HCD-Captain Ken Jäger: «Man hat irgendwann die Schnauze voll»
Ken Jäger kehrt zurück zum Jugendklub Davos und wird Captain. Im Interview spricht er über seine neue Aufgabe und fünf verlorene Finals.

Ken Jäger wechselt nach sechs Saisons in Lausanne nicht nur mit einem 7-Jahres-Vertrag zurück zum Jugendklub Davos. Der 28-jährige Stürmer wird beim HCD auch gleich Captain.
Wie er auf diese Herausforderung blickt und was fünf verlorene Finals in zwei Jahren mit ihm machen, verrät er im grossen Interview.
SLAPSHOT: Der HCD hat Sie zum 30. Captain der Klubhistorie gemacht. Wie erlebten Sie diese Ehre?
Ken Jäger: Trainer Josh Holden und Sportchef Jan Alston kamen schon Mitte Juli mit dieser Idee an mich. Nach einer kurzen Bedenkzeit sagte ich zu.
SLAPSHOT: Damit hatten Sie als Neuzuzug kaum gerechnet …
Jäger: Erwartet hatte ich es nicht. Normalerweise ist das auch nicht üblich. Da ich aber Davoser bin und hier einen langen Vertrag unterschrieben habe, ist das ein Schritt, den man tätigen kann. Ich freue mich sehr auf diese Aufgabe!

SLAPSHOT: Haben Sie vor Ihrer Zusage mit routinierteren Teamkollegen gesprochen?
Jäger: Nein. Es war mir klar, dass ich das Amt gerne übernehme. Ich war auch in Lausanne mehrere Jahre in der Leadership-Gruppe und konnte von Spielern wie Genazzi, Raffl, Sekac oder zuletzt Riat lernen. Das wird mir helfen.
SLAPSHOT: Wie gehen Sie das Amt an?
Jäger: Ich will stets mit der richtigen Einstellung in die Eishalle kommen. «Lead by example» ist mir sehr wichtig: Alles geben auf dem Eis. Als Captain ist es zudem wichtig, stets darauf zu achten, dass es zwischenmenschlich im Team stimmt. Und gegen aussen repräsentierst du den Klub.
SLAPSHOT: Welche Erwartungen hat Trainer Holden?
Jäger: Ich solle ich selbst bleiben, mich nicht verstellen. Er sagte, dass er keine verrückten Dinge erwarte von mir.
SLAPSHOT: Machen wir ein Quiz: Wie viele HCD-Captains vor Ihnen können Sie aufzählen?
Jäger: Stransky, Ambühl, Rizzi, Gianola. (überlegt) Danach wird es schwierig. (lacht)
SLAPSHOT: Paterlini, Fischer, Nummelin, Equilino, Gross, Soguel. Da sind viele Klublegenden.
Jäger: Das sind alles grosse Namen. Ich bin aber noch mitten in meiner Karriere, da bin ich noch einiges entfernt von ihnen. Wichtig ist, dass ich Schritt für Schritt nehme.
SLAPSHOT: Als wäre das Captain-Amt nicht Verantwortung genug, kommt Ihr 7-Jahres-Vertrag dazu. Dachten Sie auch daran, dass ein derart langer Kontrakt Ihnen irgendwann um die Ohren fliegen könnte, falls es plötzlich nicht mehr passen sollte?
Jäger: Ja und Nein. Sieben Jahre sind eine lange Zeit. Aber es ist für mich doch etwas anderes, in Davos so einen Vertrag zu unterschreiben. Ich kenne den Ort und einen grossen Teil des Klubs. Das gibt Sicherheit. Auch wenn es einmal nicht so gut laufen sollte, bist du nicht sofort weg vom Fenster.

SLAPSHOT: Die Herausforderung im Team ist wie in Lausanne: Es wimmelt an guten Centern. Davos zum Beispiel hat bereits Corvi, Ryfors, Asplund. Wo sehen Sie sich in der Aufstellung?
Jäger: Ich werde Leistung zeigen müssen. Ich bin nicht irgendwo gesetzt, nur weil ich einen langen Vertrag unterschrieben habe. In Lausanne mussten Center auch auf den Flügel ausweichen. Aber Stürmer, die beides spielen können, sorgen für Breite und geben dem Coach Flexibilität.
SLAPSHOT: Sie haben von Davos aber keine Garantie erhalten, Center sein zu können?
Jäger: Das würde keinen Sinn machen, und darüber haben wir gar nie geredet. Mir ist es am wichtigsten, dem Team zum Erfolg verhelfen zu können – egal in welcher Rolle.
SLAPSHOT: Sie wohnten in Pully, einem kleinen Traumort oberhalb des Genfersees. Sie spielten für einen erfolgreichen Klub und hätten beim LHC bleiben können. Warum verlässt man so ein Setting?
Jäger: Für mich waren das sechs super Jahre, die ich nicht missen möchte. Aber nach sechs Jahren war es Zeit für etwas Neues und eine Möglichkeit, mich auch als Mensch weiterentwickeln zu können. Am Captainamt zum Beispiel kann ich in Davos wachsen.
SLAPSHOT: Sie haben beim LHC eine grosse Entwicklung als Spieler gemacht. Was bleibt vor allem in Erinnerung?
Jäger: Der erste Final 2024 war sehr speziell. Die Erinnerungen an diese coole Mannschaft und den Spass, den wir hatten, werden immer bleiben.
SLAPSHOT: Sie erlebten zunächst auch die turbulenten Zeiten in Lausanne mit den ständig wechselnden grossen Kadern. Wie haben diese Jahre Sie geprägt?
Jäger: Ich war noch relativ jung. Viele Dinge waren Entscheidungen über unseren Köpfen. Das beeindruckt dich schon. Das Wichtigste war, auf jene Sachen zu achten, die du beeinflussen kannst: wie du trainierst und spielst. Ich lernte, alles andere ausblenden zu können.
SLAPSHOT: Sie haben zwischen 2024 und 2026 fünf Silbermedaillen gesammelt: drei an der WM, zwei in der NL. Was machen so viele verlorene Finals in so kurzer Zeit mit einem Spieler?
Jäger: So blöd es auch tönt: Man hat irgendwann die Schnauze voll. Es sind nicht die Medaillen, die man will. Der Hunger wird dafür immer grösser.
SLAPSHOT: Bei der Finalniederlage an der WM gegen Finnland standen Sie beim entscheidenden Gegentor auf dem Eis. Verfolgt Sie diese Szene noch?
Jäger: Das sind die schwierigen Momente im Sport. Ich habe zunächst mir die Schuld gegeben an diesem Treffer. Aber mit etwas Abstand kann ich es anders anschauen. Wir haben zum dritten Mal hintereinander keinen Treffer erzielt im Final. So ist es schwierig zu gewinnen.
SLAPSHOT: Betreiben Sie Mentaltraining?
Jäger: Ja. Ich begann schon vor Jahren, hörte dann wieder auf, habe vor einer Weile aber wieder begonnen. Weil ich merke: Es hilft.
SLAPSHOT: Sind da solche Erlebnisse wie das Gegentor ein Thema? Oder geht es um übergeordnete Dinge?
Jäger: Beides. Erlebnisse aus dem Leben, aber auch dem Sport. Eine andere Perspektive kann helfen, nicht allzu streng mit sich selbst zu sein.

SLAPSHOT: Ihr letztes Jahr in Lausanne war vom offensiven Output her mit nur neun Punkten eines Ihrer schwächsten. Hatte es einen Einfluss, dass Sie den Wechsel zum HCD schon vor Saisonbeginn bekannt gaben?
Jäger: Es war schon speziell. Ich wollte gleichzeitig dem HCD zeigen, dass er den richtigen Entscheid getroffen hat und dem LHC beweisen, dass ich immer noch alles für ihn gab.
Da wurde ich schon auch verkrampft. Im November brach ich mir zudem die Hand und gab erst kurz vor Olympia das Comeback. Danach spielte ich noch eine super Saison: Olympia, Playoff, WM. Mental konnte ich viel lernen.
SLAPSHOT: Wie sehr half die Wertschätzung in der Nationalmannschaft? Sie behielten dort Ihre
Jäger: Rolle trotz Punkteflaute beim Klub. Egal ob Nati oder Klub: Wenn du das Vertrauen der Coaches hast, hilft dir das sehr.
SLAPSHOT: Der damalige Nationalteam-Direktor Lars Weibel sagte einmal, dass Sie im Staff auch als «kleiner Hischier» bezeichnet wurden.
Jäger: Das ist ein sehr schönes Kompliment.
SLAPSHOT: Wenn man Ihre Spielweise betrachtet, müsste er eines Ihrer Vorbilder sein.
Jäger: Das kann man so sagen. Nico ist auf dem ganzen Eis in allen Bereichen unglaublich gut: ofbefensiv, defensiv, Boxplay, Powerplay. Das konnte ich im Nationalteam nun auch hautnah miterleben. Ich glaube, dass er sogar in der NHL immer noch unterschätzt wird. Ich versuche auch, derart flexibel zu sein und den Coaches viele Optionen zu geben.
SLAPSHOT: Wo wurde Ihre Entwicklung zum Zwei-Weg-Stürmer vor allem beeinflusst? In Lausanne?
Jäger: Mein defensives Gewissen entwickelte ich wohl schon zuvor in Schweden in der zweithöchsten Liga. Wir hatten auf dem Papier eine relativ schwache Mannschaft und kamen dennoch in beiden Jahren ins Playoff. Ich lernte dort, was es heisst, auf dem ganzen Eis verantwortungsvoll zu spielen.

SLAPSHOT: Welche Elemente sind wichtig, um ein taktisch disziplinierter Spieler zu sein?
Jäger: Das Verhalten ohne Puck ist sehr wichtig. Du willst schon bei der Auslösung am richtigen Ort sein und nicht mit Spekulieren auf einen Breakaway «bescheissen».
SLAPSHOT: Grosse Spielintelligenz ist auch ein Muss. Kann man die lernen oder hat man diese?
Jäger: Mir half das viele reine Spielen auf dem Eis als Kind. Man kann es heute sicher auch mit Videostudium verbessern. Aber wenn man es ab einem gewissen Alter nicht hat, wird es schwierig.
SLAPSHOT: Gab es den einen Moment, als Sie merkten, dass Sie das Spiel gut lesen können?
Jäger: Schwierige Frage. Natürlich musste ich mich noch entwickeln nach der Juniorenzeit. Aber ich denke, dass ich das immer in mir drin hatte.
Ken Jäger
Nationalität: Schweiz
Geboren: 30. Mai 1998
Grösse: 187 cm
Gewicht: 88 kg
Beim HC Davos seit: 2026
Vertrag bis: 2032/33
Bisherige Klubs: Lausanne HC, Västerviks IK (Hockey Allsvenskan), Rögle BK (SHL/J20 SuperElit), EHC Visp (SL), HC Davos
SLAPSHOT: An der WM und bei Olympia spielten Sie gegen Weltklasse-Zwei-Weg-Center wie Barkov oder Crosby. Nützen Sie solche Begegnungen auch als Learning?
Jäger: Im Nachhinein sicher. In Erinnerung geblieben ist mir zum Beispiel Barkovs Ruhe am Puck. Oder wie er das ganze Spiel auf sein Tempo herunterfahren kann. Wie er mit seinem Riesenstock den Puck abdeckt. Wie gut diese Top-Spieler wirklich sind, war schon beeindruckend im Vergleich mit uns.
Das gilt auch für unsere Schweizer NHL-Spieler: Wie ein Hischier oder ein Fiala mit dem Puck umgehen können, ist wortwörtlich eine andere Liga. Oder wie Nico im Spiel ohne Puck agiert ebenso.








