Alterszentrum: Bewohner können sich mit Rikschas kutschieren lassen!
Mit der Rikscha geht es für Bewohner des Alterszentrums Weinfelden nach draussen. Ehrenamtliche nehmen die Senioren mit auf Ausfahrten.

«Fahr etwas rückwärts vors Schild hin», weisst Aktuar Beat Gähwiler den Vereinspräsidenten Franz Portmann an. Die Technik des E-Dreirads will gelernt sein, so war letzten Montagnachmittag Instruktor Kurt Flückiger vor Ort, um die Rikscha den angehenden «Piloten» vorzuführen.
«Es braucht in der Tat etwas Übung», sagt Portmann und lacht. Noch hat er Verwaltungsratspräsidentin Heidi Güttinger und Heimleiter Roger Mathis als Testpersonen an Bord.
Schon bald sollen Bewohnerinnen und Bewohner des AZW die Möglichkeit haben, kostenlos eine Rundfahrt mit der Rikscha zu unternehmen.
Jüngster Verein in Weinfelden
«Es braucht Routine», sagt Kurt Flückiger vom Verein Radeln ohne Alter Schweiz, der wahrlich ein Profi im Umgang mit dem grossen Gefährt ist. Fahrgäste, der Pilot und das Velo wiegen insgesamt etwa 450 Kilo. «Es braucht Zeit, bis man sattelfest ist und parat für Passagiere», weiss er.
Die Touren werden zwischen einer halben und einer Stunde dauern, die Routen seien noch nicht in Stein gemeisselt. Ob eine Fahrt über Land oder einen Kurzausflug auf den Marktplatz mit Kafipause: «Wir sind flexibel», so Franz Portmann. In der Schweiz steht eine Rikscha bereits an 56 Standorten im Einsatz.

Weinfelden ist der neuste Verein, der sich der Initiative anschliesst, welche 2012 in Kopenhagen startete. Das Motto «Jeder hat das Recht auf Wind in den Haaren» wurde seither in die ganze Welt hinausgetragen. Die Präsentation des Projekts fand im Saal des Alterszentrums statt.
Im Kafi davor herrschte reges Treiben, es wurde Kuchen gegessen und geplaudert. Bis dahin wusste noch niemand, welche Neuigkeit sie in einer Stunde erreichen wird.
Perfekte Konstellation
Franz Portmann erzählte, wie er über eine Bekannte auf die Initiative aufmerksam wurde. «Sie ist selbst Rikscha-Pilotin», so der Präsident. Der Gedanke liess ihn nicht mehr los und so gründete er im Februar den Verein in Weinfelden.
Noch vor den Sommerferien waren die 15'000 Franken beisammen. Der grösste Batzen stammt vom AZW und Weinfelder Firmen und Stiftungen. Anfang September wurde die eigens für Weinfelden angefertigte Rikscha in Empfang genommen.
Fünf Piloten und eine Pilotin sind nun in der «Fahrschule». Kurt Flückiger traf in Weinfelden eine optimale Konstellation vor. «Ein engagierter Verein und eine Institution, welche hinter dem Projekt steht.»
Für das AZW wird so ihre Aktivierungsprogramm erweitert. «Ziel ist es, die Lebensqualität der Bewohnerinnen und Bewohner zu fördern», sagt Portmann. Der Gedanke gefiel auch Heimleiter Roger Mathis von Beginn an.
Für ihn sind zwei Punkte relevant: «Zum einen die Organisation. Zu Beginn werden die Pilotinnen und Piloten uns mögliche Termine mitteilen und wir kommunizieren diese intern», so Mathis.
Geplant sind eine Mitarbeiterinformation und die Weiterleitung der Neuigkeit an die Angehörigen «Das Pflegepersonal kennt unsere Leute und kann am besten einschätzen, für wen sich eine Fahrt eignet.» Es wird jeweils ein kurzes Briefing mit den Piloten geben.
Speziell bei dementen Passagieren ist das Vorwissen wichtig. Karl Flückiger kann auf einen grossen Erfahrungsschatz zurückgreifen: «Meist sind sie eher ängstlich zu Beginn, da sie sich nicht an vergangene Fahrten erinnern können.»
Die Verunsicherung lege sich meist schnell. Es bestehe auch die Möglichkeit, dass die Bewohnenden von einem Angehörigen begleitet würden.
Feuer und Flamme
Dass die Rikscha auch Passagiere ausserhalb des AZW buchen können, ist aktuell nicht geplant. Da sich die Rikscha aber auch für Menschen mit einer Beeinträchtigung eignet, sei eine Partnerschaft mit einer anderen Institution in Weinfelden angedacht. «Die Piloten dürfen die Rikscha aber für private Zwecke nutzen», so Portmann.
Als «Goodie» für ihr ehrenamtliches Amt. Bei einer kurzen Umfrage in der AZW-Cafeteria reichten die Reaktionen von «Oh nein, ich hab die Welt schon gesehen und geh nur noch bei uns in den Garten» bis zu «Das ist ja gigantisch!». Eine Angehörige war sogleich Feuer und Flamme.
Vor allem die Tatsache, dass das Angebot kostenlos ist, überraschte sie. «Komm, das probieren wir gleich aus!», sagte ihr Mann. «Können wir da auch jede Woche mitfahren?», fragte sie ganz euphorisch.
Auch eine Bewohnerin mit Demenz wollte am liebsten gleich losdüsen. Für viele ist der Alltag räumlich beschränkt, umso wertvoller ist das neue Angebot.
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst in den «Weinfelder Nachrichten» erschienen.








