Das Unglück, das die Dampfloks verbannte
Vor genau 100 Jahren verunglückte ein Güterzug im Rickentunnel. Neun Menschen starben durch eine Kohlenmonoxid-Vergiftung.

Nur wenige Tage nach dem Unfall wurde beschlossen, die Elektrifizierung der Rickenbahn im Eiltempo voranzutreiben. Was unter normalen Umständen Jahre gedauert hätte, wurde in Rekordzeit realisiert. Bereits am 7. Mai 1927 – nur sieben Monate nach der Katastrophe – fuhren die ersten elektrischen Züge durch den Tunnel.
Der unaufhaltsame Siegeszug der Elektrolokomotiven in der Schweiz war damit endgültig besiegelt. Die Ära der schweren Dampfloks auf den steilen Passstrecken neigte sich dem Ende zu.
11.55 Uhr: Der Zug fährt pünktlich ab
Der Güterzug 6854 verliess den Bahnhof Kaltbrunn in Richtung Wattwil am 4. Oktober 1926 um 11.55 Uhr. Die Lokomotive zieht mehrere Wagen, die mit kaufmännischen Handelswaren des täglichen Bedarfs beladen sind. Keine Gefahrengüter.
Kurz vor dem Unglück passierte ein Personenzug in entgegengesetzter Richtung den Tunnel. Die Eisenbahner hielten fest, dass es keine besonderen Vorkommnisse während der Durchfahrt gegeben habe. Anders hatten es Passagiere in Erinnerung, sie sprachen später von «schlechter Luft» im Tunnel.

12.01 Uhr: Der Zug kommt zum Stehen
Als der Zug um 12.01 Uhr aufgrund mangelhafter Dampfproduktion zum Stillstand kam, füllte sich der enge, unbelüftete Tunnelabschnitt rasch mit Abgasen. Weil der Sauerstoff knapp wurde, verbrannte die Kohle unvollständig – die Lokomotive stiess tonnenweise geruchloses und hochgiftiges Kohlenmonoxid aus. Der Lokführer und der Heizer blieben bis zuletzt auf der Maschine.
Sie versuchten unter Hochdruck, den Dampfdruck wieder aufzubauen, um den Zug doch noch in Bewegung zu bringen. Doch sie verloren innerhalb weniger Minuten das Bewusstsein und starben direkt auf dem Führerstand. Die restlichen vier SBB-Mitarbeiter probierten, sich zu Fuss in Richtung der Tunnelportale zu retten.
Sie brachen neben den Schienen zusammen.
12.12 Uhr: Der Zug kommt nicht an
Als der Güterzug nicht wie fahrplanmässig vorgesehen um 12.12 Uhr im Bahnhof Wattwil eintraf, schöpften die dortigen Bahnbeamten schnell Verdacht. Alle Versuche, das Personal über die Streckenleitung zu erreichen, scheiterten. Schnell herrschte Gewissheit: Im Tunnel muss etwas passiert sein.
Von Toggenburger Seite aus wird in Eile ein Rettungstrupp zusammengestellt. Dieser bestand aus vier Männern. Da sie von einem technischen Defekt ausgingen, nahmen die Helfer lediglich Werkzeuge mit.
Sie bestiegen eine bereitstehende, einzelne Lokomotive und fuhren in den verqualmten Tunnel ein. Nach rund drei Kilometern setzten drei der Männer ihre Suche zu Fuss fort. Bereits nach kurzer Zeit wurden sie bewusstlos.
Der Lokführer reagierte in letzter Sekunde richtig: Er legte den Rückwärtsgang ein und rettete sich fahrend aus dem Tunnel nach Wattwil. Die anderen Retter blieben zurück und konnten später nur noch tot geborgen werden.

Gegen 15.00 Uhr: Bergung der Leichen
Ein zweiter Rettungsversuch aus Richtung Kaltbrunn wurde rechtzeitig abgebrochen. Erst gegen 15 Uhr gelang es einem Rettungstrupp mit Atemschutz, tief in den Tunnel vorzudringen. Sie fanden die drei verunglückten Retter des ersten Trupps und arbeiteten sich dann bis zum blockierten Güterzug vor.
Dort konnten sie nur noch den Tod der sechs Besatzungsmitglieder feststellen.
Die Konsequenzen des Unglücks
Die nachhaltigste Folge des Zugunglücks vor einhundert Jahren war der sofortige Beschluss, die Rickenbahn im Eiltempo zu elektrifizieren. Was normalerweise Jahre gedauert hätte, wurde in Rekordzeit umgesetzt. Bereits sieben Monate nach dem Unglück wurde der elektrische Betrieb aufgenommen.
Nach der Tragödie wurden alle Depot- und Rettungsstützpunkte in der Nähe langer Tunnel flächendeckend mit Sauerstoff-Kreislaufgeräten ausgerüstet. Die Eisenbahnergewerkschaft klagte die SBB-Direktion wegen fahrlässiger Tötung an. Das Bundesstrafgericht sprach die Verantwortlichen jedoch frei, stellte aber im Urteil unmissverständlich fest, dass die Sicherheitsvorkehrungen der SBB ungenügend waren.
«Todesfalle Rickentunnel»
Am Sonntag 4. Oktober, um 14 Uhr, erinnert das Toggenburger Museum in Lichtensteig mit einem Vortrag des Eisenbahnhistorikers Anton Heer an das tragische Unglück vor genau 100 Jahren im Rickentunnel.
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst in den «Toggenburger Zeitung» erschienen.






