Hans-Ulrich Müller: «Erfolg ist viel mehr als eine gute Bilanz»
Seit 25 Jahren prägt Hans-Ulrich Müller den Swiss Venture Club mit. Im Gespräch blickt der «Mister KMU» auf die Anfänge und die Zukunft des Unternehmertums.

Ein Vierteljahrhundert SVC: An der grossen Jubiläumsfeier in Bern wurde nicht nur zurückgeschaut, sondern auch sichtbar, was aus einer Idee geworden ist, die Hans-Ulrich Müller vor 25 Jahren mit angestossen hat.
Der Initiant und Mitbegründer des damaligen Venture Club of Berne gilt längst als «Mister KMU». Im Gespräch blickt er auf die Anfänge des SVC zurück, auf die Kraft von Netzwerken und auf die Zukunft des Schweizer Unternehmertums.
BärnerBär: Hans-Ulrich Müller, der SVC feiert sein 25-jähriges Bestehen. Was löst ein solcher Jubiläumsabend bei Ihnen aus?
Hans-Ulrich Müller: Vor allem Dankbarkeit. Und wenn ich sehe, was aus einer Idee geworden ist, die vor 25 Jahren in Bern entstanden ist, natürlich auch Stolz.
Entscheidend ist für mich, dass der SVC bis heute das geblieben ist, was er sein sollte: eine unabhängige Plattform für Unternehmerinnen und Unternehmer, die sich begegnen, voneinander lernen und gemeinsam etwas bewegen. Ein Netzwerk lebt nicht von Strukturen, sondern von Menschen und Vertrauen.

BärnerBär: Wie entstand eigentlich damals die Idee für den SVC?
Müller: Anfang der 2000er-Jahre waren viele KMU enttäuscht von den Grossbanken. Ich arbeitete damals selbst im Bankenumfeld und hatte das Gefühl, dass wir wieder näher zu diesen Unternehmen finden müssen. Ich wollte etwas für sie machen, das glaubwürdig ist.
Denn die Schweiz lebt von ihren KMU, von ihrem Mut, ihrer Innovationskraft und ihrer Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Deshalb war meine Idee, ihre Leistungen zu würdigen, ihnen Aufmerksamkeit zu verschaffen und gleichzeitig ein Netzwerk anzubieten. So entstand der Venture Club of Berne.
BärnerBär: War absehbar, dass daraus eine schweizweite Organisation werden könnte?
Müller: Nein, wir hatten keinen fertigen Masterplan. Wir hatten eine tiefe Überzeugung. Die Idee traf offenbar den Nerv der Zeit. Unternehmerinnen und Unternehmer wollen sich mit Menschen austauschen, die ähnliche Herausforderungen kennen, Erfahrungen teilen und voneinander lernen.
Um ein solches Netzwerk aufzubauen, fehlte ihnen schlicht die Zeit. So ist aus dem SVC eine schweizweite Bewegung entstanden, die weit über Bern hinausgewachsen ist.
BärnerBär: Heute ist der Prix SVC eine feste Grösse. Braucht es nach wie vor eine solche Auszeichnung?
Müller: Ja, definitiv. Denn sie bringt etwas auf die Bühne, das im Alltag oft zu wenig sichtbar ist: die enorme Leistung von unseren KMU.
Hinter jedem erfolgreichen Unternehmen stehen Menschen, die Risiken eingehen, Arbeitsplätze schaffen, Innovationen vorantreiben und Verantwortung für eine Region übernehmen.
Beim Prix SVC geht es deshalb nicht einfach um eine Rangliste, sondern um Anerkennung. Und ganz besonders auch darum, anderen Mut zu machen und Freude zu haben.
BärnerBär: Sie betonen immer wieder die Bedeutung von Netzwerken. Warum sind sie so zentral?
Müller: Weil gute Ideen selten allein im stillen Kämmerlein gross werden. Unternehmertum braucht Austausch. Man muss Menschen treffen, die widersprechen, ergänzen, Türen öffnen oder auf eine Chance aufmerksam machen.
Ich selbst habe immer viel zugehört und viele Fragen gestellt. Wer nur sendet, verpasst sehr viel und vor allem viel Entscheidendes. Ein gutes Netzwerk funktioniert allerdings nur, wenn man auch bereit ist, selbst etwas einzubringen.
BärnerBär: Sie haben neben Ihrer Bankenkarriere selbst sehr viel eingebracht, zahlreiche Unternehmen geprägt. Mit dem Bernapark haben Sie zudem ein aussergewöhnliches Projekt realisiert. Was haben Sie dabei über Unternehmertum gelernt?
Müller: Dass Erfolg nie garantiert ist. Auch wenn es lange gut läuft, darf man sich nicht einfach ausruhen und zurücklehnen. Man muss immer weiter daran arbeiten. Beim Bernapark war die Ausgangslage alles andere als einfach.

Nach der Schliessung der Kartonfabrik in Deisswil ging es nicht nur um Gebäude, sondern auch um Menschen und eine ganze Region. Daraus entstand die Idee eines neuen Quartiers.
Solche Projekte brauchen Ausdauer, Partner und die Bereitschaft, Unsicherheit auszuhalten. Und vor allem den Willen, dranzubleiben und nicht aufzugeben.
BärnerBär: Kann man lernen, Chancen früher zu erkennen als andere?
Müller: Zumindest kann man die Voraussetzungen dafür schaffen. Entscheidend ist, mit offenen Augen durchs Leben zu gehen und auch in Schwierigkeiten Möglichkeiten zu erkennen. Ich selbst habe das früh gelernt.
Ich stamme aus einfachen Verhältnissen, meine Eltern führten damals das Flughafenrestaurant. Meine Mutter brachte uns schon früh bei, dass unsere Gäste das Wichtigste sind, denn sie sorgten für das Einkommen unserer Familie.
So begrüsste ich bereits als Fünfjähriger unsere Gäste und lernte, wie viel man erreichen kann, wenn alle am gleichen Strang ziehen. Vielleicht hat mich genau das geprägt: Eine Chance kommt selten mit einem Schild daher, auf dem «Chance» steht.

Manchmal sieht sie zunächst eher wie ein Problem aus. Um sie zu erkennen, braucht es Offenheit und wenn man sie erkannt hat, vor allem den Mut, zu handeln.
BärnerBär: Was zeichnet aus Ihrer Sicht Schweizer KMU besonders aus?
Müller: Ihre Nähe zu den Menschen, ihre Verlässlichkeit und ihre Fähigkeit, pragmatische Lösungen zu finden. Wir haben in der Schweiz hervorragende Voraussetzungen: gute Bildung, starke Institutionen, politische Stabilität und Dialogfähigkeit.
Ich sage immer: Wir haben das wunderbarste Land der Welt und können zum Glück immer miteinander reden. Das ist ein grosser Standortvorteil, den wir nicht als selbstverständlich betrachten dürfen.
BärnerBär: Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen der kommenden Jahre?
Müller: Wir sollten aufpassen, dass wir Unternehmertum nicht mit immer mehr Regulierung und Bürokratie erschweren. Gleichzeitig stehen die Unternehmen vor grossen technologischen Veränderungen, dem Fachkräftemangel und der Frage, wie sie nachhaltiger wirtschaften können.
Das verlangt viel Anpassungsfähigkeit. Gerade KMU können sehr schnell sein, wenn man ihnen den nötigen Freiraum lässt. Sie kennen ihre Kunden, entscheiden pragmatisch und setzen um.
BärnerBär: Welche Rolle soll der SVC in Zukunft spielen?
Müller: Im Kern dieselbe wie bisher: Menschen verbinden, Unternehmertum sichtbar machen und den Austausch zwischen Wirtschaft, Gesellschaft und Politik fördern.
Zudem braucht die Wirtschaft weiterhin starke Banken. Deshalb freut mich besonders, dass mit Marc Nyffenegger und Aydin Sahin zwei erfahrene Persönlichkeiten aus der UBS den SVC-Vorstand bereichern.
Ich bin überzeugt, dass die KMU-Community weiterleben wird. Ihre Form mag sich verändern, doch die Inhalte und ihre Werte werden bleiben: eine nie endende Geschichte!
PERSÖNLICH
Hans-Ulrich Müller ist Berner Unternehmer, Investor und einer der prägenden Köpfe der Schweizer KMU-Landschaft. 2001 initiierte und gründete er den Swiss Venture Club, neu SVC für KMU, mit und präsidierte ihn bis 2017. Heute ist der 76-Jährige unter anderem Inhaber und Verwaltungsratspräsident der Bernapark AG sowie Ehrenpräsident des SVC.
Nach einer langjährigen Karriere im Bankwesen, unter anderem als Leiter Firmenkunden Schweiz bei der Credit Suisse, widmete sich Müller verstärkt eigenen unternehmerischen Projekten. Besonders bekannt ist die Transformation der ehemaligen Kartonfabrik Deisswil zum Bernapark, einem neuen Arbeits-, Wohn- und Lebensquartier vor den Toren Berns.
Sein Credo: Unternehmertum lebt von Menschen, starken Netzwerken, Mut und der Fähigkeit, neue Perspektiven zu schaffen.
BärnerBär: Nach 25 Jahren SVC und einer langen Unternehmerkarriere: Was bedeutet Erfolg für Sie persönlich?
Müller: Erfolg ist viel mehr als eine gute Bilanz. Es braucht Ziele und Leistungsbereitschaft, Familie und Freundschaften sowie Zeit für sich selbst. Unternehmertum braucht Balance, man darf nie das Gleichgewicht verlieren.
Und natürlich gehört auch Glück dazu. Glück ist ein zentraler Erfolgsfaktor und man muss auch etwas tun für sein Glück. Am Ende wächst man vor allem dann, wenn man bereit ist, sich immer wieder neu herauszufordern.
Ein gutes, erfolgreiches Leben ist kein einfaches Leben, denn man muss seine Komfortzone immer wieder verlassen.








