Anhaltende Kriege, Klimakrise, Corona-Pandemie: Der Bedarf nach humanitärer Hilfe steigt. Weltweit sind 274 Millionen Menschen auf Nothilfe angewiesen.
Frau mit rotem Gewand
Somalia wird immer wieder von Dürren heimgesucht – mit schwerwiegenden Folgen für die Menschen in der Region - World Vision

Das Wichtigste in Kürze

  • Laut UN werden in diesem Jahr 274 Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen sein.
  • Das entspricht einer Zunahme von 17% im Vergleich zum Vorjahr und stellt einen Rekord dar.
  • Am gravierendsten ist die humanitäre Situation in Afghanistan, Äthiopien und im Jemen.

2022 beginnt mit einem traurigen Rekord: 41 Millionen Menschen in 43 Ländern stehen am Rande einer Hungersnot. Und 80 Millionen Menschen – mehr als je zuvor – waren im letzten Jahr gezwungen, aus ihrer Heimat zu fliehen.

Auf diese dramatische Situation weist das «International Rescue Commitee» (IRC) in seinem Bericht «Emergency Watchlist» hin.

Die Emergency Watchlist listet seit zehn Jahren die jeweils 20 schlimmsten humanitären Krisen der Welt auf.

In diesem Jahr wird die Liste von Afghanistan angeführt, gefolgt von Äthiopien und Jemen auf Platz drei. In den Top 10 stehen des Weiteren die fünf afrikanischen Länder Nigeria, Südsudan, Demokratische Republik Kongo, Somalia und Sudan sowie Myanmar und Syrien, das den letzten Platz der Liste einnimmt.

Diese Krisen sind so gravierend, dass die Menschen auf humanitäre Hilfe, Hilfe also, um zu überleben, angewiesen sind.

Familie in Kenya
Bei einer langanhaltenden Dürre sind Menschen oft auf humanitäre Hilfe angewiesen, um zu überleben. - World Vision

Laut des Berichts «Global Humanitarian Overview» des UN-Amts für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) werden im Jahr 2022 voraussichtlich 274 Millionen Kinder, Frauen und Männer humanitäre Hilfe und Schutz benötigen. Das entspricht einer Zunahme von 17 Prozent im Vergleich mit dem Vorjahr.

Der OCHA-Untergeneralsekretär Martin Griffiths machte Anfang Dezember in Genf deutlich, dass die Anzahl Schutzbedürftiger zusammen das viertbevölkerungsreichste Land der Welt bilden würden.

Damit sei im Durchschnitt jeder 29. Erdenbewohner betroffen, erläuterte Griffiths, was eine schockierende Rekordzahl darstelle.

Die Gründe für die massive Zunahme des Bedarfs an humanitärer Hilfe sind komplex und herausfordernd. Meist ist es eine Kombination verschiedener Faktoren, die eine humanitäre Krise auslösen.

98 Prozent der Afghanen haben nicht genügend Nahrung

Auch in Afghanistan ist das Zusammenspiel verheerender Ereignisse Ursache für eine humanitäre Krise. Das UN-Welternährungsprogramm (WFP) warnt, dass «eine Spirale von Wirtschaftskrise, Konflikten und Dürre dazu geführt hat, dass eine durchschnittliche Familie jetzt kaum noch mit der Lage fertig wird.»

Fast jede Afghanin und jeder Afghane leidet Hunger. Den Menschen geht das Geld aus, während gleichzeitig alles teurer wird, besonders Lebensmittel und Medikamente.

Eine Telefonumfrage des WFP ergab, dass 98 Prozent aller Bewohner eigenen Angaben zufolge über zu wenig Nahrung verfügen.

Zwei Afghaninnen
Fast die gesamte Bevölkerung hat nach eigenen Angaben nicht genügend zu essen. - World Vision

Nach der Eroberung Kabuls durch die Taliban wurden viele internationale Hilfsgelder eingefroren und Finanzsanktionen auferlegt – mit nachvollziehbaren Absichten, aber verheerenden Konsequenzen für die Menschen.

Die Arbeit der Hilfswerke wird dringend benötigt

Umso wichtiger ist es, dass Hilfsorganisationen weiterhin vor Ort bleiben, um die Menschen mit dem Wichtigsten zu versorgen – auch wenn es immer schwieriger wird, die grösser werdenden Versorgungslücken zu schliessen.

«Afghanische Mütter und Väter stehen in diesen Tagen vor der schrecklichen Entscheidung, welches Kind sie für Lebensmittel verkaufen wollen. Verzweifelte Familien verkaufen ihre eigenen Töchter, verheiraten sie mit älteren Männern oder in die Sklaverei.

Dies gab es zwar schon vor der Machtübernahme durch die Taliban, durch die derzeitige Hungerkrise ist es jedoch noch viel schlimmer geworden», erklärt Asuntha Charles, National Director von World Vision Afghanistan eine der verheerenden Folgen des Hungers.

Flüchtlingscamp
Humanitäre Hilfe ist in Krisensituationen lebensrettend. In Afghanistan ist die Situation besonders dramatisch. - World Vision

Die internationale Hilfsorganisation World Vision entschied, trotz der unsicheren Lage in Afghanistan ihre Arbeit im Land fortzusetzen. Im September konnten lebensnotwendige Dienste nach einer Unterbrechung wieder aufgenommen werden:

Mit mobilen Gesundheits- und Ernährungsmassnahmen können unterernährte Kinder versorgt und dringende Gesundheitsprobleme behandelt werden.

Politische Instabilität nimmt zu

Auch das Zusammenfallen von Klimaextremen und politischer Instabilität – wie das Beispiel Somalia zeigt, können Grund für eine humanitäre Krise sein.

Im ostafrikanischen Land herrscht seit mehr als 30 Jahren Bürgerkrieg, und es erlebt immer wieder lang anhaltende Dürren.

Die Region stehe vor «der vierten ausgefallenen Regenzeit in Folge», teilte das OCHA mit. Die Zahl der Menschen, die in Somalia humanitäre Hilfe benötigen, werde voraussichtlich um 30 Prozent von heute 5,9 Millionen auf etwa 7,7 Millionen im Jahr 2022 steigen.

Familie in Somalia
Lang anhaltende politische Unruhen und zunehmend häufiger auftretende Wetterextreme haben in Somalia zu einem erhöhten Bedarf an humanitärer Hilfe geführt. - World Vision

Die Klimakrise treffe die am meisten gefährdeten Menschen der Welt zuerst und am schlimmsten, präzisierte Griffiths. Die weltweite Corona-Pandemie und die wirtschaftlichen Folgen des Lockdowns seien ein zusätzlicher Brandbeschleuniger.

Langwierige Konflikte dauerten an, und die Instabilität habe sich in mehreren Teilen der Welt verschlimmert.

Nicht genügend Geld vorhanden

Um die Vielzahl an humanitären Herausforderungen bewältigen zu können, braucht allein die UN mehr als 40 Milliarden US-Dollar (36,7 Milliarden Schweizer Franken). Bislang hätten die Geberländer allerdings erst 17 Milliarden US-Dollar (15,6 Milliarden Schweizer Franken) für 2022 bereitgestellt.

Martin Griffiths appellierte deshalb in Genf an die Staatengemeinschaft, die Not Hilfsbedürftiger zu lindern. Von vielen Krisen seien besonders Frauen und Kinder betroffen.

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