To Athena: «So habe ich Leben nach Burn-out umgestellt»
To Athena tritt mit ihrem Album «Have I Lost My Magic?» an den Winterthurer Musikfestwochen auf. Ein Gespräch über Burn-out, Kindesmissbrauch und Selbstfindung.

To Athena wuchs als Tiffany Athena Limacher als Tochter von Geigenbauern in Luzern auf und lebt in Zürich, wo sie die ZHdK in der Spezialisierung Popgesang absolvierte. In ihrem kammermusikalischen Pop begegnen sich Stilelemente und Instrumente aus Indiepop und Klassik.
Die Texte spiegeln ihre Gefühle und schwierige Erfahrungen, die sie und Menschen in ihrem Umfeld gemacht hat. 2020 erschien To Athenas Debütalbum «Aquatic Ballet», dessen Lied «Angscht» sie bekannt machte.
Für ihren Zweitling «The Movie» erhielt sie 2023 bei den Swiss Music Awards den Artist Award. Aussergewöhnlich sind auch die Auftritte mit ihrer neunköpfigen Band inklusive Harfe und Streicherinnen.
In der siebten Staffel von «Sing meinen Song – das Schweizer Tauschkonzert» begeisterte To Athena mit ihrer Ausdrucksstärke und Kreativität. Die Tour mit dem neuen Album «Have I Lost My Magic» führt sie am 9. August an die Winterthurer Musikfestwochen und am 22. November ins Casinotheater Winterthur.
Redaktion: To Athena, Ihr Album heisst «Have I Lost My Magic?». Weshalb fragten Sie sich trotz Ihrer bisherigen Erfolge, ob Sie Ihre Magie verloren haben?

To Athena: Ich hatte einen Burn-out, weil ich den Job habe, den ich liebe, und deshalb mehr Energie hineinsteckte als mir guttat. Insbesondere die viele Zeit, die man heutzutage mit der Social-Media-Arbeit verbringen muss, hat mich total gestresst.
Anderseits ist sie nötig, damit mein musikalisches Herzensprojekt so gedeiht, dass ich meinen Musikerinnen eine Gage bezahlen kann, die mehr ist als nur ein Sackgeld.
Redaktion: Wie hat sich Ihr Burn-out entwickelt?
To Athena: Es folgte auf einen sehr langes Burn-on. Ich hatte mega viel Spass, da ich mein Hobby zum Beruf machen konnte und es immer ein wenig aufwärts ging.
Weil die Schweiz ein kleines Land ist und wir ein Nischenprodukt anbieten, verdienen wir trotzdem wenig, müssen aber ähnlich viel Content abliefern wie eine Beyoncé, die über ein Team verfügt, das sie entlastet. Bei uns hat die Arbeit eigentlich nie ein Ende.
Redaktion: Welches waren Ihre Burn-out-Symptome?
To Athena: Zuerst kam der Tinnitus, bei mir gleich acht verschiedene Töne auf einmal. Ich konnte nicht mehr arbeiten und nicht mehr schlafen. Ich hatte immer wieder Herzrasen, Panikattacken und Gliederschmerzen, bis sich mein Rücken so verhärtete, dass ich nicht mehr aufstehen konnte.
Da konnte ich die Signale des Körpers, die ich zwei Jahre verdrängt hatte, nicht mehr ignorieren und holte mir professionelle Hilfe. Nach der Burn-out-Diagnose nahm ich mir einen Monat Pause und dachte, nun wäre alles wieder gut. Tatsächlich dauerte es anderthalb Jahre, bis ich mich erholt und in meinem Leben die Dinge umgestellt hatte, die nötig waren.
Redaktion: Was war entscheidend?
To Athena: Ich habe neben dem Beruf ein Privatleben, in dem ich mich auch noch anderen Hobbys widmen darf.
Redaktion: Was macht To dann?
To Athena: Die bastelt ganz gerne und kocht. Ich verbringe Zeit mit meinen engsten Freunden, auch Menschen, die nicht im Musikbusiness tätig sind. So lerne ich schon, was ich mit meinem Leben anfangen kann, wenn es To Athena einmal nicht mehr geben würde.
Ausserdem bin ich weiterhin in Therapie und kann dies nur empfehlen, schon bevor es nicht mehr anders geht.
Redaktion: Wie haben diese Erfahrungen, die Sie im Song «Collide» verarbeiteten, das dritte Album beeinflusst?
To Athena: Ich verweigerte mich dem Druck, bis zu einem gewissen Zeitpunkt ein Album abzuliefern, und habe einfach drauflos geschrieben, ohne mich irgendwie einzuschränken.
Dabei kamen viele Songs heraus, die niemand je hören wird. Dabei waren aber auch ein paar Lieder, die mir halfen, mich besser zu verstehen, mich weiterzuentwickeln und mit dem Vergangenen Frieden zu schliessen. Diese wollte ich veröffentlichen und versuchte persönliche Themen anders als auf den ersten beiden Alben nicht zu verallgemeinern.

Dank dieser Nähe werden sich die Leute möglicherweise leichter identifizieren können.
Redaktion: Wie entsteht die Musik?
To Athena: Meistens fliegen mir Wortfetzen und die Melodie gleichzeitig zu. Ich halte sie auf dem Handy fest und lasse sie da eine Weile liegen.
Wenn ich sie später wiederhöre, habe ich oft das Gefühl, die Musik hätte am Anfang schon mehr über den Inhalt gewusst als ich. Dann nehme ich Demos auf, die ich dann zu einem späteren Zeitpunkt mit meinem langjährigen Produzenten Linus Gmünder in seinem Studio in Zofingen weiterentwickle.
Die Arbeit am Text dauert in der Regel deutlich länger, bis ich zufrieden bin.
Redaktion: Die grosse Überraschung ist «Dänke». Das wäre beim ESC für einen Spitzenplatz gut gewesen. Ureigene Mundart, dichte Atmosphäre und Ohrwurm-Refrain. Hätten Sie sich eine Teilnahme vorstellen können?
To Athena: Lustigerweise überlegte ich tatsächlich, ob ich das Lied einreichen will. Ich stellte ein Pro- und Contra-Liste auf.
Es hätte wohl auch Musikfans angesprochen, die sonst nie To Athena hören würden, entschied mich aber dagegen, weil ich dem Event Eurovision Song Contest zu kritisch gegenüberstehe, es zu sehr um meine Person gegangen wäre und die kommerzielle Vereinnahmung gross ist.
Redaktion: Was hat Sie zu Ihrem Lied über Kindesmissbrauch inspiriert?
To Athena: Es beschäftigt mich, weil ihn viele Menschen in meinem Umfeld zu Betroffenen zählen und ihr Traumata erst als Erwachsene einigermassen bewältigen konnten. Ich finde Kindesmissbrauch besonders schrecklich, weil er die Verwundbarsten trifft, die sich am wenigsten wehren können.
Ich möchte ihn mit «Ergendeinisch» mehr ins Blickfeld rücken und mich für mehr Prävention einzusetzen und Betroffenen mit dem Lied eine Umarmung zu geben.
Redaktion: Welche Rolle spielte es für Ihren Werdegang, dass Sie aus einer Familie von Geigenbauerinnen und Geigenbauern stammen?
To Athena: Mein Grossvater war ein sehr herzlicher Mann, aber Klassik war für ihn eine ernste, fast heilige Sache. Man setzte sich ruhig aufs Sofa und lauschte der Musik.
Erst danach durfte man seine Emotionen zeigen oder sogar lachen. Dagegen lief bei uns zuhause Tag und Nacht Popmusik, was auch damit zusammenhing, dass mein Vater früher DJ war.
Redaktion: Haben Ihre Eltern keine klassische Musik gemacht?
To Athena: Nein, sie sind Handwerker, die es wunderschön finden, Instrumente zu bauen, aber lieber Queen als Mozart auflegen.
Redaktion: Sie traten in den letzten Wochen neben Stars wie Bastian Baker, Leduc und Dodo bei «Sing meinen Song» auf. Hat sich diese TV-Präsenz schon ausgewirkt?
To Athena: Ich sitze hier und mache mit Ihnen ein Interview! (Lacht) Den Rest werde ich vermutlich erst später merken.
Anfänglich zögerte ich, weil ich dachte, dass meine Bubble eine Teilnahme extrem uncool finden würde, aber dann sagte ich zu, da es eines der letzten Formate ist, in denen es noch wirklich um Musik geht.

Redaktion: Können Sie erklären, weshalb To Athena deutsch und nicht englisch ausgesprochen wird?
To Athena: Weil mir der Name Tiffany nicht gefiel, unterschrieb ich schon als Jugendliche T. Limacher und machte statt des Punktes einen Kringel. So bekam ich den Spitznamen To, der zusammen mit meinem zweiten Vornamen Athena zu meinem Künstlerinnennamen wurde.
Redaktion: Was bedeutet es Ihnen, an den Winterthurer Musikfestwochen und später im Casinotheater auftreten zu können?
To Athena: Es ist verrückt, wo überall wir in diesem Jahr Konzerte geben können. Ich hätte früher nicht mal davon zu träumen gewagt, dass eines Tages wir mit so ruhiger Musik auf der Steinberggasse spielen würden, der Hauptbühne der MFW!
Und vier Monate später als Kontrast auch noch im intimen Casinotheater. Wir sind unfassbar dankbar, dass wir nun ernten können, was wir in den Jahren zuvor in Winterthur gesät haben.
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst in der «Winterthurer Zeitung» erschienen.








