Der Goldfund von Altstetten
1906 stiess Gleisarbeiter Alfred Härri in Altstetten mit einem Pickelhieb auf etwas Hartes – und hob den schwersten Goldschatz der europäischen Bronzezeit ans Licht.

Altstetten, 17. Oktober 1906: Alfred Härri stösst mit der Schaufel auf Widerstand. Der Gleisarbeiter hebt zwischen Rangierbahnhof und unterer Hohlstrasse, wo gerade neue SBB-Anlagen und die Hauptwerkstätten entstehen, einen Graben aus. Härri schlägt nun mit dem Pickel zu.
Der vermeintliche Stein entpuppt sich als Keramiktopf und zerbirst. Darunter kommt eine Goldschale zum Vorschein. Der Fund sorgt für Furore.
Die Presse beziffert den Goldwert auf 3000 Franken. Ihr historischer Wert lässt sich nicht in Franken fassen: Das halbkugelige Gefäss von der Grösse einer Salatschüssel wiegt 907,3 Gramm und besteht aus 22-karätigem Seifengold, jenem natürlich vorkommenden Gold, das sich in Flüssen ansammelt. Als es aus einem Meter Tiefe herausgehoben wird, trägt es ein Loch vom Pickel und ist zerbeult, sonst aber gut erhalten.
Es gilt als schwerstes in Europa gefundenes Goldgefäss der Bronzezeit und stammt wohl aus der Zeit um 1000 v. Chr. Ein Goldschmied trieb die Schale aus einem einzigen Stück Goldblech.
Winzige ziselierte Buckel rahmen ein Band von Mondsicheln sowie Mond- und Sonnenscheiben. Dazwischen stehen sieben Tiere: ein Hirsch, ziegenähnliche Geschöpfe und womöglich ein Fuchs. Wozu sie diente, bleibt ihr Geheimnis.
Seit der Entdeckung gibt es unterschiedliche Deutungen: Ein Brandgrab – also eine Grabstätte, bei welcher der Leichnam vor der Bestattung verbrannt wurde – ist nicht auszuschliessen; vielleicht enthielt sie die sterblichen Überreste eines Stammesfürsten. Doch eher dürfte es sich um eine Weihegabe an eine Gottheit der Fruchtbarkeit handeln, dargebracht, um sie wohlgesinnt zu stimmen. Die SBB schenkten den Sensationsfund später dem Landesmuseum Zürich.
Dort lässt sich die restaurierte «Goldschale von Alt-stetten» heute betrachten, samt der Spur jenes Pickelhiebs, der sie nach drei Jahrtausenden wieder ans Licht brachte. Im Ortsmuseum Alt-stetten ist eine Replik ausgestellt.
Dieser Artikel ist zuerst im «Tagblatt Zürich» erschienen.






