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    Studie: Arbeitsmärkte im Aufschwung - Armutsrisiko aber hoch

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    Deutschland,

    In vielen Industrieländern gehen die Beschäftigungszahlen nach der globalen Finanzkrise wieder klar hoch. Paradox: Die Armut sinkt trotzdem kaum. Eine Studie sieht trübe Aussichten für junge Generationen - auch in Deutschland.

    Philly Fed Index
    Der Philly Fed Index lässt für den Arbeitsmarkt in Philadelphia nichts Gutes erahnen. - dpa

    Das Wichtigste in Kürze

    • Arm trotz Arbeit und Aufschwung? Gut zehn Jahre nach Beginn der globalen Finanzkrise 2008 haben sich einer Studie zufolge zwar in vielen Industrieländern die Arbeitsmärkte deutlich erholt.

    Das habe aber keine entscheidenden Auswirkungen auf die Armutsquoten, stellt eine Untersuchung der Bertelsmann Stiftung in 41 Ländern der EU und OECD fest. In 25 Staaten stagniere das Armutsrisiko oder sei bis 2018 sogar noch gewachsen - Kinder treffe es häufiger als Ältere. Botschaft auch: Für die jungen Generationen seien die Aussichten in mehrfacher Hinsicht als «trübe» einzustufen.

    In dem am Donnerstag in Gütersloh veröffentlichten «Social Justice Index» kommt Deutschland auf Platz zehn. Für das Ranking zu sozialer Gerechtigkeit und Teilhabechancen waren sechs Kategorien ausgewertet worden: Anstrengungen zur Armutsvermeidung, Beschäftigung/Arbeitsmarkt, Bildungschancen, Generationen-Gerechtigkeit, Gesundheit sowie Politik gegen Diskriminierung. Die nordischen Länder Island, Norwegen, Dänemark, Finnland und Schweden sieht die Stiftung auf Spitzenpositionen. Die USA gehören mit Platz 36 zu den Schlusslichtern. Am schlechtesten schneiden Bulgarien, Rumänien, die Türkei und Mexiko ab.

    Das Missverhältnis zwischen Arbeitsmarkt-Entwicklung und Armutsdaten sei auffallend, betont Studienautor Thomas Hellmann. Die Arbeitlosenquote aller 41 Länder lag 2018 im Durchschnitt bei 5,3 Prozent. Damit fiel sie erstmals etwas geringer aus als vor Ausbruch der Finanzkrise im Jahr 2008. Den Spitzenplatz belege Tschechien mit einer Arbeitslosenquote von 2,3 Prozent. In Griechenland sei trotz erreichter Fortschritte noch jeder Fünfte ohne Job.

    Die recht gute Platzierung Deutschlands im Gesamtranking - vor Grossbritannien (Platz 11) und Frankreich (15) - beruhe auf der Erfolgskurve am Arbeitsmarkt. Die Jugendarbeitslosigkeit gehöre mit einer Quote von 6,2 Prozent zur weltweit niedrigsten. Die Beschäftigungsrate kletterte von 73,5 (2013) auf 75,9 Prozent. Aber: «Es gibt auch einigen Schatten. Der Niedriglohnsektor ist in Deutschland relativ gross. Und bei der Integration von Migranten in den Arbeitsmarkt gibt es viel Nachholbedarf», sagt Hellmann der Deutschen Presse-Agentur. Die Beschäftigung von Frauen habe sich erhöht, allerdings handele es sich häufig um schlechter bezahlte Teilzeit.

    Und, es scheint paradox: Das Armutsrisiko wuchs bundesweit auf 9,8 Prozent (2015: 9,4 Prozent) - fast jeder Zehnte lebte also 2018 in relativer Einkommensarmut, verfügte über weniger als 50 Prozent des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung, erläutert Hellmann die Definition. Bei einem Singlehaushalt in Deutschland habe die Grenze 2018 bei 950 Euro pro Monat gelegen. Und die Bundesrepublik gehöre zu dem einen Drittel unter den 41 Staaten, in denen Ältere über 65 Jahre häufiger von Armut bedroht seien als Heranwachsende bis 18 Jahre (7,6 Prozent).

    Linke-Parteichef Bernd Riexinger erklärt: «Das Paradigma einer Beschäftigung um jeden Preis kann als gescheitert betrachtet werden.» Die hohe Armutszahl sei «das desolate Ergebnis einer Liberalisierung und Flexibilisierung des Arbeitsmarkts» sowie des Ausbaus des Niedriglohnsektors. Es brauche faire Löhne, die auch armutsfeste Renten garantierten. Von Armut betroffen sind unter allen 41 Staaten am häufigsten die Menschen in Israel (17,9 Prozent) und in den USA mit 17,8 Prozent.

    Die Studienautoren mahnen, für die jungen Generationen sehe es alles andere als rosig aus: Es gebe eine besorgniserregende «Kluft zwischen Jung und Alt» in zahlreichen Staaten. Heranwachsende haben aktuell in 27 Ländern häufiger ein Armutsrisiko als Senioren. Und: In den Industrieländern werden die Menschen immer älter, wird der demografische Wandel deutlicher. «Alle Länder werden damit zu kämpfen haben. Ohne Umsteuern müssen die jungen Leute letztlich für die soziale Absicherung der Älteren immer mehr zahlen und erhalten später selbst dennoch nur eine kleine Rente», schildert Hellmann.

    Viele Staaten hinterlassen Kindern zudem einen gigantischen Schuldenberg. Mehrere Hunderttausend Dollar pro Kind unter 15 Jahren sind es Experte Hellmann zufolge schon heute oftmals, auch in Deutschland. Und wie sieht es mit dem ökologischen Erbe aus? Auch hier grosse Sorge: Die Klimapolitik sei viel zu zaghaft, moniert die Studie. Deutschland habe keine Vorbildrolle inne. Nur 14,2 Prozent des Energiebedarfs kommen aus erneuerbaren Quellen (Rang 24). Bei Island als Nummer Eins seien es 77 Prozent. Und bei Treibhausgas-Emissionen hinke Deutschland mit elf Tonnen pro Kopf (Rang 30) hinterher.

    «Der Aufschwung am Arbeitsmarkt könnte zum Bumerang für Politik und Wirtschaft werden, wenn er nicht mit einem sinkenden Armutsrisiko einhergeht», bilanziert Stiftungs-Vorstandschef Aart De Geus. In einigen Punkten müssten EU- und OECD-Staaten «nachsitzen.»

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