Schwerer Rückschlag für Äthiopiens Regierung und Ministerpräsident Abiy Ahmed: Im Konflikt um die Region Tigray im Norden des Landes haben Aufständische die Regionalhauptstadt Mekele anscheinend weitgehend kampflos zurückerobert.
Strasse in Mekele am Freitag
Strasse in Mekele am Freitag - AFP/Archiv

Das Wichtigste in Kürze

  • Addis Abeba ruft nach Vertreibung der Übergangsregierung einseitig Waffenruhe aus.

Soldaten, die der früheren abtrünnigen Regionalregierung die Treue halten, marschierten am Montag in die Stadt ein. Die von der Zentralregierung in Addis Abeba eingesetzte Übergangsverwaltung war zuvor geflohen. Abiy rief Staatsmedien zufolge einseitig eine Waffenruhe aus.

Vor dem Einmarsch der Aufständischen in Mekele hatte es aus der eingesetzten Übergangsregionalregierung bereits geheissen, diese habe ihren Sitz verlassen. Die Kämpfer der Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF) hatten die Stadt demnach zunächst umzingelt.

Alle hätten Mekele «verlassen. Die letzten gingen am Nachmittag», sagte ein Vertreter der Übergangsregierung, der anonym bleiben wollte, der Nachrichtenagentur AFP. Tigray habe nun «keine Regierung» mehr. Zeugen berichteten, dass auch Soldaten und Bundespolizisten aus Mekele flohen. Einige plünderten demnach Banken und beschlagnahmten Privatfahrzeuge. Auch ein Mitarbeiter einer Hilfsorganisation bestätigte die Flucht von Tigrays Übergangsregierung.

Ein UN-Beamter sagte, dass Soldaten die Satellitenkommunikationsanlagen mehrerer UN-Organisationen in Mekele demontiert hätten, offenbar um die Kommunikation aus der Stadt heraus zu unterbinden. «Ich verurteile diese Aktion auf das Schärfste», erklärte die Chefin des UN-Kinderhilfswerks, Henrietta Fore, auf Twitter. Die Soldaten hätten das Völkerrecht «bezüglich des Respekts humanitärer Hilfsobjekte» gebrochen.

Am Abend waren laut übereinstimmenden Augenzeugenberichten Freudenschüsse in Mekele zu hören. Die Einwohner der Stadt feierten demnach die Ereignisse und tanzten auf der Strassen. «Alle sind aufgeregt, es gibt Musik auf den Strassen. Alle haben ihre Fahnen ausgerollt und die Musik spielt», schilderte ein Bewohner.

Abyis Regierung verkündete eine Feuerpause. «Eine bedingungslose, einseitige Waffenruhe ab heute, 28. Juni, wurde ausgerufen», hiess es in einer Erklärung, aus der Staatsmedien am Abend zitierten. Damit solle es den Bauern in der Region ermöglicht werden, in Frieden ihre Äcker zu bestellen. Ausserdem könnten dank der Feuerpause unbehelligt Hilfsgüter an die Bevölkerung verteilt werden und die «TPLF-Truppen den Weg des Friedens wieder einschlagen».

Zuvor hatte der staatsnahe Sender Fana gemeldet, der Chef der Übergangsregierung von Tigray, Abraham Belay, habe die Zentralregierung aufgerufen, aus humanitären Gründen einer Waffenruhe zuzustimmen. Dies sei nötig, damit der Konflikt «nicht noch mehr Schaden» anrichte.

Äthiopische Regierungstruppen hatten im November die in Tigray regierende Volksbefreiungsfront TPLF angegriffen. Abiy, der 2019 den Friedensnobelpreis erhalten hatte, begründete den Einmarsch damit, dass Aufständische zuvor Militärbasen angegriffen hätten.

Die Regionalhauptstadt Mekele wurde nach nur drei Wochen eingenommen. Kurz darauf erklärte Abiy die TPLF für besiegt. Seine Regierung setzte eine Übergangsverwaltung ein. Doch auch Monate später gingen die Kämpfe weiter. Immer wieder gab es Berichte über Gewaltexzesse und zahlreiche zivile Opfer.

Die mehr als fünf Millionen Einwohner der Region wurden ausserdem fast vollständig von der Aussenwelt abgeschnitten. Hilfsorganisationen zufolge leiden in Folge der Kämpfe 350.000 Menschen in Tigray unter einer Hungersnot.

Mehr zum Thema:

Friedensnobelpreis Abiy Ahmed Regierung Twitter Bauern