Handys, Dauer-Husten: «Respektlosigkeit» an Konzerten nimmt zu
Ein Handy klingelt hier, ein Husten ertönt dort: Besucher ärgern sich über zunehmende Störungen an klassischen Konzerten und Opern.

Das Wichtigste in Kürze
- Respektlosigkeit bei Konzerten nimmt zu: Handys und Husten stören Besucher.
- Die Knigge-Expertin bestätigt: Lockerheit führt zu Verhaltensproblemen.
- Schweizer Häuser reagieren unterschiedlich auf Störungen im Saal.
Mit seinem Neoklassik-Konzert in Zürich begeisterte der 70-jährige Pianist Ludovico Einaudi sogar die Gen-Z. Besonders viele junge Menschen waren in die Tonhalle gekommen.
Ganz ohne Ablenkung verlief der Vormittag jedoch nicht. Noch während des ersten Stücks ertönte plötzlich ein lauter Klingelton.
Das Handy verstummte zwar rasch, doch immer wieder war im Saal Husten aus allen Richtungen zu hören. Der Klavierklang konnte dieses nicht übertönen.
Solche störenden Geräusche sind kein Einzelfall bei klassischen Konzerten in der Schweiz.
Auch den Zürcher Operngänger Giuseppe* (73) irritiert das Gehuste, das ihm bei Vorstellungen im Opernhaus Zürich regelmässig auffällt.
«Mich stört es besonders, wenn eine Sitznachbarin oder ein Sitznachbar immer wieder hustet», sagt er zu Nau.ch. «Ich frage mich jeweils, ob die Person krank an die Aufführung gekommen ist.»
Gleich störend finde ich es übrigens, wenn Sitznachbarn bei Stücken mitsummen.
Buh-Rufe «früher unvorstellbar» – heute nicht mehr
Der Berner Operngänger Michael* (61) sagt gegenüber Nau.ch, dass Stück und Publikum die Störanfälligkeit einer Vorstellung bestimmen.
«Was ist es für ein Stück? Welche Art von Publikum sitzt in der Vorstellung? Sind es erfahrene Besucherinnen und Besucher oder eher ‹Gelegenheitskunden›?», erklärt er.
Und: «Sind alle mucksmäuschenstill, getraut sich kaum einer zu husten. Ist es jedoch unruhig, verstärkt sich die Unruhe noch.»
Michael sagt: «Potenziell schwierig sind Aufführungen, die mit Schulklassen ‹aufgefüllt› werden. Diese finden dann aber entweder keinen Zugang zum Werk oder wurden nicht vorbereitet.»
Bernerin Jessica* (23), die als Klassik-Fan regelmässig Konzerte und Opern besucht, ergänzt: «Was etwas häufiger vorkommt, sind kritische Reaktionen des Publikums, insbesondere bei provokanteren Inszenierungen.»
So komme es immer öfter zu Buh-Rufen. «Solche Reaktionen waren früher eher unvorstellbar beziehungsweise deutlich seltener», meint sie.
Verhalten sich Besucher von Konzerten, Opern oder Theateraufführungen heute tatsächlich häufiger unpassend als früher?
«Aus Lockerheit wurde Respektlosigkeit»
«Der Eindruck täuscht nicht», bestätigt Knigge-Expertin Katrin Künzle gegenüber Nau.ch.
Der Besuch eines Konzertes, einer Oper oder einer Theateraufführung habe früher oft einen «feierlichen Charakter» gehabt, erklärt sie.

Das bedeutete: «Man bereitete sich vor, zog sich schick an, war pünktlich auf seinem Platz. Und man wusste, welche Verhaltensregeln in einem solchen Rahmen selbstverständlich waren.»
Heute sei vieles lockerer geworden, «was grundsätzlich gut ist», so Künzle. «Allerdings wurde aus der Lockerheit teilweise auch Orientierungs- und Respektlosigkeit.»
Gäste machen Föteli, statt Aufführung zu geniessen
Sie listet auf: «Statt die Aufmerksamkeit auf die Bühne zu richten, werden Fotos gemacht, Videos aufgenommen oder Nachrichten überprüft. Nicht selten merkt man erst beim Klingeln des Handys, dass es noch eingeschaltet ist.»
Auch der Dresscode habe sich leider verändert, meint die Knigge-Expertin. «Natürlich muss niemand mehr in Abendrobe erscheinen. Aber zwischen festlicher Garderobe und Trainerhose gibt es viele stilvolle Möglichkeiten.»
Die grössten Stilsünden sind laut Künzle verspätetes Erscheinen, klingelnde oder leuchtende Telefone, laute Gespräche sowie das Rascheln von Verpackungen.
Knigge-Trainerin: «Bei Dauer-Husten zu Hause bleiben»
Bezüglich Husten meint sie: «Husten lässt sich nicht vermeiden oder kontrollieren.»
Doch: «Wenn man merkt, dass ein Hustenanfall naht, sollte man versuchen, ihn mit einem Taschentuch zu dämpfen.»
Zudem sollte man nie in Richtung anderer Besucher husten. «Sondern sich abwenden und den Mund mit einem Taschentuch oder der Armbeuge bedecken», so Künzle.
Und: «Wer ständig husten muss, Fieber hat und andere Besucher anstecken könnte, sollte zu Hause bleiben. Damit zeigt man Rücksichtnahme und Verantwortungsbewusstsein anderen Menschen gegenüber.»

Die grossen Schweizer Häuser reagieren unterschiedlich auf das Verhalten im Saal. Während die einen von mehr Handypräsenz sprechen, sehen andere kaum Veränderungen beim Publikum.
Einig sind sich aber alle: Störungen kommen vor, bleiben meist Einzelfälle und werden situativ gehandhabt.
Im KKL Luzern relativiert Sprecherin Corinne Schneebeli gegenüber Nau.ch: «Es kommt sehr auf die Veranstaltung oder das Konzert an.»
Eine generelle Zunahme von Störungen sieht man nicht. Ein Thema bleibe aber die Handynutzung, die in der Tendenz zunehme. Dies werde jedoch unterschiedlich wahrgenommen.
«Klingelnde Handys und Unruhe sind bei uns äusserst selten», sagt sie. «Wenn das vorkommt, weist unser geschultes Saalteam diskret darauf hin.»
Anbieter teilt Hustenbonbons aus
Beim Husten seien die Möglichkeiten begrenzt: «Husten kann störend sein, aber direkt etwas dagegen machen können wir nicht.»
Auch Bühnen Bern sieht keine Häufung von Problemen. Sprecherin Claudia Brier sagt gegenüber Nau.ch: «Es gibt eigentlich keine Störungen, die in den letzten Jahren explizit zugenommen haben.»
Leuchtende Displays oder Klingeltöne kommen zwar vor, aber nicht auffällig oft. Vor den Vorstellungen läuft ein Hinweis zum Abschalten des Handys.
Zusätzlich kann man sich vor jeder Vorstellung mit hustenstillenden Täfeli bedienen: «Hustenbonbons gibt es gratis für unser Publikum in allen unseren Veranstaltungsorten.»
Oft reguliere sich vieles auch über das Publikum selbst. Und immerhin: «Unser Publikum singt nicht mit», so Brier. Ausnahmen gelten nur für spezielle Formate.
Zur Garderobe hält sie fest, dass der Anzug oder das lange Kleid keine Pflicht mehr sind: «Heute kommen aber die meisten Gäste in Jeans und Alltagskleidung und das freut uns auch.»
Denn: «Jeder soll so kommen, wie er sich wohlfühlt.»
«Husten ist Teil des Live-Konzerts»
Auch die Tonhalle-Gesellschaft Zürich beobachtet vor allem eine Veränderung beim Handygebrauch. Sprecherin Katharina Jackson sagt: «Die Mobiltelefone sind in den Konzerten viel präsenter als früher.»
Das hänge auch mit digitalen Programmen und Social Media zusammen. Störungen selbst seien aber selten. «Und dass jemand mal hustet, ist ein Teil des Live-Konzerts», sagt sie.
Beim Mitsingen bleibt die Tonhalle-Gesellschaft klar: Im klassischen Konzert unerwünscht, in Spezialformaten aber ausdrücklich vorgesehen, etwa bei Sing-along-Anlässen.
Auch Knigge-Expertin Katrin Künzle bestätigt: «Bei Rock-, Pop- oder Open-Air-Konzerten gehört das Mitsingen zum Erlebnis dazu. Wenn tausende Besucher gemeinsam einen Refrain anstimmen, entsteht oft eine besondere Atmosphäre.»
Doch: «Bei klassischen Konzerten oder in der Oper gilt dies nicht. Als Besucher hört man zu und geniesst.» Ausser, die Künstler fordern das Publikum auf, mitzusingen.
«Ansonsten herrscht Schweigen im Publikum.»
* Namen geändert.











