Dieser Thurgauer fährt auch mit 73 noch Töff-Rennen!
Rudolf «Ruedi» Künzler sucht die Herausforderung noch immer auf der Rennstrecke. Mit 73 Jahren fährt der Thurgauer noch immer Motocross-Rennen.

In der kleinen Gemeinde Horn TG lebt Ruedi Künzler mit seiner Frau Sonja in ruhiger Umgebung. Doch der Schein trügt: Bei Künzler geht es keineswegs ruhig zu und her. Drei Motocross-Maschinen in der Werkstatt zeugen davon.
Seit über 50 Jahren fährt er Motocross-Rennen. 1974 startete er das erste Mal auf der Rennstrecke – begonnen damit hat er dank seines Vaters.
«Er schaute sich immer die Rennen an und hat mich irgendwann mitgenommen. Zu Beginn hatte ich als Kind zwar ein wenig Angst am Rennstreckenrand, aber von da an hat es mich nie wieder losgelassen», meint Künzler.
Den Töff verdienen müssen
Seinen Vater verlor er früh und musste auf eigenen Beinen stehen. Nach dem Abschluss seiner Lehre konnte er sich dann aber dem Sport wieder widmen. «Ausserdem musste ich mir den Töff zuerst verdienen», meint er und lacht.
Es hat sich für ihn gelohnt, darauf zu sparen. Ab 1985 holte er sich zwei Meister- und fünf Vize-Meistertitel. Doch er fuhr längst nicht nur auf einer einzelnen Maschine – auch in der Kategorie Seitenwagen nahm er teil.

«Glücklicherweise musste ich nicht im Seitenwagen stehen – als Fahrer hat es mir mehr Spass gemacht, ich wäre nicht als Passagier geeignet gewesen», so Künzler. Ohnehin seien die Motorräder früher um einige unkomfortabler gewesen als heute.
«Eine Federung gab es wohl, aber im Vergleich zu heute kann man nicht von Federung sprechen», sagt Künzler und schmunzelt. Auch auf das Quad hat er sich geschwungen und ist damit Rennen gefahren.
Training: viel Velofahren
Was fasziniert Künzler dermassen an diesem Sport, dass er ihn schon so lange ausübt? «Man braucht stets Biss dafür und das Fahren auf diesen Strecken ist einfach sensationell», schwärmt er. Motocross- und Quadrennen sind physisch anstrengend und den Dreck auf der Strecke darf man nicht fürchten.
«Der Dreck und die Sprünge sind nach wie vor das, weshalb ich es so gerne mache», sagt Künzler. Um sich fit zu halten und zu trainieren, fährt Künzler immer mit seinem Militärvelo durch Horn, abseits der viel befahrenen Strassen. Ab und an fährt er mit dem Töff auf Übungsstrecken.
Im kommenden Jahr möchte er beispielsweise bei den Europameisterschaften in der Kategorie 72 Plus, der Oldtimer Klasse starten. «Sofern es denn meine Gesundheit zulässt.» Den Helm hat er schon oft an den Nagel hängen wollen.
Als er 1997 Vize-Meister mit dem Seitenwagen wurde, meinte er, er höre auf. «Am gleichen Abend, als das Fest stattfand, haben wir aber doch beschlossen, weiterzumachen. Danach hatte ich allerdings einen schweren Unfall, bei dem ich mir das Becken gebrochen habe», sagt Künzler.
Nach einem halben Jahr Zwangspause stieg er wieder in den Wettbewerb ein – trotz des Unfalls konnte er nicht vom Töff lassen. «Ich hatte einige Verletzungen in all den Jahren», meint Künzler auf. Jedes Mal meinte er, nun sei es Zeit aufzuhören.
Mit dem Sport aufgehört hat er einige Male, zuletzt im vergangenen Jahr. «Nach einiger Zeit merkte ich, ich konnte kaum laufen, es fiel mir schwer, aus dem Bett zu kommen. Das wollte ich nicht akzeptieren und kaufte mir wieder einen Töff und begann wieder mit dem Velofahren», sagt Künzler. Heute fühlt er sich wieder fit und lebendig.
Frau stets an seiner Seite
«Motocross ist wirklich anstrengend, ist aber auch in meinem Alter noch gut möglich. Mich stellt das einfach extrem auf, dass ich noch so fit bin und das machen kann», sagt Künzler. Natürlich spüre er aber schon, dass es nicht mehr ganz so einfach ist wie vor 50 Jahren.
In all dieser Zeit begleitete Künzlers Frau Sonja ihn an jedes Rennen. Mit den Kindern reisten sie gemeinsam an und übernachteten in Zelten. Heute gäbe es kaum noch Camping an den Rennen, das sei früher gang und gäbe gewesen.
Inzwischen begleitet Sonja ihren Mann nicht mehr – zu viele Stürze musste sie hautnah erleben. «Ich muss wirklich ein Kränzchen für meine Frau binden. Sie hat mich immer unterstützt», so Künzler.
«Will vorne mitmischen»
Im kommenden Jahr möchte Künzler die volle Saison ausnutzen und Rennen in Holland bestreiten. «Ich wollte eigentlich diese Saison schon voll einsteigen, hatte aber keinen Töff zur Verfügung.» Ziel sei natürlich, an der Spitze mitzufahren und die Europameisterschaft zu meistern.
«Wenn ich starte, will ich vorne mitmischen – vor dem Rennen bin ich immer etwas nervös. Die Ruhe kommt, sobald das Rennen läuft. Die Konzentration braucht es.»
Doch weshalb Rennen in Holland? Künzler hat dort mit dem Sport und den Rennen sowie dem Training gestartet. Es waren die ersten Gehversuche im Motocross.
Das Fahren bereitet dem 73-Jährigen nach über 50 Jahren nach wie vor grosse Freude. Und wenn man Künzler so zuhört, kann man sicher sein: Solange er kann, wird er fahren – von der Rennstrecke wird man ihn jedenfalls so schnell nicht runterbringen.
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst in den «Bodensee Nachrichten» erschienen.








