Studie warnt: Verfrühte ADHS-Diagnosen können Kinder schädigen
Die Zahl der ADHS-Diagnosen ist stark gestiegen, ohne Beleg für wirklich so viele Fälle. Experten warnen vor unnötigen Behandlungen und falschen Erwartungen.

Das Wichtigste in Kürze
- Ein britischer Bericht warnt vor Fehl- und Überdiagnosen bei Kindern.
- Betroffen sind vor allem ADHS- und Autismusabklärungen.
- Autismusdiagnosen stiegen stark, ohne Beleg für reale Häufigkeitszunahme.
Eine von Grossbritanniens Regierung in Auftrag gegebene Untersuchung warnt vor möglichen Fehl- und Überdiagnosen von ADHS und Autismus bei Kindern.
Laut dem Bericht könnten Schulen, Sozialsysteme und soziale Medien dazu beitragen, dass Diagnosen stärker nachgefragt werden. Dies berichtet die «Daily Mail».
Bericht sieht keine höhere Häufigkeit
Die Zahl der erfassten Autismusdiagnosen ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Zugleich findet der Bericht keine Belege für eine entsprechende Zunahme der tatsächlichen Häufigkeit.
Der klinische Psychologe Peter Fonagy äussert Zweifel an der Qualität mancher Untersuchungen privater Anbieter. Diese führen inzwischen mehr als die Hälfte der vom NHS finanzierten ADHS-Abklärungen und rund ein Drittel der Autismus-Abklärungen durch.
Fonagy warnt, Fehl- und Überdiagnosen könnten zu unnötigen Behandlungen führen, andere Ursachen überdecken und die Erwartungen an Kinder senken.
Diagnosen können Erwartungen verändern
Der Bericht stellt zudem fest: Kinder mit einer ADHS-Diagnose vor dem 17. Lebensjahr sind im jungen Erwachsenenalter deutlich häufiger weder in Ausbildung noch in Beschäftigung.
Simon Wessely, stellvertretender Vorsitzender der Untersuchung, warnt: Eine Diagnose könne «Türen schliessen» und Menschen stärker über ihre Schwierigkeiten als über ihre Stärken und Möglichkeiten definieren.
Die Untersuchung fordert deshalb einen grundlegenden Umbau des Systems. Unterstützung in Schule und Alltag soll sich stärker am konkreten Bedarf eines Kindes orientieren. Sie soll nicht erst nach einer formalen Diagnose einsetzen.
Private Anbieter sollen zudem von der Care Quality Commission reguliert werden und Leistungen nicht direkt bei potenziellen Patienten bewerben dürfen.
Abklärungen nehmen stark zu
Die erfasste Autismusrate bei Sechs- bis Elfjährigen stieg laut Bericht von 0,24 Prozent im Jahr 2000 auf 4,58 Prozent im Jahr 2025.
Bei Zwölf- bis 17-Jährigen erhöhte sie sich von 0,10 auf 4,06 Prozent.
Die beste verfügbare Schätzung für die tatsächliche Häufigkeit von Autismus bei jungen Menschen liege jedoch weiterhin bei rund 1,2 Prozent.
Der Bericht führt den Anstieg vor allem auf veränderte Wahrnehmung, Diagnosekriterien, Dokumentation und den besseren Zugang zu Abklärungen zurück.
Auch die Zahl der ADHS-Abklärungen hat stark zugenommen. Die monatlichen Überweisungen stiegen von rund 5000 im Jahr 2019 auf etwa 17'000 im Jahr 2024. Ende 2025 waren mehr als 560'000 Abklärungen offen.
Die britische Gesundheitsministerin Yvette Cooper kündigte als Reaktion eine strengere Aufsicht an.
Künftig sollen sämtliche diagnostischen Abklärungen für ADHS und Autismus der Regulierung durch die Care Quality Commission unterstehen. So sollen Qualität und Kosten besser kontrolliert werden können.




















