Wie die Gemeinde Kriens berichtet, realisiert die Stadt Kriens einen Hain sowie eine Halballee aus 36 Edelkastanien auf dem Sonnenberg.
Kirche Kriens.
Kirche Kriens. - Nau.ch / Stephanie van de Wiel

Der Edelkastanien-Hain ist oberhalb des Spielplatzes bei der Bergstation der Sonnenbergbahn geplant. Die Allee wird entlang des Fussweges von der Bergstation Richtung Kreuzhöhe realisiert.

Eine Allee ist auch auf historischen Aufnahmen zu sehen, auf denen Gäste des ehemaligen Hotels Sonnenberg (stand auf dem heutigen Kiesplatz) in der Zeit des Belle Epoque-Tourismus die Landschaft in ihrer Freizeit nutzten.

Damals gab es auf dem Sonnenberg auch Tennisplatz, Golfplatz und weitere Spazieranlagen für die gutbetuchten Gäste aus England, die ihre Lust am Reisen entdeckt hatten.

Warum ein Hain und eine Halballee mit Edelkastanien?

«In der Stadt Kriens sind die Umwelt- und Sicherheitsdienste unter anderem zuständig für die Biodiversität, den stadteigenen Wald, die Beratung der landwirtschaftlichen Pachtbetriebe sowie für die Anpassungen an den Klimawandel. Der Hain und die Halballee decken genau diese Themen ab. Zusätzlich wurden soziale und kulturhistorische Aspekte miteinbezogen.»

Kann das Projekt bei den aktuellen Sparmassnahmen überhaupt realisiert werden?

«Die gesamte Verwaltung ist durch die Sparmassnahmen sehr gefordert. Die Umsetzung von Projekten wird dadurch zunehmend herausfordernder. Mir als Departementsvorsteher und den Mitarbeitenden der Abteilung ist die Umsetzung von Projekten zu Gunsten von Natur und Bevölkerung sehr wichtig und eine Herzensangelegenheit. Gerade wenn es sich wie im vorliegenden Fall um ein Projekt handelt, dass multifunktionale Auswirkungen hat (Biodiversität, Klima, Kultur, Bevölkerung). Daher haben wir intensiv nach zusätzlichen Finanzierungsmöglichkeiten ausserhalb des regulären Budgets gesucht und diese auch gefunden. Wir arbeiten bei diesem Projekt mit der IG Pro Kastanie Zentralschweiz und dem Fonds Landschaft Schweiz FLS zusammen. Zudem hoffen wir auf finanzielle Unterstützung durch den Kanton Luzern im Rahmen der Programmvereinbarungen mit dem Bund. Das Projekt kann mit minimalem Mitteleinsatz der Stadt realisiert werden.»

Wo liegen die Vorteile in Bezug auf die Biodiversität?

«Mit ihrer späten Blütezeit im Juni/Juli und damit nach der Blüte der Obstbäume bietet die Edelkastanie für Insekten und Bienen eine wichtige Nahrungsquelle im Spätsommer. Zudem kann die Edelkastanie bis zu 1’000 Jahre alt werden. Gerade im hohen Alter, mit ihrer Vielzahl an besonderen Strukturen, bieten die Bäume Lebensraum für zahlreiche Pflanzen-, Tier- und Pilzarten. Gepflanzt werden sogenannte veredelte Ruten mit einer Länge von ca. 2,5 m. Daher werden sich Vorteile in Bezug auf die Biodiversität erst langfristig einstellen. Projekte mit Bäumen sind Mehrgenerationenprojekte.»

Die Edelkastanie ist doch primär in der Südschweiz beheimatet?

«Die geschäftstüchtigen Römer brachten neben den Weinreben auch verschiedene Kastaniensorten über die Alpen nach Österreich, in die Schweiz, nach Deutschland und bis ins südliche England. In der Schweiz nördlich des Gotthards wurden in einem Projekt des Bundesamtes für Landwirtschaft mittels Genanalysen 60 verschiedene Sorten festgestellt. Im Vergleich zur Alpensüdseite und zum restlichen Europa sind diese Sorten genetisch einzigartig, weil sie nie durch modernere Ertragssorten abgelöst wurden. Aus historischen und klimatischen Gründen liegen die meisten der noch existierenden Kastanienhaine südlich der Alpen. Aber auch nördlich der Alpen gibt es insbesondere im Chablais und in der Zentralschweiz noch grössere Relikte der einstigen Kastanienkultur, sowie kleinere Vorkommen, die über das ganze Schweizer Mittelland verteilt sind. Deren geringe Bekanntheit hängt damit zusammen, dass der Kastanienanbau und das damit verbundene Wissen schon mit der Klimaabkühlung während der sogenannten ‘Kleinen Eiszeit’ im 17./18. Jahrhundert stark zurückgingen und in Vergessenheit gerieten. Ein Hinweis auf ein altes Vorkommen sind sogenannte Reliktbäume. Ein solcher Baum mit einem Durchmesser von 1.22m wurde oberhalb von Ehrendingen gefunden. Die Eignung des Sonnenbergs wurde auch durch die Spezialisten der IG Pro Kastanie Zentralschweiz bestätigt.»

Welche Bedeutung hat die Edelkastanie für den Wald?

«Die trockenen Sommer im Jahr 2018 und 2019 haben unserem Wald stark zugesetzt. Fichten und Rotbuchen haben besonders unter der Trockenheit der letzten Jahre gelitten. Auch auf dem Sonnenberg hat es betroffene Rotbuchen mit teilweise abgestorbenen Kronen. Gemäss der Prognose der Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) wird sich diese Situation noch weiter zuspitzen. Leider können solche Bäume nicht als Totholz zwischen den bestehenden Wanderwegen zur Kreuzhöhe und zum Otto-Eder-Platz stehen gelassen werden und müssen früher oder später aus Sicherheitsgründen gefällt werden. Auch gehen wir davon aus, dass durch weitere Trockenperioden heute noch vitale Bäume ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen werden. Die Edelkastanie wird als sogenannte Klimabaumart gehandelt. Im Gegensatz zu Rotbuche und Fichte kann sie besser mit Trockenheit umgehen. Daher soll entlang des Wanderweges zur Kreuzhöhe eine Halballee aus Edelkastanienbäumen entstehen. Um dafür ein optimales Platz- und Lichtangebot zu schaffen, ist ein Holzschlag nötig, mit dem der Altbestand entfernt wird. Wenn Bäume in dieser Grössenordnung gefällt werden löst dies Emotionen aus, dessen sind wir uns bewusst. Wir sehen aber überwiegende Vorteile für die Waldbiodiversität durch den entstehenden lichten Wald. Auf einen Hain im Wald wurde bewusst verzichtet, dies um die Tierwelt im Wald nicht zusätzlichen Störungen durch das Sammeln der ‘Marroni’ auszusetzen.»

Welche Rolle spielt die Landwirtschaft im Projekt?

«Der Hain soll auf der landwirtschaftlich genutzten Wiese neben dem Spielplatz entstehen. Dabei soll das Gras (Unterbewuchs) weiterhin als Weide bzw. Futter oder Einstreu genutzt werden. Selbstverständlich haben wir zuerst das Gespräch mit dem Pächter Urs Buholzer vom Hof Gabeldingen gesucht und konnten ihn für das Projekt gewinnen. Auf alten Luftbildern von 1931 sind ausgedehnte Streuobstwiesen zu sehen. Der Hain lässt auch die damalige landwirtschaftliche Nutzung zu Zeiten des Hotels Sonnenberg aufleben. Heutzutage spricht man bei einer Mehrfachnutzung (Weide, Obst usw.) von einem Agroforstsystem. Agroforstsysteme sind eine Form der Landnutzung, bei der die landwirtschaftliche Produktion mit dem Anbau von Bäumen oder Sträuchern auf derselben Fläche kombiniert wird. Dadurch entstehen Wechselwirkungen zwischen den beiden Nutzungskomponenten. Durch eine Landwirtschaft ‘auf mehreren Etagen’ werden Wasser, Licht und Nährstoffe vielseitiger genutzt und die Photosyntheseleistung erheblich gesteigert. Zudem schützt die Unterwurzelung vor Nährstoffverlusten. Auch entsteht ein zusätzlicher Lebensraum für zahlreiche Arten.»

Verliert der Pächter nicht landwirtschaftliche Nutzfläche?

«Nein, der Hain bzw. das Agroforstsystem ist als landwirtschaftliche Nutzfläche eingestuft und der Pächter kann diesen in sein Landwirtschaftskonzept integrieren.»

Welcher Zusammenhang hat das Projekt mit dem Klimawandel?

«Durch die Trockenheitstoleranz wird die Edelkastanie als ‘Klimabaumart’ eingestuft und dient als Ersatz für die Rotbuchen. Da die Halballee und der Hain nicht forstlich genutzt werden und die Edelkastanie ein hohes Alter erreichen kann, wird über lange Zeit Kohlendioxid aus der Atmosphäre entzogen und im Holz der Edelkastanien gespeichert. Diese sogenannte Senkeleistung ist ein wichtiger Beitrag zur Dekarbonisierung. Durch das Agroforstsystem findet zudem eine beträchtliche Senke für Kohlendioxid im Boden statt.»

Ist der Befall des Kastanienrindenkrebses und der Edelkastanien-Gallwespe in Kriens möglich?

«Ja, sowohl der Kastanienrindenkrebs als auch die Edelkastanien-Gallwespe kommen nördlich des Gotthards vor. Der Kastanienrindenkrebs kann biologisch bekämpft werden. Der Befall der Edelkastanien-Gallwespe ist vor allem bei Frucht-Erwerbsanlagen problematisch. Gerade dezentrale Haine und Alleen leisten einen wichtigen Beitrag für den Generhalt der 60 Sorten nördlich des Gotthards und mindern das Risiko eines Totalverlustes durch den Kastanienrindenkrebs.»

Welche kulturhistorischen und sozialen Aspekte werden im Projekt berücksichtigt?

«In Bezug auf die kulturhistorischen Aspekte seien nochmals die 60 Sorten erwähnt. Der Hain und die Halballee dienen als Feldsammlungen für den Sortenerhalt. Die Halballee hat aber noch einen weiteren kulturhistorischen Aspekt. Auf dem Luftbild von 1931 ist eine Baumreihe vom alten Hotel bis zur heutigen Allee auf der Kreuzhöhe ersichtlich, die nicht mehr existiert. Diese Baumreihe ist auch in Literatur des Museums im Bellpark erwähnt. Leider konnten wir den Grund für dieses Verschwinden nicht mehr eruieren. Mit der Wiederherstellung dieser Baumreihe als Halballee soll die kulturhistorische Verbindung zu einer vergangenen Epoche neu aufleben. Das Naherholungsgebiet Sonnenberg soll den Besucherinnen und Besucher ein weiteres Naturerlebnis bieten. Zum Beispiel dereinst im Herbst ‘Marroni sammeln mit der ganzen Familie. Ein ‘Marronifest Sonnenberg’ könnte ein fester Bestandteil im Anlassprogramm der Stadt werden.»

Was sind nun die nächsten Schritte?

«In diesen Tagen starten die Holzschlag-Arbeiten. Die Pflanzung soll bis im Frühling 2022 abgeschlossen sein.»

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