnung vor rund drei Jahren: «Nach dem ‹Ave Maria› von Schubert kam ein Mann mit Tränen in den Augen auf mich zu und sagte: ‹Genauso gesungen möchte ich dieses Ave Maria an der Abschiedsfeier meines besten Freundes, der soeben gestorben ist.›»

    Drei Tage später singt Doblies auf einem Balkon im Wallis.

    Ein Herz für Kinder

    Eine, wenn auch nur kleine Einnahmequelle sind auch die CD-Verkäufe. Sechs Tonträger, die unterschiedlicher nicht sein könnten, sind bereits erschienen. Mit Opernarien, aber auch mit Chansons, u.a. von Mani Matter.

    Zudem eine CD mit Improvisationen, die sich dem Thema häuslicher Gewalt annimmt. «Gäbe es keine häusliche Gewalt, sähe unsere Welt ganz anders aus», sagt sie, die in ihrer Kindheit häusliche Gewalt nicht persönlich, aber in ihrem Umfeld erlebt hat.

    Veröffentlicht hat sie zudem eine CD mit eigenen Kinderliedern. Aus gutem Grund. «Kinder sind für mich das Wichtigste auf der Welt. Sie sind Blüten und lange den Erwachsenen ausgeliefert. Wir tragen eine enorme Verantwortung», sagt die Mutter von zwei erwachsenen Söhnen.

    Dem Nachwuchs widmet sie entsprechend viel Zeit. Sie leitete und leitet Kinderchöre und weitere Projekte mit Kindern. Immer wieder kommen ganz Junge in den Gesangsunterricht. Dazu gehören Körperhaltung, das Atmen, Zwerchfellübungen, rückenschonendes Aufstehen und Absitzen, Gedichte, Gehörbildung, Melodien erfinden und Tanz.

    Rose Marie Denise Doblies: Sängerin, Gesangspädagogin, Chordirigentin, Poetin, Menschenrechtsaktivistin.
    Rose Marie Denise Doblies: Sängerin, Gesangspädagogin, Chordirigentin, Poetin, Menschenrechtsaktivistin. - Daniel Zaugg

    Ganz wichtig ist ihr: «Ich will Kinder nicht erziehen, ich will sie begleiten.»

    Politisch aktiv

    Doblies ist eine Frau mit Ecken und Kanten. So mischt sie sich ein, wenn sie sieht, dass jemand ein Kind grob behandelt. Mit einigen Aussagen mag sie vielleicht auch anecken. «Kinder kitzeln macht man nicht, das überreizt das Nervensystem», sagt sie zum Beispiel.

    Schliesslich sei es logisch, dass sie lachen müssten, auch wenn es ihnen gar nicht gefalle. Noch viel stärker polarisiert sie politisch. Vor ihrem Gesangsauftritt auf dem Münsterplatz steht Doblies mit einem Plakat auf dem Bundesplatz. Wohl kaum ein Politiker, der im Bundeshaus ein- und ausgeht und noch nie auf Doblies aufmerksam wurde.

    Gehst du gerne in die Oper?

    Hier kämpft sie gegen Rechts/Rechtsextremismus, gegen Rassismus, gegen Hass und Hetze, gegen Verschwörer, gegen KlimaleugnerInnen, gegen häusliche Gewalt. Doblies singt und tanzt nicht nur täglich, sondern verbreitet auch jeden Tag ihre Parolen in zahlreichen Posts auf Facebook.

    Mittlerweile zum Teil nur noch mit der Kommentarfunktion «Nur für Freunde», auch wenn sie sagt: «Die Beleidigungen und Verleumdungen sind krass. Mittlerweile bin ich mir einiges gewohnt.»

    «Können Sie noch etwas aufschreiben», fragt sie plötzlich. Ich nicke. «Ein Kind kommt nie rassistisch zur Welt», und weiter: «Das müsste jedem Menschen dringend bewusst werden.»

    Noch viele Pläne

    Nach 90 Minuten neigt sich unser Gespräch dem Ende, auch wenn Doblies noch Stunden weiterreden könnte. Über Erlebtes. Über Pläne. «Ich möchte ein Buch schreiben», nennt sie ein nächstes Ziel.

    Früher habe sie sich jeweils gewünscht, ohne Schlaf leben zu können, damit sie mehr vom Tag habe. Mittlerweile weiss sie, wie wichtig Erholung ist.

    Und so sagt sie abschliessend: «Ich hoffe, dass ich hundert Jahre alt werde. Ich habe noch soooo viel vor.»

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