Erstes «Fixerstübli»: So hat Bern die Drogenpolitik verändert
Vor 40 Jahren wurde in der Münstergasse der erste offizielle Drogenkonsumraum der Welt eröffnet. Bubi Rufener ist Leiter der CONTACT Anlaufstelle in Bern.

Das Wichtigste in Kürze
- Vor 40 Jahren hat die Stiftung CONTACT in Bern den ersten Drogenkonsumraum eröffnet.
- Das Modell der Schadensminderung wurde weltweit kopiert.
- Heute befindet sich die Anlaufstelle in der Hodlerstrasse.
- Bubi Rufener (58) arbeitet seit 30 Jahren bei CONTACT und leitet die Anlaufstelle Bern.
BärnerBär: Wie und warum kam es vor 40 Jahren zur Gründung des «Fixerstüblis» in Bern?
Bubi Rufener: In den 1960er- und 1970er-Jahren wurden in vielen Teilen Europas immer mehr Substanzen konsumiert, vor allem Heroin. Das wurde schnell zu einer grossen gesellschaftlichen Herausforderung.
Auch in der Schweiz entwickelte sich eine offene und grosse Drogenszene, vor allem in Zürich und Bern. So hielten sich zeitweise Hunderte Menschen auf der Kleinen Schanze in Bern auf und konsumierten dort unter elenden Umständen Drogen.
CONTACT Stiftung für Suchthilfe, wie auch die Stadt und die Politik erkannten, dass etwas geschehen musste. In der Münstergasse wurde deshalb ein Gassenzimmer eingerichtet. In dem konnten Betroffene etwas essen und trinken, sich beraten und Wunden versorgen lassen. Man merkte aber schnell, dass man die Menschen nur wirklich erreichen konnte, wenn man ihnen auch den Konsum ermöglichte.
So entstand der erste offizielle Konsumraum, der im Volksmund bald als «Fixerstübli» bekannt wurde.

BärnerBär: Der Ort galt als die erste Anlaufstelle für Drogenabhängige in der Schweiz und sogar weltweit. Warum wurde ausgerechnet in Bern ein solcher Raum eröffnet?
Rufener: Das ist schwierig zu sagen. Interessanterweise ist die Schweiz bei zwei Themen eher progressiv: bei der Drogenpolitik und bei der Sterbehilfe.
Damals gab es in Bern mutige Menschen, die diese Entscheidung der Eröffnung getroffen und dann die Umsetzung mitgetragen haben. Initiiert wurde diese erste Anlaufstelle von CONTACT mit Fachpersonen aus der Pflege und der sozialen Arbeit.
Zudem haben die Schweiz und Bern einen sehr pragmatischen Ansatz, an Probleme heranzugehen. Es gab eine grosse Herausforderung – und dafür brauchte es eine Lösung. Das war der Beginn einer professionellen und modernen Schadensminderung. Diese ist nicht nur für die Betroffenen selbst, sondern auch für die Öffentlichkeit von Nutzen.
BärnerBär: Wie kam das «Fixerstübli» bei der Bevölkerung an?
Rufener: Die offene Drogenszene und das damit verbundene Elend auf der Strasse waren eine grosse Belastung für die Bevölkerung. Die meisten Menschen waren deshalb froh, dass das Fixen und der Drogenkonsum in einem geschützten Rahmen stattfanden. Und eben nicht mehr im öffentlichen Raum oder in ihrer Nachbarschaft.
BärnerBär: Gab es auch Kritik?
Rufener: Ja. Wir wurden von verschiedenen politischen Seiten und auch von der Polizei kritisiert. Dies, bis erkannt wurde, wie gross die Entlastung für den öffentlichen Raum ist, wenn man einen solchen Ort schafft. Einen Ort, an dem Suchtbetroffene kontrolliert konsumieren können.
Auch heute noch sagen gewisse Menschen, Abstinenz müsse das oberste Ziel sein und Drogenabhängige seien selbst schuld an ihrer Situation.
BärnerBär: Die Schweiz hat mit der Viersäulen-Suchtpolitik (Prävention, Therapie & Beratung, Regulierung & Vollzug sowie Schadensminderung) ein weltweit beachtetes System entwickelt. Welche Rolle spielen dabei die Konsumräume?
Rufener: Die Konsumräume gehören innerhalb dieser Viersäulen-Politik zur Schadensminderung. Es geht darum, dass Menschen mit einer schweren Abhängigkeit nicht noch tiefer fallen und sie weniger Leid erfahren.
Aber auch, dass sie sich nicht mit Krankheiten anstecken. Und im besten Fall den Weg in eine Therapie oder weitere Unterstützungsangebote finden.
Wir arbeiten mit aktiv Konsumierenden und unterstützen sie, Risiken und potenzielle Schädigungen des Konsums so gering wie möglich zu halten. Ein wichtiger Punkt der Schadensminderung ist, Menschen zu helfen, mit Substanzen möglichst sicher umzugehen und ihre Lebenssituation zu stabilisieren. Dies entlastet das Gesundheitssystem und den öffentlichen Raum massiv.
BärnerBär: Was sind die wichtigsten Erfolge des «Fixerstüblis»?
Rufener: Wir haben es geschafft, dass es in Bern keine sichtbare offene Drogenszene und kaum noch Drogentote im öffentlichen Raum gibt. Das ist nicht nur für die Stadt Bern, sondern auch für den Tourismus, die Läden und Restaurants von grosser Bedeutung.
Zudem führen die Angebote der Schadensminderung und damit auch der Konsumraum zu einer Entlastung des Gesundheitswesens. Dies, weil es es zu weniger Folgeerkrankungen kommt (beispielsweise HIV, Hepatitis). Eine Studie hat ergeben, dass durch das Vier-Säulen-Modell viele Milliarden Franken eingespart werden konnten.

BärnerBär: Welche Angebote bietet die Anlaufstelle heute?
Rufener: Das Angebot wurde seit der Gründung professionalisiert und laufend erweitert. Die CONTACT Anlaufstelle befindet sich heute an der Hodlerstrasse, ist grösser und personell wie auch infrastrukturell besser ausgestattet als früher.
Wir bieten Menschen, die nicht Erstkonsumierende, mindestens 18 Jahre alt und im Kanton Bern angemeldet sind, einen Ort. Hier können sie ihre selbst mitgebrachten Drogen unter hygienischen und betreuten Bedingungen konsumieren. Oft wird die Anlaufstelle fälschlicherweise Abgabestelle genannt. Das stimmt nicht, denn Menschen, die in die Anlaufstelle kommen und die Konsumräume nutzen, bringen ihre Substanzen selber mit.
Neben den drei Konsumräumen für den nasalen, inhalativen und intravenösen Konsum gibt es zahlreiche weitere Angebote. Das sind etwa sauberes Konsummaterial, Essen, Duschen, sozialarbeiterische Beratung, Pflege und Wundbehandlung, Freizeitaktivitäten, Ohrakupunktur sowie niederschwellige Arbeitsangebote.
Leider ist das Haus an der Hodlerstrasse in die Jahre gekommen und ein Umbau ist dringend nötig.
BärnerBär: Wie verhalten sich die Konsumierenden selbst? Kommt es auch zu Gewalt?
Rufener: Die meisten schätzen unser Angebot sehr und sind dankbar dafür. Natürlich kommt es auch zu Aggressionen. Dabei darf man nicht vergessen, dass viele Betroffene grosse Ausgrenzung erfahren und sich in äusserst schwierigen Lebenssituationen befinden.
BärnerBär: Gibt es Betroffene, die Fortschritte machen?
Rufener: Es ist ein harter Weg zurück, und natürlich schaffen es nicht alle. Aber wir erleben immer wieder, dass Menschen kleine Fortschritte erzielen.
Bereits wieder einmal am Tag zu lachen, kann viel bewirken. Es kann aber auch gelingen, den Weg in eine Therapie oder zurück in die Arbeitswelt zu finden.
BärnerBär: Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Anlaufstelle?
Rufener: Ich wünsche mir, dass wir aufhören, immer einen Schuldigen zu suchen. Wir müssen akzeptieren, miteinander reden und uns gegenseitig ernst nehmen. Nicht alle Menschen sind gleich, und dafür braucht es unterschiedliche Lösungen.
Die Zusammenarbeit zwischen Psychiatrie und Suchtarbeit sollte noch verbessert werden. Es braucht zudem eine bessere Abstimmung mit den stark belasteten medizinischen Notfallstellen. Auch die Zusammenarbeit mit der Polizei sollte noch weiter ausgebaut werden.
Ausserdem wäre eine kontrollierte Abgabe von Kokain an Schwerstabhängige nötig.








