Zehn Hauptstädte, die aus dem Nichts aufgetaucht sind
Was tun, wenn die alte Hauptstadt im Chaos versinkt? Manche Regierungen bauen kurzerhand eine neue. Wir zeigen zehn Städte, die am Reissbrett entstanden sind.

Viele Metropolen dieser Welt blicken auf eine jahrhunderte-, ja sogar jahrtausendalte Geschichte zurück. Sie haben sich Schritt für Schritt über lange Zeiträume entwickelt.
Doch auch dort hält die Moderne Einzug: Nicht selten steht heute ein Überrest aus einem alten Grossreich direkt neben einem gläsernen Wolkenkratzer. Allerdings sind nicht alle Hauptstädte auf diese Weise entstanden.
Alte Strukturen bieten nicht immer die idealen Voraussetzungen für eine moderne Entwicklung. Vielerorts kommt die alte Infrastruktur an ihre Grenzen, die Strassen sind verstopft und die Luft verschmutzt.
Als Antwort auf diese Herausforderungen haben bereits verschiedenste Regierungen zu einer radikalen Massnahme gegriffen: Dem Bau einer komplett neuen Hauptstadt.
Wir stellen ihnen zehn dieser sogenannten «Planhauptstädte» vor, die bewusst entworfen und gebaut wurden.
Brasilia, Brasilien
Wer an die Hauptstadt Brasiliens denkt, dem kommen möglicherweise zuerst die beiden Städte Rio de Janeiro oder São Paulo in den Sinn. Rio war tatsächlich bis 1960 die Landeshauptstadt, wurde dann aber vom neu gebauten Brasilia abgelöst.
Der damalige Präsident Juscelino Kubitschek wollte das Landesinnere erschliessen und eine zentral gelegene Hauptstadt errichten, also gab er Brasilia in Auftrag.

Stadtplaner Lúcio Costa und Architekt Oscar Niemeyer haben die Stadt streng gegliedert und Wohn-, Arbeits- und Regierungsbereiche klar voneinander getrennt. Nach nur rund 4 Jahren war die Stadt fertig und gilt seither als «Meilenstein in der Geschichte der Stadtplanung». Die Unesco nahm Brasilia 1987 in die Liste des Weltkulturerbes auf.
New Administrative Capital, Ägypten
In Ägypten entsteht seit 2015, rund 45 Kilometer östlich von Kairo, die zukünftige Hauptstadt des Landes. Offiziell heisst die Stadt «New Administrative Capital» (NAC) und soll die bisherige Hauptstadt Kairo entlasten, die aus allen Nähten platzt.
Die Regierung verlagert schrittweise Ministerien und Behörden von Kairo in die neue Stadt, viele Regierungsgebäude sind bereits fertig. NAC soll mit ihren streng durchgeplanten Regierungsvierteln, Diplomatenzonen und Wohngebieten eine moderne und repräsentative Hauptstadt sein.
Monumentalbauten wie der «Iconic Tower» als höchstes Gebäude Afrikas oder eine der grössten Moscheen des Kontinents zieren die neue Stadt.
Belmopan, Belize
Nachdem ein Hurrikan im Jahr 1961 mehr als drei Viertel der Gebäude in Belize City zerstört hatte, wollte die Regierung die Hauptstadt ins Landesinnere verlegen. 1970 wurde «Belmopan» offiziell zur Hauptstadt erklärt, nachdem der Bau drei Jahre zuvor begonnen hatte.
Ziel war es, eine sicherere und besser geschützte Hauptstadt im Landesinneren zu schaffen. Belmopan wurde daher etwa 80 Kilometer landeinwärts errichtet und zeichnet sich durch eine übersichtliche, funktionale Stadtplanung aus, bei der Regierungsgebäude, Wohngebiete und Infrastruktur klar strukturiert sind.
Der Name Belmopan setzt sich aus dem Belize River, dem längsten Fluss des Landes, und dem nahe gelegenen Fluss Mopan zusammen. Die Namensgebung sollte die nationale Identität stärken und gleichzeitig die neue Hauptstadt symbolisch im geografischen Zentrum des Landes verankern. Heute leben rund 20'000 Menschen in Belmopan.
Canberra, Australien
Als sich britische Siedler in Australien zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht zwischen Sydney und Melbourne als Hauptstadt einigen konnten, entschied man sich für einen Kompromiss und plante eine neue Hauptstadt dazwischen. 1913 begann der Bau von Canberra nach den Plänen des amerikanischen Architekten Walter Burley Griffin.

Die Stadt hat viele Sichtachsen, Grünflächen sowie einen zentralen See und wurde bewusst ruhig und funktional gestaltet, mit klar getrennten Bereichen für Regierung, Wohnen und Erholung.
Heute ist Canberra das politische Zentrum Australiens mit Parlament, Ministerien und Botschaften. Canberra gilt als gelungenes Beispiel für Stadtplanung, da viele Elemente des ursprünglichen Plans erhalten geblieben sind. Heute leben rund eine halbe Million Menschen in Canberra.
Nusantara, Indonesien
Die bisherige indonesische Hauptstadt Jakarta leidet unter massiver Überbevölkerung, Verkehrsproblemen und Umweltbelastungen. Teile der Stadt sinken wegen Grundwasserentnahme und dem Klimawandel sogar langsam ab.
Nun soll Nusantara auf der Insel Borneo die neue Hauptstadt werden und für rund zwei Millionen Menschen Platz bieten. In der Provinz Ostkalimantan entsteht seit 2020 eine nachhaltige Smart City, die stark auf Umweltfreundlichkeit und neue Technologien setzt.
Die Stadt wird von Wald umgeben sein und mit erneuerbaren Energien sowie effizienten Verkehrssystemen funktionieren. Nusantara, das bis 2045 fertig sein soll, ist ein weiteres Beispiel dafür, dass eine neu geplante Hauptstadt politische, ökologische und gesellschaftliche Probleme eines Landes lösen soll.
Naypyidaw, Myanmar
Naypyidaw gehört zu den jüngsten Hauptstädten der Welt: Offiziell begann der Bau der neuen Hauptstadt Myanmars im Jahre 2002, allerdings weitgehend im Geheimen. Grosse Teile der Bevölkerung erfuhren erst von dem Projekt, als bereits Strassen, Regierungsgebäude und Infrastrukturen entstanden waren.
2005 mussten innerhalb weniger Tage tausende Beamte und Ministerien von Yangon nach Naypyidaw ziehen, und dies ohne grosse Vorbereitung. Die neue Hauptstadt wurde praktisch über Nacht in Betrieb genommen. Die rund 320 Kilometer nördlich gelegene Stadt wurde strategisch geplant und beherbergt heute wichtige militärische und administrative Einrichtungen.
Trotz ihrer Grösse ist sie nur dünn besiedelt, weshalb viele Strassen oft leer wirken. Bei einem Erdbeben 2025 wurde Naypyidaw schwer beschädigt, aber seither nicht wieder vollständig aufgebaut.
Abuja, Nigeria
Die nigerianische Regierung entschied sich bereits in den 70er-Jahren dazu, eine neue Hauptstadt im Landesinneren zu schaffen, um die überlastete Infrastruktur von Lagos zu entlasten. Die neue Hauptstadt Abuja sollte zentral gelegen, politisch neutral und besser organisiert sein.
Der japanische Architekt Kenzō Tange entwickelte eine klar strukturierte Stadt mit funktionalen Zonen, in denen Regierungsgebäude, Wohngebiete und wirtschaftliche Bereiche voneinander getrennt sind.

Das Stadtbild ist geprägt vom zentralen Geschäftsbezirk (CBD) um den Aso Rock, dem Abuja World Trade Center und der Nationalmoschee sowie dem nationalen Christlichen Zentrum.
Abuja wurde 1991 zur Hauptstadt erklärt und gehört heute zu den am schnellsten wachsenden Städten der Welt. Trotz dieser strukturierten Planung ist der ursprüngliche Plan bis heute nicht vollständig umgesetzt worden.
Neu-Delhi, Indien
Im Jahre 1911, während der britischen Herrschaft in Indien, verkündete George V., dass die bisherige Hauptstadt Kalkutta nach Delhi verlegt werden sollte. Der Stadtplaner Edwin Lutyens entwarf ein streng geometrisches Stadtlayout mit breiten Achsen und viel Grünfläche.
Neu-Delhi sollte eine monumentale, koloniale Planstadt werden, die Macht, Ordnung und Kontrolle sichtbar werden lässt. Der Bau dauerte 20 Jahre lang und fand erst 1931 ein Ende. In Neu-Delhi vermischten sich europäische Planungsprinzipien und indische Architekturelemente.
Ciudad de la Paz, Äquatorialguinea
Die neue Hauptstadt von Äquatorialguinea wurde 2015 gegründet. Ciudad de la Paz entstand als politisches Prestigeprojekt mit dem Ziel, die bisherige Hauptstadt Malabo langfristig abzulösen. Dies ist nun geschehen: Anfang Januar 2026 gibt der Präsident von Äquatorialguinea bekannt, die Hauptstadt Malabo durch Ciudad de la Paz zu ersetzen.
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Dies, um die «Dezentralisierung» zu fördern. Der neue Standort wurde bewusst im Landesinneren gewählt, da er eine bessere Erreichbarkeit bietet und ein angenehmeres, weniger tropisch-feuchtes Klima bietet als die Küstenregion.
Der Name Ciudad de la Paz, also «Stadt des Friedens», soll Stabilität und nationale Einheit symbolisieren. Die Stadt ist bisher weitgehend unbelebt und wirkt eher wie eine Geisterstadt, da die erwartete Bevölkerung und die wirtschaftliche Dynamik bisher ausgeblieben sind.
Islamabad, Pakistan
Islamabad, dessen Name «Stadt des Islam» bedeutet, entstand in den 1960er-Jahren und wurde 1967 zur Hauptstadt Pakistans. Der Standort setzte sich gegen die frühere Hauptstadt Karatschi durch, weil er näher am Armeehauptquartier in Rawalpindi liegt.
Ziel war es, eine zentraler gelegene und besser kontrollierbare Hauptstadt zu haben. Mit der Planung wurde der griechische Architekt und Stadtplaner Konstantinos Apostolos Doxiadis beauftragt. Die Stadt wurde nach modernen städtebaulichen Prinzipien entworfen und ist in klar strukturierte Sektoren wie Wohn-, Verwaltungs- und Geschäftsbereiche unterteilt.
Heute gilt Islamabad als vergleichsweise ruhig, grün und gut geplant, mit breiten Strassen, vielen Parks und wichtigen Regierungsgebäuden, die das politische Zentrum Pakistans bilden. Es leben mehr als 1,1 Millionen Menschen in Islamabad.
Hinweis: Dieser Artikel wurde zuerst auf «Travelnews.ch» publiziert.












