Astrazeneca hat der EU immer wieder Hiobsbotschaften übermittelt: Leider könne man viel weniger Corona-Impfstoff liefern als gedacht. Nun wurden in Italien Millionen Dosen entdeckt. Das Unternehmen liefert eine Erklärung.
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Ampullen mit dem Impfstoff des schwedisch-britischen Pharmakonzerns Astrazeneca. Foto: Nicolas Armer/dpa - dpa-infocom GmbH

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Hersteller Astrazeneca lagert in Italien 29 Millionen Dosen Corona-Impfstoff.

Weil der Konzern mit seinen vertraglich zugesicherten Lieferungen an die Europäische Union massiv im Rückstand ist und Impfstoff in der EU überall fehlt, sorgte diese Nachricht der italienischen Zeitung «La Stampa» für erheblichen Wirbel. Das britisch-schwedische Unternehmen versuchte schliesslich, die Sache aufzuklären.

Zumindest ein Teil des Impfstoffs - 16 Millionen Dosen - solle in den nächsten Wochen an die EU geliefert werden, man warte auf die Freigabe durch die Qualitätskontrolle, erklärte der Hersteller. Die übrigen 13 Millionen Dosen sollten an die Initiative Covax gehen, die Impfstoff in ärmere Länder bringt. «Der Impfstoff wurde ausserhalb der EU hergestellt und in das Agnani-Werk gebracht, um in Fläschchen abgefüllt zu werden», erklärte Astrazeneca.

Zu dem Zeitpunkt hatten sich schon etliche Kritiker des Unternehmens zu Wort gemeldet, das nun zum x-ten Mal aus unterschiedlichen Gründen in den Schlagzeilen ist. Der CSU-Politiker Manfred Weber verlangte auf Twitter Aufklärung und meinte: «Das ist völlig inakzeptabel.» Der CDU-Gesundheitsexperte Peter Liese erklärte, er sei «fassungslos». Ein EU-Beamter in Brüssel äusserte sich zurückhaltender, stellte aber fest: «Ich kann mir keinen Grund denken, warum man in dieser Pandemielage Impfstoffe auf Halde legen würde.»

Dem hielt Astrazeneca entgegen: «Es ist nicht korrekt, dies als einen Vorrat zu bezeichnen. Der Prozess der Herstellung von Impfstoffen ist sehr komplex und zeitaufwendig. Insbesondere müssen die Impfstoffdosen auf die Freigabe durch die Qualitätskontrolle warten, nachdem die Abfüllung der Fläschchen abgeschlossen ist.»

Die Aufregung zeigt unter anderem, wie aufgerieben die Beziehung zwischen dem Pharmakonzern und der EU inzwischen ist. Beide hatten im August 2020 einen Vertrag über bis zu 400 Millionen Impfdosen geschlossen. Im ersten Quartal wollte Astrazeneca nach Brüsseler Angaben ursprünglich 120 Millionen Impfdosen an die EU liefern - und kürzte dies dann einseitig auf 30 Millionen. «Aber sie sind Stand heute noch nicht einmal in der Nähe dieser Zahl», sagte EU-Kommissionsvizepräsident Valdis Dombrovskis. Im zweiten Quartal stellt Astrazeneca nun offiziell 70 Millionen Dosen in Aussicht - statt der vereinbarten 180 Millionen.

EU-Vertreter werfen dem Konzern ständige Ausflüchte und undurchsichtige Angaben vor, warum die EU viel weniger bekommt als verabredet. Der Lieferrückstand von Astrazeneca ist einer der Gründe, warum die EU-Kommission am 1. Februar eine Exportkontrolle einführte und am Mittwoch sogar noch verschärfte. Herstellern, die EU-Verträge nicht erfüllen, kann die Ausfuhr untersagt werden. Astrazeneca ist bisher die einzige Firma, bei der dieses Möglichkeit einmal angewendet wurde: Italien stoppte 250.000 Impfdosen für Australien.

Nach dem «Fund» der 29 Millionen Dosen in Italien lautete die These deshalb sofort, die Vakzine seien für den Export nach Grossbritannien gedacht. So schrieb es «La Stampa», die die Abläufe so schilderte: EU-Binnenmarktkommissar Thierry Breton, inzwischen eine Art Impfstoff-Beauftragter von Kommissionschefin Ursula von der Leyen, habe Anfang März die Fabrik Halix im niederländischen Leiden besucht, die für Astrazeneca Corona-Impfstoff herstellt. Dort sei der Kommissar misstrauisch geworden. Er habe Italien unterrichtet, wo Astrazeneca Impfstoff abfüllen und verpacken lässt.

Bei einer Inspektion durch italienische Behörden seien dann in den Kühlkammern die 29 Millionen Dosen entdeckt worden. Die italienische Regierung bestätigte am Mittwoch, dass eine Anlage von Catalent in Anagni auf Bitten der EU-Kommission inspiziert wurde. Ziel der inspizierten Impfstoffe sei Belgien gewesen, hiess es aus Rom - was weitere Fragen aufwarf.

Astrazeneca hat auch und vor allem umfassende Lieferpflichten an Grossbritannien, was seit Wochen für Spannungen zwischen Brüssel und London sorgt. Dabei geht es auch immer wieder um die Fabrik in Halix. Diese produziert nach Angaben der EU-Kommission seit geraumer Zeit. Sie hat aber bisher keine EU-Zulassung - nach Darstellung aus EU-Kreisen, weil das Unternehmen den Antrag nicht vorantrieb.

Die für die Zulassung der Anlage zuständige EU-Arzneimittelbehörde EMA wollte sich diese Woche auf dpa-Anfrage über Details des Verfahrens nicht äussern. In jedem Fall wird schon länger gerätselt, wie viel und für wen Halix produziert. Grossbritannien hofft dem Vernehmen nach, den Grossteil des dort hergestellten Impfstoffs zu bekommen. Die britische Regierung stellte jedoch klar, dass man keine Exporte aus dem Kontingent in Anagni erwarte. Astrazeneca betonte: «Es sind derzeit keine Exporte ausser in Covax-Länder geplant.»

Aus deutschen Regierungskreisen hiess es, man habe sich erstmal gefreut, «dass da 29 Millionen Dosen offensichtlich sind». Und weiter: «Vielleicht gibt es jetzt die Möglichkeit, die Lieferungen deutlich aufzustocken.» Nach der Erklärung von Astrazeneca sieht es so aus. Rom will dennoch die für den Gesundheitsschutz zuständigen Carabinieri nun alle ausgehenden Impfstoff-Partien in Anagni kontrollieren lassen.

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