Interview: Autor Micha Lewinsky über seinen neuen Roman aus Zürich
Was wird aus den Idealen der Jugend, wenn aus WG-Gspändli Hausbesitzer werden? Autor Micha Lewinsky spricht über seinen neuen Roman.

Redaktion: Herr Lewinsky, Ihr Roman setzt am 1. Mai ein: Der einstige Demonstrant ärgert sich heute über die alljährliche «vorher- sehbare Verkehrsbehinderung». Was verrät dieser Perspektivenwechsel über diese Generation?
Micha Lewinsky: Vermutlich ging es auch anderen Generationen schon so. Was man mit Anfang zwanzig einmal richtig und wichtig fand, fühlt sich irgendwie fremd an. Die Grundwerte sind zwar immer noch gültig, zumindest für mich, aber die Parolen da draussen sind zu grell geworden.
Als ich am vergangenen 1. Mai übers Kasernenareal ging, las ich da aussenpolitische Parolen, die mich erschreckt haben. Vielleicht standen sie früher schon da oder ich bin sensibler geworden.
Redaktion: Viele Zürcher um die fünfzig dürften sich in diesem Roman wiedererkennen. Ist «Freunde von früher» eine Milieustudie über die urbanen Lifestyle-Linken oder steckt darin auch eine Abrechnung mit der eigenen Generation?
Lewinsky: Ich habe mit niemandem eine Rechnung offen. Schon gar nicht mit einer ganzen Generation. Ich habe einfach versucht, genau hinzusehen.
Es hat mir gefallen, in Gedanken noch einmal zurückzureisen ins Zürich der 90er Jahre. Und es hat mich interessiert zu erfahren, was wir Jungen von damals über uns heute gedacht hätten.
Redaktion: Die ehemaligen WG-Gspändli wollen zusammen ein Haus kaufen und sprechen plötzlich über Eigenkapital und Hypothekarzins. Der Satz «Weil wir gerade dabei sind, die Seiten zu wechseln» sitzt. Ist das ein Verlust oder eine Reifung?
Lewinsky: Weder noch. Es ist einfach der Lauf der Dinge. Wer mit 50 zwanghaft versucht, den Idealen nachzueifern, die man mit 20 hatte, wird es schwer haben.
Mein jugendliches Ich von früher wusste jedenfalls nicht, was heute gut für mich ist. Das war auch die wichtigste Erkenntnis beim Schreiben dieses Buches: das Leben verläuft oft verblüffend erwartbar. Und doch rechnet man nicht damit.
Wir meinen, alle ganz spezielle Individuen sein zu müssen, und sind doch meist typische Vertreter unserer Generation geblieben. So steht man eines Abends plötzlich auf dem Balkon und giesst die Blumen, statt in ein er Kellerbar zu tanzen. Das ist doch auch schön.
Redaktion: Haben sich Ihre Protagonisten verändert, weil Zürich sich verändert hat, oder hat sich Zürich auch durch Menschen wie sie verändert?
Lewinsky: Mir scheint, dass es viel mehr als nur ein einzelnes Zürich gibt. Es gibt das Zürich der Expats in Hottingen, das Zürich der Primarschüler in Affoltern, das Zürich der Agglos am Samstagabend in der Langstrasse. Vielleicht ist es eher so, dass man mit den Jahren in andere Sphären der Stadt wechselt und irgendwann gar nicht mehr weiss, dass es die anderen auch noch gibt.
Redaktion: Bereits Ihr Debütroman spielte in Zürich. Was macht die Stadt für Sie literarisch so ergiebig?
Lewinsky: Ich kenne Zürich halt am besten. Ich habe mein ganzes Leben mit wenig Ausnahmen hier gewohnt. Wenn ich einen Roman in Birmingham ansiedeln würde, wäre er unpräzis, da könnte ich noch so viel recherchieren. Es würde immer der Blick eines Zürchers bleiben.
Redaktion: Wenn Sie heute auf Ihre eigenen Vorstellungen vom Leben mit 25 zurückblicken: Worüber denken Sie inzwischen anders?
Lewinsky: Ich glaube nicht mehr, dass ich alles besser weiss als die Alten. Mit Anfang 20 hätte ich mir noch zugetraut, Bundesrat zu werden. Heute bin ich froh, dass man mich nicht gelassen hat.
Ich bin aber auch froh, dass ich damals genug Selbstvertrauen hatte, um Dinge anzureissen und ein Leben in Gang zu setzen, das heute meines ist.
Redaktion: Sie haben ziemlich viele Feiglinge geschaffen, für Ihre Filme wie Romane. Wie ist das bei Ihnen: Gibt es Wahrheiten, denen Sie lieber ausweichen?
Lewinsky: Ich finde nicht, dass meine Figuren immer feige sind. Und ich bin es auch selbst nicht. Es mag sein, dass ich gewissen Konflikten im Leben ausweiche.
Ich habe auch manchmal Ängste, das stimmt. Aber das scheint mir eigentlich ganz gesund. Feige wäre es, sich nicht mehr zu bewegen.
Ich habe immer wieder gewagt, mein Leben auf den Kopf zu stellen und die vermeintliche Sicherheit aufzugeben für Neues und Unbekanntes.
Redaktion: Sie schreiben Drehbücher, führen Regie, machen Musik und schreiben Romane. Was bedeutet Kreativität für Sie?
Lewinsky: Tatsächlich ist es für mich ein ähnliches Gefühl, ob ich einen Roman schreibe, ein Drehbuch oder ob ich Gitarre spiele. Es ist immer der Moment vom Flow, den ich suche. Das magische Vorwärtsgleiten, wenn ich an die Grenzen meiner Fähigkeiten komme und merke, dass es gerade noch geht.
Andere erleben diesen Zustand vielleicht beim Sport oder in der Meditation. Ich bin glücklich, wenn ich kreativ sein darf.
Dieses Interview ist zuerst im «Tagblatt Zürich» erschienen.








