Krieg

    Kiew und die Suche nach Normalität im Krieg

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    Deutschland,

    Rund 2,5 Millionen Menschen leben in Kiew. Im ersten Sommer seit dem Kriegsbeginn pendelt die Hauptstadt wie das ganze Land zwischen Gegensätzen. In den Vororten ergibt sich derweil ein anderes Bild.

    Keine Überbleibsel aus dem Zweiten Weltkrieg, sondern aus der derzeitigen Invasion: Russische Panzer und andere Militärfahrzeuge werden auf dem Michaelsplatz ausgestellt.
    Keine Überbleibsel aus dem Zweiten Weltkrieg, sondern aus der derzeitigen Invasion: Russische Panzer und andere Militärfahrzeuge werden auf dem Michaelsplatz ausgestellt. - Christophe Gateau/dpa

    Das Wichtigste in Kürze

    • Wer dieser Tage durch Kiew geht, kann schnell vergessen, dass Krieg herrscht.

    Sind die Kontrollen mit Soldaten, Panzersperren und Sandsackverschlägen an den Stadtgrenzen erst mal passiert, präsentiert sich die ukrainische Hauptstadt fast wie vor dem russischen Angriffskrieg.

    Menschen flanieren durch die Strassen und essen Eis, in Cafés treffen sich Jung und Alt, in Parks spielen Kinder neben picknickenden Eltern. Es scheint ein wenig so, als würden viele der rund 2,5 Millionen Kiewer die seit dem 24. Februar andauernde Invasion im städtischen Alltag am liebsten ignorieren - selbst wenn wieder einmal die Sirenen stundenlang vor drohenden Luftangriffen warnen. Eine Spurensuche in einer Stadt der Gegensätze.

    «Was sollen wir machen, uns wegen Putin weinend im Keller verschanzen? Dürfen wir nicht mehr lachen?», kontert eine junge Ukrainerin auf die für sie offenkundig überraschende Frage nach ihrer Angst im Alltag. Die Frau, die nach eigenen Angaben in Kiew studiert, wartet in einer Einkaufsstrasse unweit des Olympiastadions auf ihre Freunde und gibt sich betont gelassen. Spätestens wenn die Ukrainer aus Angst nicht mehr vor die Tür gingen, hätten die Russen gewonnen. «Sie greifen unsere Freiheit an, also zeigen wir ihnen, dass sie zwar das Land angreifen können, aber niemals unseren Freiheitsdrang.»

    Angesichts solcher Worte wundert es nicht, dass der Alltag in Kiew nur dann und dort ausbremst wird, wenn etwa die Sirenen vor Raketen warnen. Tierpark, Museen, Theater und Kinos haben geöffnet - wer Ablenkung und Zerstreuung will, muss nicht lange suchen.

    Und noch eine Frage drängt sich angesichts der Debatte um den jüngsten Besuch deutscher Politiker in Kiew auf. Es geht um ein Bild von Innenministerin Nancy Faeser, Arbeitsminister Hubertus Heil (beide SPD), Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko und der deutschen Botschafterin Anka Feldhusen. Auf dem Foto, aufgenommen am Montag auf dem Balkon der Residenz der Botschafterin, halten die vier Sektgläser in der Hand und lachen in die Kameras.

    Gegensätzlichkeit ist Teil des Alltags in Kiew

    In Deutschland formierte sich sofort eine Empörungswelle, von «Befremden» ist die Rede, bei Twitter überschlagen sich die Kritiker mit ihren Interpretationen. Zweifelsohne wirkt das Bild aus hiesiger Sicht deplatziert, in Kiew und Umgebung selbst gehört die Gegensätzlichkeit aber - auch das gehört zur Wahrheit - genauso in den Alltag wie die Besuche westlicher Politiker.

    Etwa auf dem wenige Kilometer entfernten Michaelplatz, wo sich die Gegensätzlichkeit in Form von verrosteten Panzern und anderen Kriegsgeräten noch plastischer zeigt. Hier stellt die Regierung zerstörte russische Waffen zur Schau, im Hintergrund glänzt die goldene Kuppel des Michaelsklosters, dazwischen flanieren Familien mit kleinen Kindern in bunten T-Shirts und Sandalen. Die unwirkliche Szenerie ist aber nicht nur ein beliebtes Fotomotiv - die Trophäenschau dürfte auch zum Ziel haben, der zunehmend kriegsmüden Bevölkerung Zuversicht und Durchhaltevermögen zu vermitteln.

    Und dies aus berechtigten Gründen: Beim Gang durch die Stadt sind längst nicht nur kämpferische Aussagen zu hören. Es gibt auch andere Töne, zweifelnde, die den Wunsch nach Frieden und einer Zukunftsperspektive offenlegen: «Wie lange soll der Krieg denn dauern? Was für eine Perspektive haben wir denn gegen die Russen?», sagt ein Mann mittleren Alters. Dass der Westen sich künftig derart einbringen werde, damit die Russen im Osten und Süden der Ukraine wieder zurückgedrängt werden könnten, sei leider nicht absehbar.

    Dabei reagiert die Stadtbevölkerung bei Luftalarm längst teils sehr abgestumpft. Wenn die Sirenen erklingen, wird es mancherorts zwar sehr laut, auch schliessen Banken und einzelne Geschäfte, das normale Leben geht aber weiter. Filmvorführungen werden erst abgebrochen, wenn der Alarm länger als 30 Minuten dauert. Nicht einmal die U-Bahn als Hauptbombenschutz hat durchgängig geöffnet. Wer in einer Station in der Nacht Schutz suchen will, muss bei einem Diensthabenden anrufen.

    Dass die Abstumpfung aber auch eine Gefahr darstellt, zeigt sich leider auch immer wieder. Erst am Donnerstag schlagen nördlich der Stadt Raketen ein - es gibt Verletzte. Ende Juni machen Schlagzeilen die Runde, dass ein neunstöckiges Wohnhaus und das Gelände eines Kindergartens von Raketen getroffen wurden.

    Ohnehin - auch das sieht man bei der Fahrt durch Kiew - ist die Situation in den Vororten eine gänzlich andere. So sind etwa in Irpin, Hostomel und Butscha im Nordwesten die Spuren der Zerstörung allgegenwärtig. An den Parkplätzen der Ausfallstrassen stapeln sich Autowracks, meist ausgebrannt und mit Einschusslöchern, an Häusern fehlen Fensterscheiben, die Wände schwarz vor Russ, es riecht noch immer nach verbranntem Gummi. Ein Grossteil der Menschen, denen die Flucht gelungen ist, können auch Monate nach dem Abzug der Russen nicht zurück, weil die Häuser meist unbewohnbar sind.

    Doch auch hier sucht sich das normale Leben wieder seinen Weg - Kinder spielen auf den Resten von Spielplätzen, Frauen schieben Kinderwagen an Sandsäcken und Strassensperren vorbei. Anders als in Kiew selbst ist die Stimmung schon angesichts der Zerstörung eine ganz andere. Die Menschen wirken verängstigt und wollen sich gegenüber Journalisten nicht wirklich äussern.

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