Das Erbe: Warum Europa gegen China auf Retro setzt
Renault 5, Twingo, 2CV, ein ID. Polo mit Kassetten-Modus: Europas Hersteller holen ihre Klassiker zurück. Hinter der Nostalgie steckt eine kühle Rechnung.

Ein Kassettenrekorder, der nur auf dem Bildschirm existiert, sollte bei Volkswagen ursprünglich ein Scherz sein. Inzwischen lieben ihn die Kunden des ID. Polo.
Der Gag zeigt, worum es Europas Autobauern geht: um ein Gefühl, das sich in China nicht kopieren lässt.
Chinesischer Kostendruck
Chinesische Hersteller wie BYD und Geely kamen im zweiten Quartal 2026 auf fast 11 Prozent des europäischen Marktes. Ihre Autos sind oft günstiger und technisch weiter als jene der heimischen Marken.
Kosten senken und den Technikrückstand aufholen müssen Europas Hersteller ohnehin. Einen Vorteil haben sie aber, den die jungen Konkurrenten kaum nachbauen können: ihre Geschichte.

Renault-Chef François Provost sagte am Pariser Autosalon, die Konkurrenz aus Asien baue Autos mit gleichem Design und gleicher Ausstattung. Renault setze deshalb auf Persönlichkeit und Emotion.
Der Renault 5 als Beweis
Dass die Rechnung aufgehen kann, zeigt der elektrische Renault 5. Laut Reuters ist er 2026 das meistverkaufte Elektroauto seiner Grössenklasse in Europa.
Seit dem Start 2024 hat Renault europaweit über 140'000 Stück verkauft. Ursprünglich war das Projekt eine verworfene Designstudie von François Leboine.

Erst Luca de Meo, der bei Fiat den 500 von 2007 lanciert hatte, erkannte das Potenzial. Es folgten der Renault 4 und der Twingo, entwickelt in nur 24 Monaten.
Retro, wo der Preisdruck am grössten ist
Auffällig ist, wo die Hersteller in die Vergangenheit greifen. Fast immer betrifft es kleine, günstige Elektroautos.

Genau dort ist der Preisdruck chinesischer Marken am stärksten. Bei tiefen Margen ist daher jeder zusätzliche Mehrwert willkommen.

Citroën will die elektrische 2CV ab 2028 für unter 15'000 Euro anbieten. Sie ist das erste europäische Modell auf der günstigen Stellantis-Plattform E-Car.
Ikonen sind nicht ewig
Ein Risiko ist dabei aber, dass potenziell zu viel auf Nostalgie vertraut wird. Ikonen sind schliesslich nicht ewig, vor allem da jüngeren Käufern die emotionale Bindung zu den alten Legenden fehlt.

In Europa funktioniert Retro, weil Familien Modellen oft über Generationen treu blieben. Der VW ID. Buzz zeigt jedoch die Grenzen auf: In den USA schwand das Interesse wegen Preis und Reichweite.

Für Schweizer Käuferinnen und Käufer ist die Retro-Welle vor allem eine Preisfrage. Kritiker sehen im Trend eher Verpackung als Fortschritt. Ob Gefühl gegen Rechenleistung reicht, entscheiden am Ende Sie an der Kasse.







