Wie das Tessin zur Schweiz kam

    Manuela Weber
    Manuela Weber

    Lugano,

    Der Kanton Tessin ist heute fest in der Schweiz verankert, doch das war nicht immer so. Die Geschichte des Tessins ist geprägt von Kämpfen und fremden Mächten.

    Bellinzona Castelgrande
    Bellinzona war im 18. Jahrhundert ein Untertanengebiet der Eidgenossen. Im Bild: Bellinzona Castelgrande. - Switzerland Tourism / Jan Geerk

    Das Wichtigste in Kürze

    • Der Weg des Tessins zur Schweiz war konfliktreich.
    • Das Tessin war einst ein Untertanengebiet der Alten Eidgenossenschaft.
    • Die Tessiner wollten nicht Untertanen, sondern gleichberechtigte, freie Schweizer sein.
    • 1848 wurde das Tessin schliesslich Teil des Schweizer Bundesstaats.

    Der Kanton Tessin gehört heute selbstverständlich zur Schweiz. Doch der Weg dahin war voller Konflikte und Machtkämpfe, die bis ins 16. Jahrhundert zurückreichen. Erst im 18. Jahrhundert – mit der Französischen Revolution und Napoleons Einfluss in Europa – veränderte sich die Lage.

    Die Bevölkerung sehnte sich nach Freiheit und Selbstbestimmung. Statt Untertanen zu sein, wollten die Tessiner gleichberechtigt in der Eidgenossenschaft leben. Sie wollten als freie Schweizer anerkannt werden.

    Kennst du die Geschichte des Kantons Tessin?

    Das sind die wichtigsten Stationen des Tessins auf dem Weg zu einem gleichberechtigten Kanton in der Schweiz.

    Fremdherrschaft durch die Eidgenossen

    Die Eidgenossen eroberten bis 1521 vom Herzogtum Mailand das Gebiet vom Gotthardpass bis nach Chiasso. Doch das Tessin wurde zunächst nicht wie ein gleichberechtigter Kanton behandelt.

    Die Region war ein sogenanntes Untertanengebiet und wurde von Landvögten regiert, die von den einzelnen Orten der Eidgenossenschaft gestellt wurden.

    Lugano, Monte Bre
    Heute gehört das Tessin selbstverständlich zur Schweiz dazu. Im Bild: Monte Bre, Lugano. - Switzerland Tourism / Silvano Zeiter

    Diese Landvögte verwalteten das Tessin oft mit harter Hand. Die Tessiner mussten als Untertanen der Eidgenossen Kriegsdienst und Abgaben leisten. Die Bevölkerung hatte kaum Mitspracherecht und sah die Eidgenossen damals eher als Fremdherrscher denn als Verbündete.

    Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts kam Bewegung in die Situation. Mit der Französischen Revolution und Napoleons Aufstieg veränderten sich die politischen Landschaften Europas grundlegend.

    Französische Revolution

    1797 gründete Napoleon nach seinem Italienfeldzug in Norditalien die Cisalpinische Republik, basierend auf Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Dieses Verständnis sollte auch auf die umliegenden Gebiete ausgeweitet werden.

    Die Cisalpinische Republik umfasste grosse Teile Norditaliens, darunter die Lombardei, Emilia-Romagna und Teile des Veneto. Auch das bünderische Veltlin wurde in die Cisalpinische Republik integriert.

    Cisalpinische Republik
    Die Cisalpinische Republik im Jahr 1799. - The Cambridge Modern History Atlas. Wikimedia Commons

    Diese Veränderungen auf der politischen Landkarte nahmen die Tessiner als Anlass, um gegen die Fremdverwaltung durch die Eidgenossen zu putschen. Wollten sie die Eidgenossen loswerden und ebenfalls Teil der Republik Napoleons werden?

    Zugehörigkeit zur Schweiz – aber nicht als einheitlicher Kanton

    Nein, die Tessiner hatten andere Pläne. Sie wollten zwar die eidgenössische Fremdherrschaft loswerden, sich danach allerdings nicht einer neuen Herrschaft unterordnen. Sie wollten Teil der Schweiz sein – aber nicht als Untertanen, sondern als freie Schweizer.

    Als Zeichen der Zugehörigkeit zur Schweiz wurde am 15. Februar 1798 in Lugano ein Freiheitsbaum errichtet, gekrönt mit einer Tellenmütze.

    Piazza Grande, Locarno
    Das Tessin bestand damals aus acht Untertanengebieten: Bellinzona, Blenio, Leventina, Locarno, Lugano, Mendrisio, Vallemaggia, Riviera. Im Bild: Piazza Grande in Locarno. - Switzerland Tourism / Markus Buehler-Rasom

    Das Tessin war damals aber kein einheitlicher Kanton, sondern in acht verschiedene Untertanengebiete, sogenannte Vogteien, aufgeteilt. Nachdem Lugano seine Zugehörigkeit zur Schweiz bekundet hatte, schlossen sich auch die anderen Gebiete diesem Vorhaben an.

    Die einzelnen Untertanengebiete unterschieden sich wesentlich voneinander und wollten sich nicht zusammenschliessen. Deshalb gab es noch immer keinen einheitlichen Kanton Tessin.

    Während der Helvetischen Republik von 1798 bis 1803 wurde das Gebiet erstmal in zwei Kantone aufgeteilt: die Kantone Lugano und Bellinzona.

    Zusammenschluss des Tessins und neue Bedrohungen

    1803 wurde die Eidgenossenschaft durch Napoleon als föderaler Staatenbund neu gegründet. Dabei wurden auch die beiden Teilgebiete des Kantons Tessin vereint.

    Kirche Madonna del Sasso
    Das Tessin ist heute ein beliebtes Ausflugsziel. Im Bild: Kirche Madonna del Sasso mit Sicht auf Locarno und Lago Maggiore, Orselina. - Switzerland Tourism / Ivo Scholz

    Doch schon 1815 wurde Tessins Einheit wieder bedroht: Einige eidgenössische Kantone wollten nämlich ihre alten Gebiete zurück, darunter der Kanton Uri. Die Tessiner Regierung konnte diese Ansprüche knapp abwehren. 1848 wurde Tessin schliesslich Teil des neu gegründeten Schweizer Bundesstaats.

    Entscheidung: Zugehörig zu Italien oder der Schweiz?

    Trotzdem war die Zugehörigkeit des Tessins zur Schweiz noch immer umstritten. Im 19. Jahrhundert, als in Italien die Bewegung zur nationalen Einheit an Fahrt aufnahm, hatten auch viele Tessiner Sympathien für das Nachbarland. Die Nähe zur italienischen Kultur und Sprache führte dazu, dass manche Tessiner eine stärkere Bindung zu Italien empfanden.

    Dennoch blieb die Mehrheit der Tessiner Bevölkerung loyal zur Schweiz. Es war eine bewusste Entscheidung der Bevölkerung, die sich der Freiheit und Autonomie in der Eidgenossenschaft verbunden fühlte.

    Ronco sopra Ascona
    Niemand bezweifelt mehr die Zugehörigkeit des Tessins zur Schweiz. Im Bild: Kirche von Ronco sopra Ascona über dem Lago Maggiore. - Switzerland Tourism/Markus Buehler-Rasom

    Heute ist das Tessin ein unverzichtbarer Teil der Schweiz. Kaum ein Tessiner wünscht sich ernsthaft eine Zugehörigkeit zu Italien. Auch die restliche Schweiz möchte das Tessin nicht missen. Das Tessin ist heute eine Brücke zwischen Nord und Süd – fest verankert in der Eidgenossenschaft.

    Mehr zum Thema:

    Kommentare

    Der Name Butlers

    Grazie mille Ignazio Cassis per essere il nostro consigliere federale.

    User #6050 (nicht angemeldet)

    Voralberg an die Schweiz, Tessin an Italien und Süd -Tirol an Öestreich, das wäre geil.

    Weiterlesen

    Schweizer Fahne
    18 Interaktionen
    Überraschend
    zwei Frauen
    8 Interaktionen
    Erst spät anerkannt
    höhlenforscher
    7 Interaktionen
    Kampf der Giganten
    Arbeit
    Chronoworking

    MEHR IN LIFESTYLE

    Welche Städte begeistern Reisende am meisten? Ein aktuelles Ranking zeigt die attraktivsten Metropolen der Welt. Bild: Adobe Stock
    62 Interaktionen
    Rangliste
    Swiss Activities
    Swiss Activities
    KGM Musso
    28 Interaktionen
    Südkoreaner
    Viele Reisende scheuen laut einer aktuellen Studie den zusätzlichen Aufwand rund ums Laden und greifen beim Mietwagen lieber zum Verbrenner. Bild: Adobe Stock
    Lieber Benziner

    MEHR AUS LUGANO

    Schweiz U21 Nati Luxemburg
    4 Interaktionen
    EM-Quali
    Lago Maggiore
    40 Interaktionen
    Wärmeres Wasser
    Tessiner Kantonspolizei
    Tragödie bei Lugano
    Seilbahn Ribi-Wannelen
    3 Interaktionen
    Ausflüge