Swissair

    Die Menschlichkeit nach der Swissair-Katastrophe

    Keystone-SDA
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    Zürich,

    Fast 30 Jahre nach dem Absturz des Swissair-Flugs 111 vor Halifax ist die Tragödie wieder präsent. Mit «111-Echoes from Halifax» fokussiert Regisseur Mauro Mueller allerdings nicht auf die Katastrophe selbst, sondern auf die Beziehungen, die dadurch entstanden sind.

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    Eine Gedenk- und Grabstätte für die Opfer von Swissair-Flug SR 111 im kanadischen Indian Harbour. - keystone

    Es ist der 2. September 1998. Ein New Yorker Vater verabschiedet sich von seinem älteren Sohn, der die Welt bereisen will. Gleichzeitig telefoniert in der Schweiz eine pubertierende Tochter mit ihrer Mutter, die gleich ihre Heimreise aus den USA antreten wird. In einem gemütlichen Haus an der kanadischen Atlantikküste sitzt derweil ein Fischer mit seiner Familie am Tisch und im Swissair-Hauptsitz trifft die Angestellte Carine letzte Vorkehrungen für den Flug 111 von New York nach Genf.

    Mit diesen Szenen beginnt das kanadisch-schweizerische Drama «111 – Echoes from Halifax». Und setzt, ganz ohne explizite Bilder der Katastrophe zu zeigen, dort wieder ein, wo diese Menschen die Schreckensnachricht erfahren: Der Flug, auf dem sich besagte Mutter, besagter Sohn und 227 weitere Menschen befanden, ist vor der kanadischen Provinz Nova Scotia ins Meer gestürzt. Und niemand hat das Unglück überlebt.

    Bei der Schweizer Premiere am Dienstagabend im Rahmen des 22. Zurich Film Festival liegt der schwerste Unfall in der Geschichte der Swissair fast 30 Jahre zurück. Die Tragödie ist seither in Dokumentarfilmen aufgerollt worden, es wurden Bücher geschrieben und dieser Tage erscheinen wieder zahllose Medienberichte zum Thema. Der Regisseur und Drehbuchautor Mauro Mueller ist sogar noch stärker betroffen: Die Mutter eines Jungen in seiner Parallelklasse verlor ihr Leben als Stewardess auf diesem Flug. Doch das ist nicht der Grund, warum jetzt auch noch ein internationaler Spielfilm gedreht worden ist.

    Der Impuls, die Geschichte in einem Kinofilm zu verarbeiten, kam von Muellers Geschäftspartner bei Fidelio Films, Produzent Björn Hering. Er ist der Schwiegersohn des damaligen Chefpiloten Urs Zimmermann und weiss um die Trauer der Hinterbliebenen und deren Umgang mit ihrem Schicksal. Ihm sei von Anfang an klar gewesen, dass der Fokus nicht auf dem Absturz, sondern auf dem Leben danach liegen soll, erzählt Mauro Mueller im Interview mit Keystone-SDA. «Wir kennen die Fakten und wissen, wie das Drama damals ausgegangen ist.»

    Anstatt also die Katastrophe nachzuzeichnen, fokussiert «111 – Echoes from Halifax» auf die Trauerbewältigung, die Stärke der Menschen und den Zusammenhalt unter den Angehörigen und Betroffenen, sowohl in der Schweiz als auch in Kanada. «Wir wollten ein Gesamtbild, das Kollektiv von Menschen zeigen», so Mueller, der mit zahlreichen direkt oder indirekt betroffenen Menschen gesprochen hat.

    In diesem Fokus liegt denn auch der grösste Wert dieses Films. Im Wissen darum, dass unser Hirn Katastrophen nach kurzer Zeit wieder verdrängt, löst «111 – Echoes from Halifax» Emotionen aus, die bleiben. Er zeigt Menschlichkeit, Wärme und macht in den bedrohlichen Zeiten, in denen wir leben, Mut. Und dass er in einzelnen Szenen (Mueller nennt sie «magische Momente») die Grenzen des Realistischen überschreitet, ist bewusst: «Gewisse Gefühle wusste ich nicht anders auszudrücken, als mit einem Wal, der aus dem Wasser springt, oder einem Blättersturm, in dem sich eine Figur auf einmal wiederfindet.»

    Die Personen, die das von Mueller beschriebene «Big Picture» zusammenhalten, sind fiktiv. Was sie erleben, basiert aber auf Geschichten, die im Zuge der Recherchen an den Regisseur herangetragen worden sind. Carine (gespielt von Ursina Lardi) reist nach dem Absturz als Teil des Care-Teams nach Halifax. Dort trifft sie auf Saul (Kris Holden-Ried), der um seinen Sohn trauert, und Lou (Fathia Youssouf), die ihre Mutter verlor. Carine wird nicht nur mit dem Unglück konfrontiert, sondern auch mit den Lebenssituationen, in denen sich diese Menschen gerade befinden.

    Mauro Mueller schrieb das Drehbuch mit seiner New Yorker Studienkollegin Jennie Allen. «Die Geschichte ist so gross, ich wollte nicht alleine dahinterstehen.» Allen habe selber schon Hospizarbeit geleistet, kenne sich mit Themen rund um die mentale Gesundheit aus, so Mueller. «Und: Menschlich stimmt es zwischen uns.»

    Diese Sorgfalt, dieser klare Fokus auf die Würde der Menschen, ist während des ganzen Films spürbar. Nicht zuletzt in dem Auftritt von Schauspieler Anatole Taubman, der sich bereit erklärt hat, die Rolle des Chefpiloten zu spielen, auch wenn diese nur ein paar kurze Szenen umfasst. Diese Besetzung, so Mueller, sei nicht nur ein Glücksfall, sondern eine Hommage an Urs Zimmermann, seine Besatzung und die Passagiere.*

    *Dieser Text von Miriam Margani, Keystone-SDA, wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt-Stiftung realisiert.

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