Grotesk, lustvoll, barock: Der Autor Gerold Späth ist gestorben
Nur zwei Tage vor seinem 87. Geburtstag ist der Schweizer Autor Gerold Späth gestorben. In den 1970-er und 1980-er Jahren galt er als eine der markantesten Stimmen der Deutschschweizer Literatur.

«Mit Gerold Späth verlieren wir einen grossen Erzähler» schrieb der Lenos Verlag am Donnerstag zum Tod des Autors, den die Familie dem Verlag mitgeteilt hatte. Gestorben ist Späth am 14. Oktober, am 16. wäre er 87 Jahre alt geworden.
Bereits mit seinem Debüt «Unschlecht» legte Späth 1970 ein literarisches Glanzstück vor. Die Londoner «Times» nannte es ein Meisterwerk. Dem frischgebackenen Autor brachte es den Conrad-Ferdinand-Meyer-Preis ein.
In dem 600 Seiten umfassenden Werk erzählt Johann Ferdinand Unschlecht in burlesken Episoden und mit einer von Helvetismen und Neologismen durchzogenen saftigen Sprache seine Lebensgeschichte: Durch eine Erbschaft zu Vermögen gelangt, wird der Simpel von seinen Dorfgenossen nach Strich und Faden abgezockt. Schaden macht ihn klug und eine Zweckheirat wieder reich, und Unschlecht mausert sich zum gerissenen Geschäftsmann Guttmann.
Späth knüpfte damit an die Tradition der Schelmenromane, etwa eines Grimmelshausen mit seinem Simplicissimus, an und er stellte sich als Autor vor, dessen Bücher von «von barocker Fülle, voller Sprachlust, derber Komik und abgründiger Melancholie» geprägt sind. So formulierte es der Lenos Verlag.
Auf sein Debüt folgten Wälzer wie «Stimmgänge», «Balzapf oder Als ich auftauchte» und «Commedia». Auch in ihnen variierte Späth schwadronierende, garstige Groteske mit schwelgerischer Sprache. Psychologische oder soziologische Realitäten interessierten ihn dabei weniger.
Vor allem mit «Commedia», einem Zeitpanorama im Stil des barocken Welttheaters mit 203 Lebensläufen, wurden grosse Kollegen wie Wolfgang Hildesheimer oder der spätere Nobelpreisträger Günter Grass auf ihn aufmerksam. 1979 erhielt Späth dafür den von Grass gestifteten ersten Alfred-Döblin-Preis.
Gerold Späth wurde 1939 in eine Orgelbauerdynastie in Rapperswil am oberen Zürichsee geboren. Er lernte Kaufmann und begann in den späten 1960-er Jahren mit dem Schreiben. In seinen Werken fand er im Ort seiner Herkunft, den er Barbaswila nannte, die ganze Welt – ähnlich wie vor ihm Gottfried Keller in Seldwyla.
Rapperswil sei der Ort, in dem seine Geschichten wohnten, sagte er einmal. Dabei fand er mit seinem Vergnügen am Grotesken deutliche Worte für die Enge, die Selbstgerechtigkeit und die Doppelmoral der heilen Schweizer Welt.
In Rapperswil stiess er damit auf wenig Gegenliebe. Die Stadt und ihre Bewohner sahen sich in seinem literarischem Tatort «Spiessbünzen – Molchgüllen – Barbarswila» verunglimpft und verweigerten seiner seit 400 Jahren ortsansässigen Familie erst einmal Aufträge für lokale Orgeln.
Nach einer Odyssee durch Verlage wie den deutschen Suhrkamp oder den österreichischen Steidl hat sich Lenos in Basel des Werks von Späth angenommen, mit Werken wie «Aufzeichnungen eines Fischers», «Mein Lac de Triomphe» und «Drei Vögel im Rosenbusch». In diesen späteren Werken ist sein Ton leiser geworden.
Einen neuen Rabelais, modernen Grimmelshausen oder Schweizer Boccaccio hat man Gerold Späth genannt. Geschrieben hat er beispielsweise so: «Was ist 'die Welt'? Diese kontinuierlich von Flachkopftechnokraten und perversen Hochleistungsfetischisten im Kreis herumjagendeIrrwitzgesellschaft?» Das Zitat stammt aus dem Schulbuchtext «Angela Sutter – Ein Lebenslauf»; es die Tirade einer 17-Jährigen über die Verlogenheit gesellschaftlicher Zukunftsversprechen.






